Warum polnische Unternehmen nach Brandenburg expandieren


Wirtschaftsboom in Polen

Warum polnische Unternehmen nach Brandenburg expandieren

Die Quenzbrücke über dem Silokanal in Brandenburg a.d. Havel wird aktuell erneuert. (Quelle: Budimex Bau GmbH)
Die Quenzbrücke über dem Silokanal in Brandenburg a.d. Havel wird aktuell erneuert. (Quelle: Budimex Bau GmbH)

Icon Kommentar

Von

Wioletta Weiss

Die Brücke über den Silokanal ist aktuell eine der großen Baustellen in Brandenburg an der Havel. Verantwortlich ist aber keine Firma aus der Region, sondern die polnische Firma Budimex Bau, spezialisiert auf Brücken- und Stahlkonstruktionen. Gleich vier Brücken baut das Unternehmen derzeit in Brandenburg und in Berlin. Das Bauunternehmen ist eines von 19 polnischen Unternehmen, die ihr Geschäft erfolgreich nach Brandenburg ausgeweitet haben.

Budimex-Bau Geschäftsführer Jacek Zwiech glaubt, dass sich das Unternehmen dauerhaft auf dem deutschen Markt behaupten könne. Dazu verfüge es über ausreichend Kapital und Erfahrung. Zwiech hat lange für deutsche Baufirmen in Polen gearbeitet. "Der deutsche Markt ist mindestens zweimal größer als der polnische. Wir sind das größte Bauunternehmen in Polen und wollen jetzt in den Nachbarländern expandieren", sagt Zwiech.

34 Millionen Euro kostet die neue Brücke in Brandenburg an der Havel. Rund 70 Prozent des Auftrages sollen laut Plan deutsche Subunternehmen übernehmen. Diese führen spezielle Arbeiten durch, weil sie die deutschen Vorschriften gut kennen. Kurzfristige Aufträge werden ebenfalls von deutschen Subunternehmen erledigt. Das Unternehmen PRB Kloster Lehin baut beispielsweise gerade Spundwände (Anmerk. d. Red.: eine Sicherung von Baugruben) für Budimex Bau. "Man versteht sich schon, so was wird europaweit ausgeschrieben und wenn die Kollegen dann günstiger sind. Dann ist es halt so", sagt PRB Kloster Lehnin Schweißer Andreas Lubach.

Budimex Bau GmbH Geschäftsführer Jacek Zwiech (Quelle: rbb)
Budimex Bau GmbH Geschäftsführer Jacek Zwiech (Quelle: rbb)

Polen retten schwächelnde Brandenburger Unternehmen

Die polnischen Unternehmen schaffen circa 1.000 Arbeitsplätze in Brandenburg. Sie zählen zu den Top Ten der internationalen Investoren im Land. Platz 1 belegt die USA mit 37 Großunternehmen, Polen ist auf Platz sieben mit 19. Doch polnische Unternehmen expandieren nicht nur durch die Annahme von Aufträgen ins benachbarte Deutschland: "Polnische Investoren haben bestehende Brandenburger Unternehmen, die in Schwierigkeiten waren, übernommen, stabilisiert, fortgeführt", sagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Brandenburg Dr. Steffen Kammradt.

Ein Beispiel ist die Reinigungsfirma Targatz in Eberswalde, die durch das Unternehmen Hollywood S.A. aus dem polnischen Sierpc übernommen wurde. Auch die heutige Firma ATT Polymers in Guben wurde durch Grupa Azoty übernommen - das größte polnische Chemieunternehmen.

Deutschland bietet polnischen Firmen Zugang zu Millionen kaufkräftiger Kundschaft und einer ausgebauten Business-Infrastruktur. Die Krise schafft zusätzliche Chancen: deutsche Unternehmen sind heute teilweise zu attraktiven Preisen übernehmbar. Inzwischen decken polnischen Firmen in Brandenburg ein breites Branchenspektrum ab - von Medizin- und Chemieprodukte über Reinigung, Logistik bis hin zur IT-Dienstleistungen.

Dr. Steffen Kammradt, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Brandenburg (Quelle: rbb)
Dr. Steffen Kammradt, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Brandenburg (Quelle: rbb)

Deutsche IT-Systeme hinken hinterher

Auch die IT-Firma Comarch mit Hauptsitz in Krakau ist mittlerweile in der Region tätig. Ihre 250 deutsche Mitarbeiter arbeiten in verschiedenen Städten, darunter in Berlin. In Dresden hat Comarch ein deutsches Rechenzentrum. Weltweit hat die Firma 5.000 Mitarbeiter. Zu ihren Kunden gehören unter anderem Lidl, Strabag und die Deutsche Bahn.

Für den Verkaufsleiter von Comarch Dariusz Biernacki ist in Deutschland noch viel zu tun. Bei der Modernisierung der IT-Systeme hinke das Land hinterher. "Während in Deutschland bestehende Systeme lange unverändert weiterliefen, nutzte Polen den Wandel nach der politischen Umbruchphase, um neue Technik einzuführen. Dort wurden moderne Computersysteme und aktuelle Technologien konsequent umgesetzt. Dadurch bestehen heute spürbare Unterschiede im Alltag, etwa beim einfachen Zugang zum Internet oder bei digitalen Zahlungen", betont Biernacki.

