Dieser Mörder sitzt seit 41 Jahren im Knast: Was er am meisten vermisst
Als Mittzwanziger wurde Heinz-Theo van de Wal eingebuchtet. Weil er einen Menschen ermordet hat. Das wiedervereinte Deutschland, die Welt voller Smartphones - all das ist ihm fremd. Seine Freiheitsstrafe verbüßt der Mann vom Niederrhein in der Justizvollzugsanstalt Aachen. Dort hat ihn der WDR besucht. Ein Interview über Sicherheit im Strafvollzug und Entbehrungen hinter Gittern.
Sie sind hier unter den Insassen sozusagen der Dienstälteste, richtig?
Heinz-Theo van de Wal: Ich kenne keinen anderen, der hier so lange am Stück drin ist wie ich.
Weshalb sind Sie hier?
van de Wal: Ich bin wegen Mordes verurteilt worden. Warum, was da jetzt alles war, darüber möchte ich eigentlich gar nicht mehr reden. Das ist mehr als 40 Jahre her. Ich versuche jetzt mal langsam, hier rauszukommen.
Für Mord gibt es lebenslänglich. Unter Umständen kann man aber frühestens nach 15 Jahren auf Bewährung entlassen werden. Wie kommt es dazu, dass Sie jetzt seit 41 Jahren hier sind?
van de Wal: Wenn Sie bei keinen Gruppen mitmachen und dieses und jenes nicht befolgen, dann zieht sich das. Ich bin nicht jemand, der sich anpasst. Ich schwimme nicht mit dem Strom.
Ende der Haftzeit ist noch nicht in Sicht
Glauben Sie, Sie kommen trotzdem irgendwann hier raus?
van de Wal: Ich denke schon. Wird vielleicht was dauern, aber so lange auch nicht mehr. In Deutschland war die längste Haftzeit 58 Jahre. Das muss ich nicht unbedingt einholen, aber wenn es sein müsste, dann ist das eben so. Was soll ich machen?
Sie sind seit 1985 inhaftiert. Was, glauben Sie, haben Sie da draußen alles nicht mitbekommen?
van de Wal: Alles. Alleine schon die Elektronik. Die kann man zwar auch hier zum Teil kaufen und im bestimmten Rahmen nutzen. Aber der ganze Handykram - das kenne ich alles gar nicht. Ich weiß nicht mal, wie ich eine SMS verschicken kann.
Wollen Sie das überhaupt?
van de Wal: Klar, schon interessant. Hätte ich Bock drauf. Aber ich mache mir da gerade keine Gedanken drum. Wofür? Ich mach jetzt eine Therapie, die hab ich auch so gut wie abgeschlossen. Dann wird ein Gutachten erstellt, dann hat man eine Anhörung, und dann heißt es entweder tschüss oder nicht tschüss.
Sie haben Ihre Straftaten alkoholisiert begangen. Würden Sie wieder Alkohol trinken, falls sie rauskommen?
van de Wal: Alkohol werde ich keinesfalls mehr trinken. Da habe ich keinen Bock mehr drauf. Alkohol löst in mir was aus, was ich einfach nicht mehr kontrollieren kann.
Ausbrüche, Gewalt und Sicherheit im Knast
Haben Sie in Ihrer Zeit hier mal einen Ausbruch erlebt?
van de Wal: Ja, eigentlich mehrere sogar. Der spektakulärste war wohl der mit Heckhoff und Michalski, als sie einen Beamten als Geisel genommen haben und dann rausmarschiert sind. Das fand ich schon dreist. Und ich habe mich gewundert über den Beamten. Wie kann man so dumm sein? Ich kann mich doch nicht auf die Versprechung einlassen: Wir rauben eine Bank aus und dann kriegst du Geld.
Haben Sie selbst schon mal mit dem Gedanken gespielt, auszubrechen?
van de Wal: Nein. Denn eigentlich ist es unmöglich, hier rauszukommen. Außerdem bin ich zu alt dafür. Und wo sollte ich auch hin? Kein Geld, kein Ausweis. Man ist wegen Mordes verurteilt worden. Dann ist man abends in den Nachrichten und am nächsten Tag haben sie einen. Das ist Unsinn. Und dann wäre es das definitiv gewesen mit einer Haftentlassung.
Mein Ruf hier - würde ich mal sagen - ist: Besser nicht mit anlegen. Heinz-Theo van de Wal, Häftling
Fühlen Sie sich selbst sicher hier in der JVA Aachen?
van de Wal: Wer soll mich denn angehen? Ich wüsste hier keinen. Ich denke mal, das Alter spielt auch eine Rolle. Und mein Ruf hier - würde ich mal sagen - ist: Besser nicht mit anlegen. Ich lass mir nichts gefallen.
Es gibt zwar immer mal Auseinandersetzungen, Rumschubsen, vielleicht mal eine Ohrfeige, aber das wars dann auch. Wenn ein Beamter was mitbekommt, kann man das komplette Programm aufgedrückt bekommen: keine Arbeit mehr, keine Freizeit, Fernseher vielleicht noch weg für eine gewisse Zeit, Einkaufssperre, den ganzen Kram. Das brauche ich einfach nicht.
