Religion stärkt den Zusammenhalt der Gesellschaft - meistens


Wer religiös gebunden und engagiert ist, der trägt laut einer neuen Studie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei - und zwar stärker als nicht religiöse Menschen. Das zeigt der neue Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Religionsgemeinschaften. Bei Muslimen sinkt demnach - anders als bei sonstigen Bekenntnissen - gerade bei ausgeprägter Religiosität die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen deutlich.

Den "Religionsmonitor" der Bertelsmann-Stiftung gibt es seit knapp 20 Jahren. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit unterschiedlichen Aspekten der Religiosität und deren gesellschaftlichen Auswirkungen. Seitdem hat sich die religiöse Zugehörigkeit der Deutschen verändert.

Die Symbole von Islam, Christentum und Judentum - Halbmond, Kreuz und Davidstern - stehen im Bildzentrum. Sie stehen nebeneinander auf dem Dach eines historischen grauen Gebäudes vor einem strahlend blauen Himmel
Halbmond, Kreuz und Davidstern - die Symbole der drei monotheistischen Religionen Islam, Christentum und JudentumBild: Arnulf Hettrich/imageBROKER/picture alliance

2025 gehören nach Angaben der beiden großen Kirchen noch knapp 44 Prozent der Deutschen zur katholischen oder evangelischen Kirche. Mehr als ein Drittel der Deutschen ist laut Bertelsmann-Bericht konfessionslos. Bis zu acht Prozent der Deutschen sind Muslime.

Während der vergangenen zehn Jahre nahm die Zahl orthodoxer oder freikirchlicher Christen in Deutschland zu, sie beträgt jeweils mehrere Millionen. Kleinere Gruppen sind jüdisch, hinduistisch oder buddhistisch. Deutschland ist weniger religiös als vor zehn oder 20 Jahren. Aber es ist religiös vielfältiger.

Mehr soziale Beziehungen, weniger Vertrauen in Regierung und Gerechtigkeit

Der Religionsmonitor blickt zunächst auf den allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland - jenseits der Religionszugehörigkeit. Indikatoren dafür sind im Kern die Bedeutung von sozialer Vernetzung, von Gemeinwohlorientierung beispielsweise durch persönliches Engagement und von Verbundenheit mit dem Gemeinwesen. Für die repräsentative Untersuchung wurden im März 2026 gut 5200 Menschen zwischen 18 und 94 Jahren befragt.

Dass die Bedeutung des Zusammenhalts nichts Statisches ist, zeigten die Corona-Jahre. Sie sorgten laut Studie bis 2023 für einen starken Rückgang der Werte. Seitdem habe sich der Zusammenhalt wieder verbessert und erreiche nun annähernd wieder die bis 2020 erfassten Werte.

Allerdings falle auf, dass sich in der gesamten Gesellschaft nur die Werte für soziale Beziehungen und auch die Gemeinwohlorientierung wieder deutlich verbessert hätten. Dagegen stagniere die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen.

Wörtlich heißt es: "Besonders schwach ausgeprägt sind das Vertrauen in die Bundesregierung sowie das Gerechtigkeitsempfinden." Es zeige sich eine "anhaltende Vertrauenskrise" gegenüber der verantwortlichen Politik. Dazu gehöre auch ein "gegenwärtig besonders stark ausgeprägtes Ungerechtigkeitsempfinden".

Experten bewerten Religion als Ressource

Im größeren Gesamtbild schauen die Experten der Stiftung dann auf die Rolle von Religion und bewerten sie als überraschend. Religion erweise sich als "relevante Ressource". Allerdings komme ihr Potenzial nicht in allen Religionsgemeinschaften gleichermaßen zum Tragen.

Das Foto zeigt die zum Fastenbrechen im Ramadan beleuchtete Moschee der Islamischen Gemeinde Penzberg, im Vordergrund ahnt man Lichter des Autoverkehrs
Die Moschee der Islamischen Gemeinde Penzberg bei München Bild: Dwi Anoraganingrum/Panama Pictures/IMAGO

Bei katholischen und evangelischen Befragten stiegen die verschiedenen Werte zum Zusammenhalt mit zunehmender Religiosität. Unter muslimischen Befragten falle jedoch die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen unter hochreligiösen Muslimen und Musliminnen besonders niedrig aus.

Während weniger oder gar nicht religiöse Muslime bezüglich der Verbundenheit mit dem Gemeinwesen auf 46 Punkte kommen und mittelreligiöse auf 42 Punkte, sind es bei hochreligiösen Muslimen nur noch 28 Punkte. Als mögliche Erklärungen nennt die Studie Diskriminierung, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und begrenzte institutionelle Repräsentation. Es gehe nicht um Rückzug, sondern um erodiertes Vertrauen in die staatlichen Institutionen.

Porträt eines Manns mit kurzen dunkklen Haaren im roten Hemd und schwarzem Jackett, der ernst in die Kamera schaut: der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide
Mouhanad Khorchide ist Dekan der neu errichteten Islamisch-Theologischen Fakultät an der Universität MünsterBild: Guido Kirchner/dpa/picture alliance

Dieser Befund sei "ernst zu nehmen", sagt Mouhanad Khorchide, Dekan der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, der DW. Aber er äußert grundsätzliche Kritik an dem in der Studie formulierten Erklärungskonzept. Die Studie biete "nur eine einzige Ursache" an: Diskriminierung und fehlende Anerkennung. Das sei ihm zu einseitig.

Gewiss existiere Diskriminierung und sei von Bedeutung. Aus seiner Sicht werde aber eine "mindestens ebenso entscheidende Ursache" nicht einmal erhoben: "die Wirkung religiös-ideologischer, oft islamistisch grundierter Erzählungen". Diese stellten den Staat, die Demokratie und die Mehrheitsgesellschaft als fremd oder feindlich gegenüber dem "wahren" Islam dar. Solche Narrative zersetzten das Vertrauen in die Institutionen.

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Khorchide: Eine Opfererzählung schürt Misstrauen

Khorchide spricht von einem Narrativ vom "Opfermuslim", das sich längst verselbständigt habe. Diese "Deutungsbrille" werde von vielen übernommen, auch ohne konkrete eigene Diskriminierungserfahrung. Khorchide beobachtet: "Wo die Opfererzählung die Wirklichkeit ersetzt, erzeugt sie genau das Misstrauen, das sie zu beschreiben vorgibt." In der Studie werde das ausgeblendet.

Khorchide verweist auf den Ansatz der islamischen Theologie, wie sie in Münster vermittelt werde. Es gelte aufzuzeigen, dass der Glaube und das Gemeinwesen kein Gegensatz seien. Es gehe darum, der "Opferhaltung" eine Haltung der Verantwortung und Gestaltungskraft entgegenzusetzen. Das sei wirksamer, als einseitig nur bei der notwendigen Debatte um gesellschaftliche Anerkennung stehen zu bleiben, analysiert der Islamwissenschaftler.