Reichweiten-Monster: Russland rüstet sich mit Marschflugkörpern für neuen Kalten Krieg


Stand: 12.10.2026, 22:09 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Ein Langstreckenbomber Tupolev Tu-160 vor blauem Himmel

Die neue alte Bedrohung: Ein Langstreckenbomber Tupolev Tu-160 wird den neuen Marschflugkörper Kh-BD tragen können. Die NATO steht damit vor neuen Herausforderungen. © dpa / Royal Air Force / Handout

Tausende Kilometer Reichweite: Die NATO sieht sich einer neuen Waffe ausgesetzt, mit der Russland jetzt sogar die USA bedroht. Europa ringt um Antworten.

Moskau – „Russland wird sich auf die Verbesserung der Genauigkeit, Durchschlagskraft und Überlebensfähigkeit von in Silos stationierten Interkontinentalraketen konzentrieren“, schreibt Sidharth Kaushal. Für die Zeit nach Ende des Ukraine-Krieges rüstet der russische Diktator weiterhin massiv für eine militärische Auseinandersetzung mit der NATO. Bis ins portugiesische Lissabon war die westliche Verteidigungsallianz bereits von landgestützten Systemen verwundbar. Jetzt geraten auch die USA in Reichweite durch neue Marschflugkörper; und Deutschland liegt mittendrin – wie bereits im Kalten Krieg. Putin lege seinen Fokus auf Waffen, „die eine schnelle Reaktion und Durchbruchsoperationen ermöglichen“, so der Analyst des britischen Thinktanks Royal United Services Institute (RUSI).

Kaushal warnt neben den vom Boden aus operierenden Nuklearwaffen vor allem eindringlich vor dem Langstrecken-Marschflugkörper Kh-BD, der auch Izdeliye 506 genannt wird – ein Reichweiten-Monster von geschätzten 6500 Kilometern, so der Defense Express. Eine Waffe, die für die strategischen Bomber Tu-95MS und Tu-160M ​​vorgesehen sein soll. Bereits im zweiten Jahr des Ukraine-Krieges war von der Entwicklung dieser Waffe gemunkelt worden, jetzt soll sie vor der Beschaffung stehen, wie das Magazin berichtet. Damit würde Russland sein Drohpotenzial viel weiter in die Welt hinaustragen als vorher befürchtet worden war, wie The War Zone bereits 2023 berichtet hatte – Russland ist damit wohl technisch ein Quantensprung gelungen, so Thomas Newdick:

Putins Trump im Eis: „Russlands Militärpräsenz auf Alexandra Land stärkt die mehrschichtigen Fähigkeiten“

„Falls die Kh-BD (Bolshaya Dalnosti oder „Langstreckenrakete“ auf Russisch) eine Weiterentwicklung der Kh-101/102 darstellt, ist derzeit unklar, wie sie ihre deutlich größere Reichweite erzielt. Eine Möglichkeit wäre die Miniaturisierung ihrer internen Komponenten, einschließlich des Gefechtskopfes, um Platz für mehr Treibstoff für ihr (vermutliches) Turbojet-Triebwerk zu schaffen. Ein effizienteres Triebwerk und/oder ein anderer Treibstofftyp könnten ebenfalls zu einer größeren Reichweite beitragen, ebenso wie bestimmte aerodynamische Verbesserungen.“

Vor den Augen der Welt treibt Wladimir Putin den Preis für die Rückenstärkung der Ukraine im Kampf um ihre Freiheit hoch. „Seit Ausbruch des Krieges ist Putins wiederholtes Säbelrasseln mit dem Atomprogramm ein Zeichen von Bluff und Großspurigkeit“, kommentiert Rishi Paul für den britischen Thinktank „European Leadership Network“ (ELN)

