Polo ohne Pferd: Beim Hessen-Cup in Nieder-Wöllstadt gibt es auch die Einrad-Variante
Stand: 13.09.2026, 08:00 Uhr
Kommentare

Beim Hessen-Cup in Nieder-Wöllstadt treten nicht nur Reiter, sondern auch Spieler auf elektrischen Einrädern gegeneinander an. Oliver Kreiter hat diese Polo-Variante sogar schon in einem Frankfurter Gymnasium eingeführt.
Wöllstadt – Auf einer Wiesenfläche von 125 mal 35 Metern treten grade die Spieler des Teams Jägersburg gegen die Hillbillys um Punkte für den Hessen-Cup an, der an diesem Wochenende in Nieder-Wöllstadt ausgespielt wird. Insgesamt sind es vier Teams aus je zwei Reitern, die hier hoch zu Ross an den Start gehen. Sie sind aus Nürnberg und Würzburg angereist, aus dem Münsterland und vom Bodensee. Nur Familie Kreiter, Lokalmatadore und Ausrichter, hat ihre Pferde vor Ort auf dem Wöllstädter Lindenhof stehen. Für die Zuschauer ist der Eintritt frei. Man sitzt auf hübsch eingedeckten Bierzeitgarnituren und genießt die Nähe zum spektakulären, schnellen Spiel. Wer Hunger hat, versorgt sich am Foodtruck mit Leckereien. Doch Hummerschwänzchen und Champagner? Fehlanzeige!
Beim Polo-Club Hessen geht es bewusst familiär zu, denn Oliver Kreiter möchte die Leidenschaft, den Teamgeist und die Tradition des Polosports vermitteln. Da darf das vereinseigene Turnier, der Hessen-Cup, auch den Charme eines britischen Picknicks verströmen, auf dem sich Teilnehmer und Besucher gleichermaßen wohlfühlen.

Familie Kreiter hat sich im Urlaub auf Sylt mit der Polo-Passion angesteckt. Oliver, seine Frau Anke und die beiden Töchter Paulina und Annabell sahen auf der Insel das dynamische Spiel zum ersten Mal live und waren Feuer und Flamme. „Niemand in der Familie konnte zu diesem Zeitpunkt reiten.”, bekennt das Familienoberhaupt schmunzelnd. Somit standen zu Hause zunächst Reitstunden für ein halbes Jahr auf dem Programm, und erst danach kam der Polounterricht hinzu. Auch das komplexe Regelwerk musste erlernt werden. Trotz rauchendem Kopf und Muskelkater blieb man am Ball und schließlich wurde das erste Pferd geliehen – im Polosport eine gängige Praxis.
Während die Kreiters zunächst im Frankfurter Club spielten, gründete man 2008 den Polo-Club Hessen, und drei Jahre später ergab sich die Gelegenheit, mit den Pferden nach Nieder-Wöllstadt auf den Lindenhof umzuziehen. Denn natürlich war es nicht bei einem Leih-Pony geblieben, und jedes Familienmitglied war inzwischen stolzer Pferdebesitzer. In der Nähe des Lindenhofs fand man das ideale Trainingsgelände, und vor vier Jahren wurde der erste Hessen-Cup dort ausgespielt. Klein, aber fein und offen für all jene, die sich für den Sport interessieren. „Wer montags einmal zum Probetraining kommen möchte, braucht weder mit dem Porsche vorzufahren noch die Rolex am Handgelenk“, sagt Kreiter. Jeder, wirklich jeder, könne Polo spielen lernen und sei willkommen.
Elektrisches Einrad statt Pferd
Wie ernst es ihm damit ist, zeigt eine zweite Sparte des Turniers – das Roda-Polo. Roda-Polo ist eine Variante des klassischen Polos, das auf einem elektrischen Einrad, dem „OneWheel“, gespielt wird. Damit ist der teuerste Aspekt des Polos – das Pferd – nicht mehr relevant. Gesteuert wird über Gewichtsverlagerung, man kann beidhändig spielen – doch die Körpersprache besitzt, wie beim berittenen Polo, große Relevanz.
Sogar im Sportunterricht eines Frankfurter Gymnasiums hat Oliver Kreiter diese Polo-Variante bereits eingeführt. Roda-Polo könnte es seinem Sport ermöglichen, sich aus einer Nische im Breitensport zu etablieren. Aktuell gelingt das bereits in mehreren Ländern wie Spanien, USA, Argentinien, Frankreich, Uruguay und England.

Auch beim Hessen-Cup treten vier Roda-Polo-Mannschaften à drei Mitspieler – alle aus Frankfurt – gegeneinander an. In dieser jungen Sportart setzen sich schließlich die Aperödels vor den Roda-Boys auf den ersten Platz, gefolgt von Two and a Half Men und der Chaos GmbH. Und bei den Reitern haben im kleinen Finale die Hillbillys am Ende die besseren Karten gegen das Team Jägersburg. Im Finale schaffen es die Polosisterzzz, sich gegen das Team von Il Salotto durchzusetzen. Spannend dabei: Im Team Hillbillys waren gleich zwei Turnier-Neulinge am Start.
Wer selbst Polo-Luft schnuppern möchte, erfährt unter poloclub-hessen.com alles Wissenswerte.
„Spiel der Könige“
Polo, auch das „Spiel der Könige” genannt, gilt noch immer als elitärer Sport. Es wurde als eine der ersten Mannschaftssportarten der Welt vor bereits 2500 Jahren in Persien erfunden. Ursprünglich diente es als hartes Training für die königliche Kavallerie und Elite-Gardisten, oft mit Hunderten von Spielern pro Seite. Der Name stammt ab vom tibetischen „Pulu“, was schlicht Ball bedeutet. Seine frühe Verbreitung verdankte es der Seidenstraße – es wurde ein beliebter Sport des Adels in China, Tibet, Japan und Indien. Im 19. Jahrhundert entdeckten britische Kavallerie-Offiziere das Spiel in Assam, und 1859 wurde der erste moderne Polo-Club gegründet. 1874 kam das Regelwerk hinzu, auf dessen Basis noch heute gespielt wird.