Ein Insasse soll hier mal eine Schüssel zerschlagen und mit einer Scherbe davon auf Mitinsassen losgegangen sein. So was kommt also auch mal vor, ja?
van de Wal: Das ist einfach so im Knast. Da passiert immer irgendwie was. Aber im Großen und Ganzen haben die Beamten das hier schon unter Kontrolle.
Tage voller Routine
Wie sieht ihr Tagesablauf aus?
van de Wal: Ich steh morgens in der Regel um halb sechs auf. Gegen sechs kommt das Frühstück. Um halb sieben gehe ich arbeiten. Und da bin ich dann erst mal acht Stunden quasi gefangen, mach was mit Aquarien und so.
Die Wochenenden sind am schlimmsten für mich. Da werden wir ab dem Nachmittag in der Hütte eingeschlossen und dann heißt es: Tschüss, bis morgen!
Wie gern machen Sie Ihre Arbeit?
van de Wal: Macht mir schon Freude. Vorher gab es hier nur ein Aquarium. Jetzt haben wir mehrere. Ich baue die auf - mit Pumpe, Filter und dem ganzen Kram. Und dann stellen wir die hier hin.
Wie werden Sie dafür bezahlt?
van de Wal: Ich kriege ungefähr 400 Euro im Monat. Wir sind hier ja in der PIB (Psychiatrisch Intensivierte Behandlung, Anmerkung der Redaktion). Aber nur ein Teil davon ist Hausgeld, mit dem ich hier drinnen was anfangen kann.
Was machen Sie mit dem Geld?
van de Wal: Das Übliche: Kaffee, Tabak - einkaufen eben.
Weder Freunde noch Besucher
Bekommen Sie manchmal Besuch?
van de Wal: Nicht mehr. Meine Mutter kam früher mal zu Besuch, aber die ist 2006 verstorben. Und von da an war direkt Ende mit allem. Bruder, Schwester: Hat sich keiner mehr drum gekümmert.
Haben Sie hier Freunde?
van de Wal: Es gibt keine Freunde im Knast. Kumpels, ja. Aber Freunde? Habe ich hier noch keinen getroffen.
Was unterscheidet für Sie Freunde und Kumpel?
van de Wal: Ein Freund, der hilft einem in der Not und will dafür auch vielleicht gar nichts haben. Aber so ein Kumpel, der sagt: Wann kriege ich das denn wieder? Oder: Du kannst mir auch mal einen Gefallen tun. Man hat hier die eine oder andere Bekanntschaft, besucht sich abends, spielt Backgammon, Gitarre - so was. Ansonsten bleib ich lieber für mich.
Ich bin lieber im Knast, als dass ich Obdachloser wäre. Heinz-Theo van de Wal, Häftling
Würden Sie sagen, das ist hier inzwischen Ihr Zuhause?
van de Wal: Notgedrungen. Man gewöhnt sich an alles. Es ist ja eigentlich nicht so schlecht im Knast. Man braucht nichts zu bezahlen, hat keine Miete, es gibt Satellitenprogramm. Wir haben alles - nur eben keine Frauen, keinen Alkohol, keine Drogen, Sie können nicht essen, was Sie möchten, und einfach mal dahin gehen oder dahin, dann ist eben alles nicht. Aber ansonsten … Ich bin lieber im Knast, als dass ich Obdachloser wäre.
Verzicht im Knast und erste Schritte in Freiheit
Welcher Verzicht fällt Ihnen hier am schwersten?
van de Wal: Frauen. Das ist einfach ein bisschen blöd hier. Gibt nichts, was man da machen kann. Mit Männern einlassen, das ist nichts für mich. Es gibt hier zwar die Möglichkeit des Langzeitbesuchs, die sogenannten Liebessäle. Aber dafür müssen Sie erst mal Besuch haben. Ich habe das nicht.
Es gibt mit Sicherheit Frauen draußen, die gerne mit jemandem im Knast zusammen wären. Denn der ist immer treu, der kann ja nicht weg. Aber da muss man erst mal eine finden.
Was würden Sie als Erstes machen, falls sie rauskommen?
van de Wal: Als Erstes würde ich zum Grab meiner Mutter fahren. Ich durfte damals nicht zur Beerdigung hin, weil das Grab im Ausland ist. Holland. Und dann mal sehen. Wenn ich ganz alleine wäre und ohne Hilfe, ich glaube nicht, dass ich das schaffen würde.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Clara-Marie Becker.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Häftling Heinz-Theo van de Wal in der JVA Aachen
- Dienstordnung für das Gesundheitswesen in den Justizvollzugseinrichtungen des Landes Nordrhein-Westfalen
Dieser Beitrag liefert Informationen zum Youtube-Video von Die andere Frage "Hinter Gittern: 1 Tag in der JVA Aachen" vom 01.10.2026, 16 Uhr