In Pauls Argumentation sucht Putin die Kommunikation mit dem Westen, um ihm zu zeigen, was Russland bewegen könnte, wenn Russlands Präsident das nur wollte. Neben Oreschnik- und Satan-Raketen hat Russland mit dem jetzt modifizierten Marschflugkörper ein weiteres scharfes Schwert in der Hand – selbst die USA gerieten wieder in die Reichweite von Russlands Aggression, argumentiert der RUSI-Analyst; damit wäre das Rückgrat der westlichen Verteidigungsallianz bedroht: Laut Sidharth Kaushal könnten Bomber vom westlichsten Stützpunkt Russlands in der Arktis aus starten, um die USA unter Feuer zu nehmen. „Russlands Militärpräsenz auf Alexandra Land stärkt die mehrschichtigen Fähigkeiten zur maritimen und luftgestützten Verteidigung durch Luft-, See- und Landstreitkräfte“, haben Joseph S. Bermudez Jr. , Heather A. Conley und Matthew Melino geschrieben.

„Die russische Nuklearstrategie bezog ihre Abschreckungswirkung anfänglich nicht aus klaren Zusagen, sondern aus der Ambiguität – der Möglichkeit, dass eine Eskalation außer Kontrolle geraten könnte. Doch Ambiguität ist ein vergängliches Gut. Je mehr die Gegner lernen, das Verhalten beobachten und Grenzen austesten, desto mehr verlieren vage Drohungen an Glaubwürdigkeit. Der russische Fall legt nahe, dass nuklearer Zwang, der auf Ambiguität beruht, kurzfristig durchaus wirksam sein mag, aber in anhaltenden Krisen schwer aufrechtzuerhalten ist.“

Den Analysten des Thinktanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) messen der Insel Alexandra-Land (Ostrov Zemlya Aleksandry) als der größten Insel des russischen Franz-Josef-Land-Archipels (Zemlya Frantsa-Iosifa) „eine nicht zu unterschätzende strategische Bedeutung für die russische Landesverteidigung“ zu; durch die neuen Marschflugkörper in den alten Bombern wird die noch ausgebaut. Alexandra-Land beheimatet eine ganzjährig nutzbare Start- und Landebahn von 2.500 Metern Länge und 42 Metern Breite: „Der Luftwaffenstützpunkt Nagurskoje wäre in der Lage, alle Arten von Flugzeugen, einschließlich strategischer Bomber, aufzunehmen und zu stationieren sowie sich selbst zu verteidigen“, so die CSIS-Analysten.

„Eskalation zur Deeskalation“ nennen Aylin Matlé und András Rácz die Auswirkungen russischer Nuklear-Bemühungen auf die europäische Sicherheit in einer aktuellen Analyse für den Thinktank „Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP). Laut den Autoren würde Putins technischer Parforceritt trotz westlicher Sanktionen „verdeutlichen, dass die noch junge Debatte über Europas Rolle in der nuklearen Abschreckung nicht länger rein konzeptionell bleiben kann, sondern zunehmend konkrete Antworten erfordert“. Auch Sidharth Kaushal sieht in der Optimierung des russischen Atomarsenals statt einer Vervielfachung der Bestände eine „wahrscheinliche Verlagerung hin zu einer offensiv geprägten Strategie“.

Bereits als TWZ in 2023 über die Entwicklung eines reichweitenstarken Kh-BD-Marschflugkörpers berichtete, war klar, dass die aus einer über Westrussland fliegenden Tu-160 abgefeuerte Waffe Ziele in ganz Europa vernichten könnte. Diese Situation hat sich jetzt deutlich verschärft.

