Protestschweine und „mähende“ Landschaftspflege im Schutzgebiet: Alltag für einen Herringer


Stand: 16.08.2026, 05:00 Uhr

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Von der Arbeit der 80 Schafe von Jan Naujokat sehen normale Bürger nicht viel. Sie verwandeln verbuschte Naturschutzflächen in Bilderbuch-Wiesen.

Herringen – Jan Naujokat lebt das, wovon viele Tier- und Naturfreunde träumen. Auf seinem Bauernhof an der Fangstraße tummeln sich Hund und Katze friedlich zusammen, im dicken Stroh buddeln zwei riesige Schweine begeistert nach Leckereien, und auf der Wiese grasen Schafe.

Serie Höfe im Wandel Schäferei Jan Naujokat

Die Flächen sind so groß, dass die Schafe sich in kleinen Gruppen überall verteilen. © Carola Schiller

Und tatsächlich hat der ausgebildete Tischler auf diesem Weg seinen persönlichen Traumjob gefunden. Nur ganz so romantisch, wie man sich das vorstellt, ist es dann doch nicht, und ein Traumtänzer ist der 46-Jährige schon gar nicht. Er ist mit der Landwirtschaft bereits groß geworden.

Die „Protestschweine“ wurden zu teuer

Den eigenen Hof führt er seit 2018, damals stand noch die Vermarktung von Schweinen im Fokus. Sogenannte dänische Protestschweine waren das. Leicht zu erkennen an den dicken rot-weißen Streifen, ähnlich der dänischen Nationalflagge, die unter preußischer Herrschaft um 1864 dänischen Mitbürgern verboten war. Das bunte Schwein im Vorgarten war ein Statement. 1920 war der Ärger aus der Welt und das Interesse am gestreiften Schwein verschwand. Inzwischen sind die Tiere vom Aussterben bedroht.

Ein Grund, warum Jan Naujokat sein Herz für sie entdeckte und mit ihnen eine sogenannte Nutztier-Arche gründete, auf der alte Haustierrassen mit besonders wertvollen Eigenschaften vor dem Aussterben bewahrt werden. Geschlachtet wird übrigens trotzdem. Das ist kein Widerspruch, denn der wirtschaftliche Nutzen der gefährdeten Art soll gewährleistet bleiben, lautet die deutschlandweit verbreitete Arche-Idee.

Serie Höfe im Wandel Schäferei Jan Naujokat

Auch gut gelaunte „Protestschweine“ leben auf Naujokats Hof. „Queeny“ ist eines davon. © Carola Schiller

Doch dann kam die Coronakrise und mit ihr stiegen die Kornpreise, weil kein Weizen nach Deutschland kam. Folglich wurde auch das Futter teurer, was sich auf den Fleischpreis nicht mehr umlegen ließ. Weil dann auch noch die Nachfrage nach hochwertigem und damit auch teurerem Fleisch sank, war klar: Die Schweine mussten weg.

Die bereits vorhandenen Ziegen auf dem Hof blieben, Schafe gab es ebenfalls schon. Nun, mit mehr Platz, zog eine Herde Ostfriesischer Milchschafe ein. Mit dem Bürgerzoo Eickel in Herne gab es bereits einen vertrauten Ansprechpartner. Jetzt kam die Ökostation Bergkamen dazu. Mit ihrer Unterstützung öffnete sich für Naujokat der Weg in die Arbeit eines Landschaftspflegers mit Schafen und Ziegen. Die Stadt Hamm wurde Auftraggeber und dann kamen noch der RVR und die RAG als Interessenten für die „mähende“ Landschaftspflege hinzu.

Serie Höfe im Wandel Schäferei Jan Naujokat

Ein paar Ziegen und insgesamt 80 Schafe beweiden in diesen Wochen die Naturschutzflächen am Kanal. © Carola Schiller

Flächenschonend und artenschutzkonform natürlich, denn auf den riesigen, hochempfindlichen Wiesen sind aus Naturschutzgründen große Maschinen tabu. Falls die das überhaupt könnten, denn die Flächen sind teilweise nur über steile Abhänge, hinter verwinkelten Bäumen oder an weichen und instabilen Gewässersäumen zu erreichen. Rund 80 bis 100 Tiere hat er im Einsatz, die allein in diesem Sommer ganze Arbeit geleistet haben. Aus den verbuschten Flächen sind sogenannte, gesunde Magerwiesen geworden. Naujokat entdeckt fast täglich seltene Pflanzen, die dort wachsen. Dazu empfindliche Tiere, die hier Schutz, Nahrung und Lebensraum finden.

