Ratko Mladićs Schatten über Serbien


Paul Lendvai

Ratko Mladićs Schatten über Serbien

Immer noch werden die Verbrechen des bosnisch-serbischen Armeeführers geleugnet, verharmlost oder gar gelobt

Kolumne

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Paul Lendvai

Eine Fotografie zeigt ein großes Poster mit einem Porträt von Ratko Mladic in Militäruniform, ausgestellt vor der orthodoxen Kathedrale in Banja Luka, Bosnien. Im Hintergrund betreten mehrere Personen die Treppe des Gebäudes.
Ein Bild von Ratko Mladić vor der orthodoxen Kathedrale in Banja Luka.

Wird die serbische Regierung für den 2017 von dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal zu lebenslanger Haft verurteilten und in einem Haager Gefängnis am Donnerstag verstorbenen Massenmörder General Ratko Mladić tatsächlich ein Staatsbegräbnis organisieren? Darüber diskutiert man seit der Feststellung des serbischen Justizministers Nenad Vujić: "General Mladić ist ein General und das Protokoll ist bekannt." Das, was Mladić gebühre, werde "mit Sicherheit beachtet werden." Dass Staatspräsident Aleksandar Vučić dem Gericht jetzt öffentlich "unzivilisiertes Verhalten" vorwarf, weil es Mladić nicht vorzeitig aus der Haft entlassen habe, deutet auch darauf hin, dass sich der Staat in irgendeiner Form an seiner Beerdigung beteiligen könnte.

Politikum ersten Ranges

Alles, was mit der Person des einstigen bosnisch-serbischen Armeeführers zu tun hat, ist ein Politikum ersten Ranges. Unter seinem Oberbefehl wurden 1995 bei Srebrenica in Bosnien in drei Tagen über 8000 Muslime ermordet. Auch für die mehr als 10 000 Opfer bei der jahrelangen Belagerung Sarajevos wurde Mladić verantwortlich gemacht. Obwohl das Massaker von Srebrenica später zum Völkermord erklärt wurde, werden seine Verbrechen in Serbien und in der bosnischen Serbenrepublik, im serbisch kontrollierten Gliedstaat von Bosnien-Herzegowina geleugnet, verharmlost oder gar gelobt.

Es gibt keine Umfragen, darüber ob und wie hoch die Opferzahlen von Srebrenica in Serbien anerkannt werden. Die offizielle Version heißt stets, auch in privaten Gesprächen, dass "auf allen Seiten" Verbrechen begangen worden seien. Auf genaue Opferzahlen wird sich niemand festlegen. Die mutige serbische Menschenrechtsaktivist Nataša Kandić, die im Jahr 2005 die Bestrafung der Verantwortlichen für das Massaker von Srebrenica forderte und zur Ehrenbürgerin von Sarajevo ernannt wurde, bleibt eine Ausnahme.

Dass Mladić auch heute noch einen Kultstatus in Serbien genießt, spiegelt die Reaktion auf die Nachricht über sein Ableben. Der berühmte Fußballverein "Roter Stern Belgrad" veröffentlichte auf seinen Social-Media-Kanälen Fotos mit der Aufschrift "General, ewiger Ruhm und Dank". In vielen Orten Serbiens und in der Republika Srpska in Bosnien fanden Kundgebungen für Mladić statt. Der Chef der bosnischen Serbenpartei Milorad Dodik bezeichnete, wie auch viele Regime-Medien, seinen Tod als "Mord". Im Einklang mit einer Verschwörungstheorie behaupteten serbische Zeitungen, Mladić sei "ohne Beweise" zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Herrschende Ideologie

Bekanntlich verschwand der General nach Kriegsende 1995 aus Bosnien und versteckte sich mithilfe des serbischen Geheimdienstes in Serbien, um dem Haager Kriegsverbrechertribunal zu entgehen. Es dauerte 16 Jahre bis der Kriegsverbrecher und Massenmörder in einem serbischen Dorf verhaftet wurde, und auch dann wohl nur deshalb, weil aus Brüssel klargemacht worden war, dass ohne seine Auslieferung keine Rede von einer Annäherung an die EU sein könne.

Der von Mladić symbolisierte großserbische Nationalismus ist bis heute die herrschende Ideologie in Serbien und im bosnischen Serbenstaat geblieben. Wie wird jetzt Staatspräsident Vučić, der selbst im bosnischen Krieg aktiv war, auf den Wunsch nach einem Staatsbegräbnis reagieren? (Paul Lendvai, 31.8.2026)

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