Was steckt hinter der Selbstbeschreibung „moderner Konservativer“?


Es hat sich eingebürgert, das edle Fahnenwort „konservativ“ bei der Selbstbeschreibung mit dem Adjektiv „modern“ abzusichern. Um deutlich zu machen, dass man nichts zu tun haben möchte mit dem Erbe verlorener Illusionen, mit der Demut vor der Dauer. Man möchte dem Fortschritt nicht im Weg stehen und ordnet sich ihm deshalb semantisch bereitwillig unter. Denn „Moderner Konservativismus“, das klingt nach: „gut rasiert“.

Selbst die Grünen haben nichts dagegen, im Gegenteil: die Veröffentlichung ihrer Männlichkeitsenzyklika zeugt von der Erkenntnis, dass „Transformation“ als einziger Richtungswert nicht abend- beziehungsweise urnenfüllend wirkt. Die Entdeckung der Männlichkeit – übrigens auch so ein Wort, das man gerne mit „modern“ abfedert – als Hoffnungsschimmer, um bei jungen Simson-Fahrern zu punkten? Grünen-Chef Felix Banaszak, den man als modernen Mann hin und wieder auf Westberliner Spielplätzen sieht, hat zum Ausweis seiner Männlichkeit jetzt sogar dem „Playboy“ ein Interview gegeben.

Und darin die erprobte Denkfigur einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen propagiert: „Du kannst im Fitnessstudio pumpen gehen oder dir die Fingernägel lackieren. Von mir aus geh mit lackierten Fingernägeln pumpen. Du kannst Lastenrad fahren oder BMW X3 – alles fein.“ Anything goes – die Moderne hat Platz für alles, nur eben nicht mehr für die Entschiedenheit, etwas ganz und gar zu sein.

Nur keine Gleichzeitigkeit

Dabei war sie doch einst selbst in genau diesem Sinne angetreten. Rimbauds Schlachtruf „Il faut être absolument moderne“ („Man hat absolut modern zu sein“) wirkte deshalb so provokant, weil er sein Fahnenwort eben nicht einschränkte. Keine Gleichzeitigkeit akzeptierte. Es war genau diese Radikalität, die Furore machte und Anziehung auch auf die politische Übertragung des ursprünglich poetisch gemeinten Befehls ausübte.

Mit diesem Satz im Ohr haben auch die linksliberalen Gelehrtenkreise der Bundesrepublik ideologiekritisch aufgeräumt und alles, was sich konservativ nannte oder empfand, unter Verdacht eines Steigbügelhaltens für rechts gestellt. Auf diesen Verdacht reagierte dann der politische Arm des ebenfalls ursprünglich kulturell gemeinten Konservativismus, indem er sich fortan aus Selbstschutz dialektisch beschrieb.

Berühmtestes Beispiel dafür ist Franz Josef Strauß’ Polit-Paradoxon, konservativ zu sein bedeute, „an der Spitze des Fortschritts zu stehen“. Aus dieser rhetorischen Flinkformel leitet die Union bis heute ihr undeutliches Profil ab: christlich, aber nicht religiös, traditionell, aber nicht traditional, sozial, aber auch für die Reichen: Hauptsache, Mitte, Hauptsache, Gleichzeitigkeit. Und am Ende kommt dann eben der „moderne Konservativismus“ dabei heraus.

Rache-Geister von rechts

Seine neueste Erscheinung findet er in der Gestalt des frisch gewählten Berliner CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers. Immerhin einmal keiner aus dem Berliner CDU-Klüngel, sondern ein Jurist aus Paderborn mit Erfahrung im selbständigen Berufsleben. Allerdings auch einer, der als Finanzsenator gnadenlos den Rasenmäher über die Berliner Kulturlandschaft rollen ließ.

Zentraler Würdenträger der Stadt: Eine BSR-Straßenkehrmaschine fegt am Alexanderplatz Splitt auf.
Zentraler Würdenträger der Stadt: Eine BSR-Straßenkehrmaschine fegt am Alexanderplatz Splitt auf.dpa

Wenn Evers in den letzten drei Monaten kommissarisch das Amt des Kultursenators innehatte, dann sollte man das nicht als Interessenbekundung missverstehen: Nichts deutet darauf hin, dass dieser Politiker ein Gespür für die kulturelle Nachfrage des gegenwärtigen politischen Zeitgeistes hätte. Jedenfalls führt die Selbstbeschreibung als „moderner Konservativer“ Evers programmatisch genau dorthin, wo die Moderne-Rufer von links und Rache-Geister von rechts ihn haben wollen: zur sentimentalen Nörgelei.

Nicht anders wirkt es, wenn er den Kampf gegen die Vermüllung Berlins jetzt zum Inbegriff seines konservativen Profils stilisiert. Mit dem rhetorischen Griff in die Tonne rührt Evers zwar an die niederen Instinkte all jener, die ihre Weihnachtsbäume nicht schnell genug abtransportiert gesehen haben, aber er versündigt sich gleichzeitig an einem der zentralen Würdenträger der Metropole: an der Berliner Stadtreinigung.

Jenem Unternehmen, dessen Mitarbeiter phantastische Arbeit leisten, dafür zu Recht gut bezahlt werden und durch eine geschickte Werbekampagne vom Image der schmuddeligen Tätigkeit befreit worden sind. Berlin jetzt römische Verhältnisse zu unterstellen, ist unpatriotisch, ist stadtfern. Und zeugt vom falschen Bewusstsein, das aus einer fortschrittlichen Selbstbeschreibung in der Ausleihe erwächst.