„Weil man das nicht macht“: Boomer-Erziehung belastet Millennial-Eltern in ihrem Alltag
Psychologin: Warum viele Millennial-Eltern keine Grenzen setzen können
Stand: 25.10.2026, 21:10 Uhr
Kommentare
„Weil man das eben nicht macht“: Wegen eines Erziehungsfehlers aus der eigenen Kindheit tun sich Millennial-Eltern heute schwer mit Grenzen.
Frankfurt – „Zähne putzen!“ Dieser Satz fällt in den meisten Familien jeden Abend. Das Gejammer folgt meist sofort. Klar, spaßig ist es nicht, drei Minuten still dazustehen und sich die Beißerchen zu schrubben (oder schrubben zu lassen). Nicht selten wird es laut – sowohl Eltern als auch Kinder sind gestresst. Wie lässt sich dieser Stress reduzieren? Indem Eltern die Situationen, in denen es den Stress nicht zwingend braucht, reduzieren, sagt Jill Baier.

Die zweifache Mutter ist Psychologin und hat sich beruflich auf die Arbeit mit Müttern spezialisiert, die unter starkem Stress stehen. Ihr Fokus liegt darauf, ihnen dabei zu helfen, ein besseres Gespür für den eigenen Körper und die eigenen Emotionen zu entwickeln. „Kinder sind oft der Spiegel der eigenen Themen. Wenn ein Kind einen Elternteil triggert, lohnt es sich, erst mal bei sich selbst hinzuschauen“, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Also auf das, was bei mir hochkommt – die Gedanken, Sorgen, Hypothesen, die ich aufstelle.“
„Unangenehme Gefühle“: Wann das Kind „auch mal frustriert sein“ darf und wann nicht
Baiers Faustregel ist: „Stress entsteht nur zu einem kleinen Teil im Außen und zum größten Teil im Innen.“ Natürlich sollten Eltern mit Aussagen wie ‚Du rennst nicht auf die Straße‘ oder ‚Du putzt jetzt deine Zähne!‘ Grenzen setzen. „Da darf das Kind auch mal frustriert sein und lernen, mit diesem Frust umzugehen. Kinder brauchen auch unangenehme Gefühle. Das ist das Leben“, sagt sie. Aber nicht immer müssten Eltern ihren Plan gegen den des Kindes durchsetzen. Zum Beispiel, wenn es nur darum geht, dass das Kind einen Schuh ausziehen will, weil die Socke nass geworden ist.
Leider müssten Kinder solche „unangenehmen Gefühle“ bei unwichtigen Dingen oft aushalten, weil Eltern ihren inneren Autopiloten, der Kindern sagt, wo es langgeht, nicht abschalten können. Baier hatte letztens auch so eine Situation mit ihrem Kind. „Wir sind mit dem Hund rausgegangen. Auf dem Rückweg meinte meine Tochter, sie möchte die Gummistiefel jetzt ausziehen, weil die von innen nass sind. Meine erste Reaktion war: ‚Nein, das machst du nicht!‘“, erzählt die Psychologin. Aber dann habe sie sich gefragt, ob sie ihren Plan jetzt gerade wirklich durchsetzen müsse. „Ist es wirklich notwendig, dass sie keine dreckigen oder kurzzeitig kalten Füße hat?“, fragt sie.

„Hinter dem Verhalten eines Kindes steckt (genau wie bei uns Erwachsenen) fast immer eine positive Absicht. Das Kind zieht seinen Gummistiefel nicht aus, weil es mich ärgern oder mir mehr Arbeit machen will. Die positive Absicht ist: Ich möchte diesen Schuh ausziehen, weil es unangenehm für mich ist, in diesem nassen Schuh zu sein“, sagt Baier. „Wenn man diesen Perspektivwechsel hinbekommt, wird es auch viel einfacher zu sagen: ‚Ja stimmt, klar, zieh deinen Schuh aus.‘“ Ein Kind wisse nicht, ob es draußen zu kalt sei. „Es muss die Erfahrung machen.“
Haben Millennial-Eltern Angst davor, Grenzen zu setzen?
Wir fragen, inwiefern dieses Vorgehen als bedürfnisorientierte Erziehung gesehen werden kann. „Bedürfnisorientiert wird meistens falsch verstanden. Es geht nicht darum, dass nur die Bedürfnisse des Kindes befriedigt werden. Bedürfnisorientiert bedeutet, dass alle Bedürfnisse im Blick behalten werden – auch die der Eltern“, sagt sie. In diesem Fall regulierten Eltern auch ihr eigenes Nervensystem, indem sie sich von Kinderplänen nicht stressen ließen. „Eigene Grenzen lernen Kinder vor allem, wenn sie Dinge ausprobieren dürfen“, sagt Baier.
Kritik daran kommt oft von der Boomer-Generation. „Die hat vieles anders gemacht, mit dem Wissen von damals und meist in bester Absicht. Viele aus unserer Generation haben deshalb selbst nie richtig gelernt, Grenzen zu setzen – weil sie diese starren Vorgaben hatten und ihre Gummistiefel einfach aus Prinzip nicht ausziehen durften, weil man das eben nicht macht.“ Deshalb würden sich viele Millennials als Eltern so schwer damit tun, „Grenzen zu setzen, zu priorisieren und die eigenen Grenzen überhaupt wahrzunehmen“.
Dies verdeutlicht ein Erlebnis der Kinderärztin (@kinderdoc-kathi). In einem TikTok-Video beschreibt sie eine Routineuntersuchung mit einem fünfjährigen Kind, das keine Lust auf die Untersuchung hatte und ständig aus dem Raum lief. Die anwesenden Eltern sahen tatenlos zu und verharmlosten sein Verhalten mit „ist eben ein Wildfang“. Sie lehnten sogar das sanfte Eingreifen der Sprechstundenhilfe ab. Für die Kinderärztin zeigt dieses Verhalten einen „bedenklichen Trend“ der letzten Jahre, bei dem Eltern aus Angst vor Grenzensetzung die nötige, liebevolle Führungsrolle abgeben. (Quellen: eigene Recherche, TikTok)