Die Spaziergänger grüßen fröhlich

Dass das so bleibt, dafür sorgen auch die Hunde des Schäfers. Keine Schäferhunde, sondern ausgewachsene, bullige Kangale, die als Herdenschutzhunde familiär bei den Schafen leben. Vier an der Zahl stehen sie wachsam am Zaun. Informative Schilder klären auf und helfen so, Missverständnisse zu vermeiden. Nicht jeder Passant mag die großen Hunde. Weit mehr Menschen zeigen sich aber beeindruckt und interessiert. Dass er von Spaziergängern fröhlich winkend begrüßt wird, ist bei Jan Naujokat an der Tagesordnung.

Serie Höfe im Wandel Schäferei Jan Naujokat

Aber auch kleine Hunde sind bei ihm willkommen: Hündin Bonny lag tagelang neben ihrer toten Besitzerin. Bei Naujokat hat sie eine sichere Heimat gefunden. © Carola Schiller

Von Frühjahr bis Herbst fährt der Schäfer die Tiere von einer Fläche zur nächsten, wo die Ziegen und Schafe dorniges Gestrüpp, verholzte Triebe, zu stark ausbreitendes Jakobskreuzkraut und überständige Gräser abfressen. Mit ihren Klauen verfestigen sie die Böden, außerdem dient ihr Dung Insekten als Brut- und Nahrungsgrundlage. Zurück bleibt nach wenigen Wochen eine weiche Landschaft wie aus einem Bilderbuch, voller Artenvielfalt und mitten im gesperrten Naturschutzgebiet und damit verborgen vor den Augen der meisten Menschen.

Jan Naujokat sieht täglich nach dem Rechten. Er steht dann zwischen seinen Schafen und beobachtet mit ruhigem Blick die Tiere. Dabei wird ihm bewusst, wie glücklich er mit seinem Leben ist. Obwohl die Kontrolle der Schafe, die Versorgung der Hunde und das Prüfen des Zauns mit viel Arbeit verbunden sind. „Ich habe freiwillige Helfer“, ist er dankbar.

Im Winter kommen die Tiere auf den Hof

Im Winter kommen die Tiere zurück auf den Hof. „Gucken, ob alles in Ordnung ist“, ist genauso wichtig. Doch die stressige Zeit steht dann noch bevor. Anfang des Jahres werden die Lämmer geboren. „Es ist aber auch die schönste Zeit“, findet der Schäfer.

Das Futter für die kalte Jahreszeit hat er rechtzeitig eingelagert, und die ständigen Begleiter, Hündin Bonny und der alte Kater Diego, die beide mal als verlassene Häufchen Elend bei dem Tierfreund ankamen, genießen zufrieden die Jahreszeit auf dem Hof. „Es ist gut so“, strahlt Jan Naujokat Zufriedenheit aus.

Unsere Serie

Bauernhöfe sind für unsere Gesellschaft von zentraler Bedeutung, da sie die regionale Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen, unsere Kulturlandschaften pflegen und wertvolle Arbeitsplätze im ländlichen Raum sichern. Doch die Zeiten werden schwerer: Hitze und Trockenheit führen zu Ernteausfällen, die allgemeinen Kosten steigen. Oft fehlt es auch an Nachwuchs. Immer mehr Höfe, auch in Hamm, setzen daher auf andere Einnahmequellen, angefangen vom Erlebnisbauernhof bis hin zu einer besonderen Tierzucht. In den kommenden Wochen stellt der WA unter dem Titel „Höfe im Wandel“ in einer kleinen Serie mehrere dieser Höfe vor.

Teil 1: Erlebnisbauernhof Binkhoff
Teil 2:Schäferei Naujokat