Reform der Notfallversorgung: Gut, aber nicht gut genug
Rettungsdienste sind mittlerweile selbst Notfälle: überlastete Einsatzkräfte, übervolle Notaufnahmen. Neue Notfallzentren sollen Abhilfe schaffen.
Foto: Karsten Thielker
D as medizinische Notfallsystem ist überlastet: viele Einsätze, erschöpfte Rettungskräfte, überfüllte Notaufnahmen. Eine Reform soll jetzt Abhilfe schaffen, der Bundestag hat am Donnerstag ein entsprechendes Gesetz beschlossen. Vielerorts ähnelt ein 12-Stunden-Dienst auf dem Rettungswagen Leistungssport: Pausen sind selten, Essen nur zwischendurch möglich. Kaum steht das Fahrzeug in der Garage, geht der Pieper erneut los. In der Notaufnahme setzt sich die Überlastung fort: Personal ist überarbeitet, Wartezimmer sind überfüllt.
Das Problem wird verschärft durch Patient:innen, die einen Arzt brauchen, aber keine Notfälle sind. Nur wissen sie nicht mehr, wohin sie sich wenden sollen, weil sie wochenlang vergeblich auf einen Termin in der ambulanten Versorgung warten. Oder erst gar nicht als Patienten angenommen werden. So ist ein Ansatz der Notfallreform, den Rettungsdienst mit der Ambulanz zu vernetzen; es sollen integrierte Notfallzentren geschaffen werden. Dort sollen Patient:innen sowohl eine Notaufnahme als auch eine Notdienstpraxis vorfinden.
Klingt gut, birgt aber eine Gefahr: Medizinisches Personal soll künftig entscheiden, wer ambulant versorgt werden kann und wer einen Rettungswagen braucht – eine große Verantwortung, bei der kein Fehler unterlaufen darf. Gleichwohl könnten sich die Arbeitsbedingungen der Einsatzkräfte leicht verbessern, wenn eine bessere Steuerung der Patient:innen zu weniger Einsätzen führt.
Insgesamt ist die Reform ein erster Schritt, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Allerdings konterkarieren andere Gesetzesvorhaben die Ziele der Notfallreform. So sorgt die Krankenkassenreform, mit der die Finanzlücke der Kassen verringert werden soll, für neue Lücken bei der ambulanten Versorgung. Manche Ärzt:innen, die dann weniger verdienen würden, haben bereits angekündigt, künftig weder neue Patient:innen aufzunehmen, noch zusätzliche Dienste anzubieten. Salopp formuliert: vorn aufgebaut, hinten wieder eingerissen.
Sean-Elias Ansa
CvD/ freier Redakteur
Gefördert durch die taz Panter Stiftung, wurde Sean-Elias Ansa in der taz ausgebildet. Sein Themenschwerpunkt ist Armut. Er recherchiert ausdauernd und hat seine Liebe für Datenanalysen entdeckt. Aktuell arbeitet er für taz.de als Nachrichtenchef und CVD. In dieser Funktion setzt er die Themen auf der Webseite und verantwortet die Ausspielung der Texte mit.
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