NATO-Schreck: Der strategische Langstreckenbomber kann bis zu 45 Tonnen (nuklearer) Last tragen

Zeitgleich wird der Bomber Tu-160M modernisiert. Der strategische Langstreckenbomber kann bis zu 45 Tonnen (nuklearer) Last tragen. Rund 20 Maschinen dieses Typs werden Russland zugeschrieben, die Hälfte davon sei einsatzbereit, so das Fachblatt Flugrevue. TWZ hatte berichtet, dass das angestrebte Ziel bei 50 Maschinen liegen sollte. „Im Zuge der vom Flugzeugwerk Kasan verantworteten Modernisierung auf den neuen Standard Tu-160M erhalten die ‚Blackjacks‘ neben strukturellen Arbeiten ein digitales, automatisiertes Cockpit mit neuer Navigations- und Kommunikationssuite und neuer Flugsteuerung. Ein zeitgemäßer Autopilot, ein neues Radarsystem, neue Waffenkontroll- und erweiterte Selbstschutzsysteme gegen aktuelle Bedrohungslagen zählen ebenfalls zum Upgrade-Paket. Auch für das Feld der elektronischen Kampfführung ist die Tu-160M künftig gerüstet“, schreibt Flugrevue-Autor Patrick Zwerger.

Bereits im Zuge der Ankündigung des Kh-BD-Marschflugkörpers sowie eines damals angedrohten neuen Nurflügel-Langstreckenbombers Tupolew PAK DA (Perspektiwny Awiazionny Kompleks Dalnei Awiazii, zu Deutsch „Perspektivischer Flugkomplex der Fernfliegerkräfte“) hatte TWZ vor russischer Prahlerei bezüglich der Leistungsfähigkeit ihrer neu entwickelten Waffensysteme gewarnt. Einerseits, so Autor Thomas Newdick, würden sowohl der russischen Langstreckenfliegerei als auch der Raketentechnik sowie den Nuklearwaffen Priorität eingeräumt; andererseits rechnete er gerade bezüglich der Kh-BD mit einer hohen Abhängigkeit von westlichen Mikroelektronik-Komponenten. Auch aufgrund des immensen Verbrauchs an Marschflugkörpern im Ukraine-Krieg hatte Newdick im Jahr 2023 fest damit gerechnet, auch die Kh-BD im Ukraine-Krieg eingesetzt zu sehen.

Russlands nukleares Säbelrasseln: Unsicherheit terrorisiert den Westen

Andere Autoren sehen die Gefahr weniger im Auftauchen der Waffen als in der puren Drohung damit. Auch Aylin Matlé und András Rácz von der DGAP konstatieren das ständige Säbelrasseln Putins durch ständige Manövern der russischen Nuklearkräfte. Harald Edinger hat einen gewissen Gewöhnungseffekt in den westlichen Ländern festgestellt. Die Ankündigung der neuen Waffe könnte somit eine neue Dynamik im Empfinden der nuklearen Bedrohung bedeuten, so der Analyst in einem Beitrag für den estnischen Thinktank „International Center for Defense and Security“. Edinger unterstellt Putin, die NATO mit einem inszenierten „teilweisen Kontrollverlust“ zu bedrohen: Wenn die Kh-BD ganz Europa in Schutt und Asche legen kann, kann sich die westliche Verteidigungsallianz noch so um ihre Luftsicherheit bemühen. Das Restrisiko bleibt hoch.

Einen Bomber, der noch innerhalb des russischen Territoriums auf den Westen feuert, kann dieser kaum im Vorwege neutralisieren. Allein diese Unsicherheit terrorisiert den Westen, wie Edinger schreibt – allerdings könnte Russland sein Blatt auch bald überreizt haben.

„Die russische Nuklearstrategie bezog ihre Abschreckungswirkung anfänglich nicht aus klaren Zusagen, sondern aus der Ambiguität – der Möglichkeit, dass eine Eskalation außer Kontrolle geraten könnte. Doch Ambiguität ist ein vergängliches Gut. Je mehr die Gegner lernen, das Verhalten beobachten und Grenzen austesten, desto mehr verlieren vage Drohungen an Glaubwürdigkeit. Der russische Fall legt nahe, dass nuklearer Zwang, der auf Ambiguität beruht, kurzfristig durchaus wirksam sein mag, aber in anhaltenden Krisen schwer aufrechtzuerhalten ist.“ (Quellen: European Leadership Network, Center for Strategic and International Studies, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, International Center for Defense and Security, Flugrevue, Defense Express, The War Zone) (hz)