Pro & Kontra: Brauchen wir eine sechsjährige Volksschule?


Sollen Schülerinnen und Schüler künftig sechs Jahre in die Volksschule gehen und erst dann auf weiterführende Schulen wechseln? Die Meinungen dazu gehen auseinander.

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Was wäre, wenn unsere Volksschulen für ihre so wichtigen zentralen Aufgaben wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Gemeinschaft und Zukunft zwei Jahre mehr Zeit hätten? Was wäre, wenn unsere Schülerinnen und Schüler nicht nur mit großen, staunenden Augen ihre Schulkarriere in unseren Volksschulen voller Neugier und Erwartung starteten, sondern diese bestens ausgestattet mit Grundkompetenzen und Lernfreude für die nächste Bildungsetappe verließen - bereit, noch (viel) mehr und Neues zu lernen, Herausforderungen anzunehmen und den eigenen Bildungsweg aktiv im Bewusstsein der eigenen Stärken und Talente weiter zu gestalten?

Der internationale PISA-Vergleich berichtet davon, wie 91 Bildungssysteme auf das Leben nach der Schule vorbereiten. Dabei offenbart sich faktisch, dass Spitzenleistungen ohne frühe Selektion oder starken Leistungsdruck erreicht werden. Am besten schneiden Bildungssysteme ab, die allen gemeinsam dieselben Lernchancen bieten. Anders gesagt: Desto später die schulischen Bildungswege auseinandergehen, desto höhere Leistungen werden möglich. Soziale Ungleichheit wird verringert, Bildungsgerechtigkeit gefördert. Bis zum entwicklungspsychologisch und pädagogisch markierten Übergang vom Kind zum frühen Jugendlichen gewinnen Lehrkräfte vor allem Kontinuität, Lernen und Entwicklung zu begleiten und durch gezielte Förderung zu unterstützen. Schulpartnerschaften und Beziehungen profitieren von Zeit und steigern ihre Qualitäten, Übergangs- und Zukunftsentscheidungen werden verlässlicher – und was ich allen Beteiligten persönlich wünsche – unbeschwerter.

Und wären wir für so einen Erfolg in unseren Klassenzimmern bereit? Denn bereits Henry Ford stellte fest, dass die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes nicht in der Fabrikshalle oder im Forschungslabor entschieden wird, sondern im Klassenzimmer. Diese Frage ist mit Ja zu beantworten - wir sind bereit. Die österreichische Pädagog*innenbildung orientiert sich seit über zehn Jahren an den Altersstufen unserer Lernenden. Die bildungsbiographische Ausrichtung ersetzte 2015 die historisch gewachsene Schulartenlogik mit dem Ziel, unser Bildungssystem flexibler und durchlässiger zu gestalten.

Mögen die historisch gewachsenen Strukturen nun auch folgen und flexibler und durchlässiger werden, so zum Beispiel als sechsjährige Volksschule oder gemeinsame Schule für alle bis zum Ende der Pflichtschulzeit? Auch die dadurch frei werdenden Ressourcen durch den Abbau von kostenintensiven Parallelstrukturen seien erwähnt. Was uns alle einen und überzeugen sollte, pädagogische Schritte solcher Art zu gehen, ist der feste Blick auf unsere Kinder und ihre Zukunft, die zu unserer Zukunft wird.

Zur Person

Silvia Kopp-Sixt ist Leiterin des Instituts für Elementar- und Primarpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Steiermark.

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Längeres gemeinsames Lernen klingt zunächst überzeugend. Es kann dazu beitragen, frühe soziale Selektion zu vermeiden und Kindern mehr Zeit für ihre Entwicklung zu geben. Doch die entscheidende Frage ist: Ist die Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre dafür tatsächlich die richtige Lösung?

Dabei stellt sich zunächst die organisatorische und personelle Frage. Volksschulen sind organisatorisch und personell auf vier Schulstufen ausgerichtet. Zwei zusätzliche Jahrgänge bedeuten mehr Räume, mehr Personal, zusätzlichen Fachunterricht und mehr Betreuungsbedarf. Gerade kleinere Schulstandorte könnten dadurch vor erhebliche Herausforderungen gestellt werden.

Noch wichtiger ist jedoch die pädagogische Frage. Mit zunehmendem Alter treten unterschiedliche bzw. neue Interessen, Lernvoraussetzungen, Lerntempi und Leistungsstände im Schulalltag auf. Fachliche Differenzierung, unterschiedliche Lernangebote und spezialisierte Förderung gewinnen an Bedeutung. Eine sechsjährige Volksschule kann funktionieren – aber nur, wenn dafür ausreichend Ressourcen und tragfähige Konzepte zur Verfügung stehen. Sonst besteht die Gefahr, dass weder leistungsstärkere noch leistungsschwächere Kinder ausreichend gefördert werden.

Damit stellt sich auch die Frage nach der Aussagekraft eines entsprechenden Schulversuchs. Ein Schulversuch „Volksschule sechs Jahre“ kann keine wirklich aussagekräftigen Ergebnisse liefern, solange gleichzeitig bereits ab der 5. Schulstufe nach positivem Abschluss der VS die Schüler:innen zwischen Mittelschule und Gymnasium wählen müssen. Was wird dann eigentlich verglichen? Selbst ein erfolgreicher Schulversuch wäre außerdem keine Garantie dafür, dass sich eine Schulorganisation, die in ihren Grundzügen aus dem Jahr 1962 stammt, wirklich weiterentwickelt. Unsere Lebens- und Arbeitswelt hat sich seither grundlegend verändert.

Wenn wir mehr Chancengerechtigkeit wollen, brauchen wir keine Reform, die Unterschiede lediglich innerhalb der APS neu organisiert. Wir brauchen ein Bildungssystem mit vergleichbaren Rahmenbedingungen, ausreichenden Ressourcen und fairen Chancen für alle Kinder.

Entscheidend ist nicht, wie lange Kinder in einer Schulform bleiben, sondern ob das gesamte System ihnen faire Chancen auf Bildung und Entwicklung bietet.

Zur Person

Florian Gollowitsch ist seit mehr als zehn Jahren sozialdemokratischer Lehrer:innenvertreter (FSG) für steirische Pflichtschulen.