Polnische Wirtschaft boomt

Mit einem Wirtschaftswachstum von rund 3,6 Prozent im Jahr 2025 zählt Polen zu den wachstumsstärksten Volkswirtschaften der EU [tagesschau.de]. Die deutsche Wirtschaft stagniert hingegen weitgehend und verzeichnet im Jahresvergleich nur ein Wachstum von etwa 0,2 Prozent. Joanna Maria Stolarek ist Mitglied der Geschäftsführung der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) in Warschau und pendelt seit Jahren zwischen beiden Ländern. Der polnische Wirtschaftsboom hat für sie viele Gründe.

Einer davon ist die Arbeitskultur: flexibler, dynamischer und lösungsorientierter. "Statt 'das geht nicht' und 'darüber müssen wir diskutieren', heißt es: Es wird angegangen. Das hat natürlich einen Preis. Diejenigen, die das Tempo halten, sind herzlich willkommen. Und um diejenigen, die nicht mithalten, kümmert sich der Staat nicht", sagt Stolarek.

René Wilke (SPD), Minister für Arbeit, Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Brandenburg, war noch vor einem Jahr Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) und viel auf der polnischen Seite unterwegs.

Dort spürte er einen Hunger nach Erfolg. "Sie haben uns gesehen und gesagt: das ist mindestens unser Ziel, da wollen wir hin. Sie haben aber auch nach Osten geschaut und gesehen: Da wollen wir nicht landen, da wollen wir weg. Das hat die Mentalität doch geprägt, während wir dann doch genügsam und ein bisschen satt wurden", sagt Minister Wilke. Das ist das Bild, das er im Kopf hat: das hungrige Polen gegenüber dem satten Deutschland.

Schnelleres Bauen in Polen

Wenn Wilke durch Słubice gegangen ist, wunderte er sich oft, wie schnell dort gebaut wird. Also hat er seine polnischen Partner gefragt, wie sie planen. "Die Leute wollen jetzt hier einen Spielplatz, deswegen bauen wir ihn. Und wenn es sich in 20 Jahren herausstellt, dass es kein geeigneter Ort für einen Spielplatz war, dann reißen wir ihn ab und bauen etwas anderes dahin", war die Antwort seiner polnischen Kollegen.

Bevor in Deutschland etwas gebaut wird, plant man das vorher gründlich: ein integriertes Stadtentwicklungskonzept, geeigneter Ort, das Integrierte Teilräumliche Konzept (ITK), Bebauungsplan. "Wenn man das dann so weit fertig hat, kann man bauen. Soweit man noch jemanden hat, der dann noch bauen will. Ich glaube, in Polen wird aber auch öfter bereut, dass man sehr zügig etwas gemacht hat. Man muss es dann korrigieren. Aber wir versuchen so lange das Richtige zu machen, bis die Zeit darüber weggegangen ist und es dann gar nicht mehr richtig ist. Da zeigt sich der unterschiedliche Spirit", sagt Minister René Wilke. Ein Mittelmaß fände er gut.

Blick auf die Mühlendammbrücke - Leipziger Straße in Richtung Potsdamer Platz (Quelle: imago imges/Gudath)
Blick auf die Mühlendammbrücke - Leipziger Straße in Richtung Potsdamer Platz (Quelle: imago imges/Gudath)

Polen und Deutschland profitieren im Bau voneinander

Die Firma Budimex Bau baut momentan auch die Mühlendammbrücke in Berlin und hat schon einige neue Pläne. Bald will sie in den Bereich der Eisenbahnbrücken einsteigen. "Wir bauen in Polen flexibler, suchen ständig neue Lösungen. In Deutschland ist dagegen alles besser vorbereitet, sortiert und die Subunternehmer sind gut auf die Arbeit eingestellt", sagt Projektleiter Wojciech Gosztyła. Der wahre Wert liegt für ihn in der Verbindung der deutschen und der polnischen Arbeitsweise. Seit sechs Jahren expandiert das Bauunternehmen in Deutschland, weil es in Polen an seine Wachstumsgrenze gestoßen ist.

Sendung: rbb24 Inforadio, 27.09.2026, 11:03 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 27.09.2026, Martin Adam

Mehr bei rbb|24

Obdachlose haben in Berlin unter einer Brücke bei eisiger Kälte ihr Zeltlager errichtet. (Quelle: dpa/Zinken)
Archivbild: Mitarbeiter der Berliner Kältehilfe im Gespräch mit einem Wohnungslosen.(Quelle: IMAGO / Funke Foto Services)
Ein Bündnis aus mehreren Friedensinitiativen hat zu einer kundgebung gegen Aufrüstung und Krieg aufgerufen. (Quelle. rbb/Vanessa Materla)
Ein Polizeiauto und ein Rettungswagen mit Blaulicht. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Der beleuchtete Funkturm in Berlin. (Quelle: picture alliance/dpa/Christoph Soeder)
Feiernde Menschen vor dem Reichstagsgebäude am 03.10.1990. (Quelle: picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm)