Mini-Garagen für Elektromobile: Wie Gotha Mietern hilft
AUDIO: Gotha schafft Stellplätze für Senioren-Mobile (2 Min)
Wohnen
Mini-Garagen für Elektromobile: Eine Lösung aus Gotha
Stand: 16.08.2026 05:00 Uhr
Sie sind immer häufiger auf den Straßen zu sehen: kleine Elektromobile, meist genutzt von älteren Menschen als Alternative zum Rollstuhl. Was für die Betroffenen ein wichtiges Mittel ist, um sich selbständig bewegen zu können, stellt Wohnungsunternehmen vor Herausforderungen. Wo können Mieter in größeren Siedlungen diese Fahrzeuge sicher unterstellen und laden? In Gotha hat man dafür eine Lösung gefunden.
von Ruth Breer, MDR THÜRINGEN
Die Metallkästen mit dem leicht gewölbten Dach sind bunt besprüht. Sie stehen direkt an mehreren Hauseingängen in der Clara-Zetkin-Straße in Gotha-Siebleben, einer großen Plattenbausiedlung aus den 1980er Jahren.
Multifunktionsboxen, erklärt Christine Grund, die Geschäftsführerin der Baugesellschaft Gotha. Der gehören in der Clara-Zetkin-Straße 661 Wohnungen, 412 Stellplätze - und fünf dieser Boxen. 31 sind es insgesamt an den Immobilien der BBG im Stadtgebiet.
In Gotha stehen Multifunktionsboxen direkt an Hauseingängen, darunter fünf in der Clara-Zetkin-Straße.
Aus Kinderwagenboxen werden kleine Garagen
Angeschafft wurden sie zunächst für Kinderwagen, erzählt Grund. Die sollten nicht unbedingt im Hausflur stehen. Sie in höhere Stockwerke zu tragen, war oft nicht zumutbar. Also wurden den Familien diese verschließbaren Boxen zur Verfügung gestellt - bis die Kinder laufen konnten. Dazu kamen dann die Anfragen von Senioren, die ihre Rollatoren nah am Haus unterstellen wollten. Auch die passen in die Boxen.
Inzwischen aber gibt es auch Anfragen von Mietern wie Joachim Busch. Der 73-Jährige wohnt seit 25 Jahren in der Clara-Zetkin-Straße, zunächst in der ersten Etage. Im Jahr 2018 wurde ihm ein Bein abgenommen. Er wollte trotzdem in dem Haus wohnen bleiben. So bot ihm die BBG eine Wohnung im Erdgeschoss an, baute die Dusche barrierefrei aus und vergrößerte die Balkontür, so dass Busch mit dem Rollstuhl auf den Balkon rollen kann.
Joachim Busch wohnt seit 25 Jahren in der Clara-Zetkin-Straße.
Vor gut zwei Jahren bekam er ein Elektromobil verschrieben – ein Fahrzeug, das ihm viel bedeutet. "Ich bin unabhängig, das ist das Schöne", sagt Joachim Busch. Mit dem Mobil fährt er zum Arzt, zur Apotheke - oder, "wenn es schön ist draußen, durch die Gegend kurven".
Sein neues Fahrzeug wollte er eigentlich im Hausflur abstellen. Das ließ die Versicherung nicht zu, erzählt Busch. "Die haben gesagt, das darf nicht im Flur stehen, damit es nicht geklaut werden kann."
Sonst hätte ich ausziehen müssen. Joachim Busch
Die Baugesellschaft half erneut: der Mieter bekam eine etwas größere Ausgabe der Multifunktionsbox vor den Hauseingang gestellt - mit Stromanschluss. Denn das Elektromobil muss auch geladen werden, am besten sollte das über den Stromzähler des Mieters laufen. All das funktioniert – und Busch ist froh: "Sonst hätte ich ausziehen müssen."
Etwas Hilfe braucht er trotzdem noch: um die wenigen Stufen von der Wohnung zur Haustür zu kommen - und es muss ihm jemand die Box öffnen und das Fahrzeug herausholen, damit er von seinem normalen Rollstuhl umsteigen kann.
Vor den Häusern fehlt oft der Platz für neue Stellplätze
Solche Anfragen verzeichnen die Wohnungsunternehmen immer häufiger, sagt Frank Emrich, Chef des Verbands der Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. "Das ist ein Problem, das wir nicht von heute auf morgen lösen können." Die Herausforderung sei zum einen, den Platz für solche Mini-Garagen in bestehende Wohnanlagen zu finden. Gewünscht werden sie nah am Hauseingang - aber da sind oft Gehwege, Stufen, Vorgärten. Auch Stromanschlüsse liegen nicht immer gleich da, wo Platz ist.
Auch die Gestaltung müsse passen - "am liebsten ordentlich und selbst machen", sagt Emrich. Einfacher sei es, so etwas bei Sanierungsvorhaben oder bei Neubauten gleich einzuplanen. Und nicht zuletzt sei neben dem knappen Platz auch die Investition ein Thema für die Unternehmen. Die müsse sich refinanzieren lassen über die Miete, sagt der Verbandsdirektor.
Frank Emrich sieht wachsenden Bedarf an Mini-Garagen.
Kostenpunkt: Zwischen 2.000 und 7.000 Euro
Die Kosten für die Boxen beziffert Christine Grund von der Baugesellschaft Gotha je nach Größe - inklusive Aufbau und eventuellen Stromanschluss - auf 2.000 bis 7.000 Euro. Wer seinen Kinderwagen dort unterstellt, zahlt nichts. Das sei schließlich im Interesse des Wohnungsunternehmens, dass die Flure nicht zugestellt werden, sagt BGG-Mitarbeiter Maik Sander. Für die größeren Boxen mit Stromanschluss erhebt das Unternehmen eine Miete von 15 Euro im Monat. Das ist nicht viel.
Geschäftsführerin Grund betont: Mieter bleiben wohnen und die Hausgemeinschaft erhalten.
Für Geschäftsführerin Grund zählt vor allem: "Der Mieter kann wohnen bleiben und muss sich keine neue Wohnung suchen." Die Hausgemeinschaft bleibt erhalten. Und der Vorteil für das Unternehmen? "Wir sparen den Wiederbezug und das Anbieten der Wohnung mit ja - bestimmt drei Monaten Leerstand. Und insofern ist es uns das auch wert, dass die Mieter hier so lange in ihren Wohnungen verbleiben, wie es möglich ist."
Noch ist das Interesse überschaubar. Aktuell, sagt die BGG-Chefin, gibt es in den mehr als 4.000 Wohneinheiten des Unternehmens eine neue Mieteranfrage nach einer Mini-Garage für ein Elektromobil. Aber der Bedarf wird steigen. Das Thema, so sagt es auch Verbandsdirektor Emrich, "ist jetzt wirklich auf der Tagesordnung".
MDR (nir)