Queeres Jugendnetzwerk Lambda: „Mit uns fällt die Vernetzung weg“
Die Bundesregierung streicht dem queeren Jugendnetzwerk die Förderung. Damit geht der politische Rückhalt verloren, sagt Bundesgeschäftsführerin Kim Alexandra Trau.
Foto: Stefan Boness
taz: Frau Trau, für queere Menschen hat die schwarz-rote Regierung noch nicht viel getan. Ändert sich das nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin in der letzten Woche nun?
Bild: privat
Im Interview: Kim Alexandra Trau
ist hauptamtliche Bundesgeschäftsführerin vom Jugendnetzwerk Lambda e.V. Sie koordiniert die Programme des Vereins und arbeitet dem Bundesvorstand, bestehend aus fünf ehrenamtlich aktiven Jugendlichen, organisatorisch zu. Trau wohnt in Berlin und ist seit über 20 Jahren in der queeren Community aktiv.
Kim Trau: Nein, dem ist bislang nicht so. Als queerer Jugendverband hat uns bislang keine Nachricht erreicht, dass doch mehr Geld für queere junge Menschen bereitgestellt wird.
taz: Kurz vor dem CSD war stattdessen bekannt geworden, dass Ihrem Jugendnetzwerk Lambda sogar die Förderung gestrichen werden soll.
Trau: Soweit wir wissen, sollen Lambda als einzigem Jugendverband die Mittel aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) komplett gestrichen werden. Über den KJP werden seit der Zeit Adenauers Jugendverbände gefördert, die katholische Jugend, die Wanderjugend oder die THW-Jugend – und seit 1990 auch wir. Doch gestrichen wird nur bei uns, bei den anderen wird laut unserer Information nicht einmal gekürzt.
taz: Ende letzter Woche gab es deshalb an Ministerin Karin Prien (CDU) einen Protestbrief von 198 Organisationen, darunter andere Jugendverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen. Glauben Sie, da tut sich noch etwas?
Immer, wenn jemand Stopp sagt, dann hören das auch queere Menschen
Kim Alexandra Trau, Bundesgeschäftsführerin des Jugendnetzwerks Lambda über Zivilcourage
Trau: Ich hätte mir erhofft, dass sich spätestens am Montag nach dem CSD-Anschlag das Ministerium meldet und sagt: ‚Angesichts der Situation wollen wir ein Zeichen setzen, für 2027 werden Sie als Jugendverband weiter gefördert.‘ Das ist nicht geschehen. Was muss noch passieren, damit die Politik sieht, wir als queere Community werden angegriffen? Da geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Rückhalt. Ich höre aus der Politik zu wenig Handfestes, Kritik kommt aus der Opposition und der SPD, aber leider nichts von der CDU.
taz: Was würde diese Streichung für Lambda bedeuten?
Trau: Die 380.000 Euro an jährlichen Fördermitteln sind das Rückgrat unserer Jugendverbandsarbeit. Diese Strukturförderung brauchen wir, damit der Verband eine Geschäftsstelle finanzieren, damit er Vorstandssitzungen durchführen kann. All diese zentrale Hintergrundarbeit wird infrage gestellt.
taz: Aus dem Ministerium hieß es, dass Lambda auch künftig Fördermittel aus dem KJP beantragen könne. Reicht das nicht?
Trau: Projektförderung ist für Projekte da, nicht für die Finanzierung eines Jugendverbands. Außerdem ist laut KJP-Richtlinie eine Anschlussförderung nach Projektende ausgeschlossen. Dann heißt es in ein, zwei Jahren: ‚Tut uns leid, aber jetzt dürfen wir Sie nicht mehr fördern.‘ Aktuell liegt es am Wollen und nicht am Können. Und überhaupt: Warum soll Geld für eine Projektförderung da sein? Eine Kürzung wäre dann doch auch möglich und das kleinere Übel gewesen.
taz: Wie kann man sich die Arbeit von Lambda vorstellen?
Trau: Wir machen seit Jahrzehnten neben der Jugendverbandsarbeit auch Beratungsarbeit. Es gibt den Queersupport, unser digitales Beratungsangebot, und viele Empowerment- und Bildungsveranstaltungen. All das fällt nun weg. Für unser digitales Jugendzentrum, das gerade in der Testphase ist, entfällt der Träger. Es ist auch unklar, wie es mit unserem Jugendmagazin out! weitergeht.
taz: Was würde das für einen jungen queeren Menschen konkret bedeuten?
Trau: Wichtig ist erst mal zu sagen: Auf Bundesebene werden die Mittel gestrichen. Alles, was aus Landes- oder Kommunalmitteln finanziert wird, ein lokales Jugendzentrum beispielsweise, steht glücklicherweise nicht infrage. Mit uns fällt aber die Vernetzung weg. Und mit den Streichungen sind queere Jugendliche sehr viel stärker davon abhängig, wer vor Ort ist, ob es Angebote gibt und ob queere Themen schon irgendwie praktiziert werden.
taz: In den Kommunen und Ländern wird hingegen die AfD immer stärker. Auch queerfeindliche Hasskriminalität nimmt zu. Wie wappnen Sie sich gegen all das?
Trau: Wir sind sowohl Mitglied im Deutschen Bundesjugendring als auch im Paritätischen Gesamtverband, denn nur gemeinsam mit anderen haben wir eine Chance. Nicht wenige queere Jugendgruppen treffen sich unter dem Dach von Kirchen und sozialen Trägern vor Ort. Vielleicht bekommt das Kirchenasyl bald wieder die Bedeutung, wie es sie in DDR hatte. Da trafen sich auch die Opposition, Naturschützer*innen, Lesben und Schwule und andere kritische Stimmen in Räumen der Kirchen.
taz: Wie kann die Gesellschaft queere Jugendliche wirklich schützen und ein Ally sein?
Trau: Das eine ist Geld und Zeit. Wer unterstützen will, kann sich beispielsweise bei queeren Jugendangeboten melden und fragen, was gerade gebraucht wird, ob das Spenden für einen Tischkicker sind oder jemand fürs Plakateaufhängen gesucht wird. Fragen ist immer ein guter erster Schritt, wenn man ein Ally sein möchte. Und das andere ist, zu sprechen und zu widersprechen, wenn sich queerfeindlich geäußert wird. Denn immer, wenn jemand Stopp sagt, dann hören das auch queere Menschen. Es gibt Halt, wenn ich weiß, ich bin nicht die einzige Person, die agiert, sondern da sind andere Menschen, die für mich in die Bresche springen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
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