Rettungsschwimmerin im Kinder-Interview: »Jeder Mensch sollte schwimmen können«


DEIN SPIEGEL: Welches Schwimm­abzeichen haben Sie?

Vogt: Ich habe alle drei Abzeichen – Bronze, Silber und Gold. Und ihr?

DEIN SPIEGEL: Paula hat Gold, und Charlotte hat Silber.

Vogt: Das ist toll. Manche Kinder machen nur das Seepferdchen. Die Eltern denken, dass ihre Kinder damit sicher im Wasser unterwegs sind. Aber das ist falsch.

Ute Vogt arbeitet ehrenamtlich für die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, die DLRG. Das ist ein riesiger Verein, dessen Aufgabe die Wasserrettung ist. Die DLRG ist außerdem die größte Anbieterin von Schwimmkursen und bildet Rettungsschwimmer aus. Mit Motorbooten wie diesen können die Lebensretter weit aufs Meer rausfahren.

Ute Vogt arbeitet ehrenamtlich für die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, die DLRG. Das ist ein riesiger Verein, dessen Aufgabe die Wasserrettung ist. Die DLRG ist außerdem die größte Anbieterin von Schwimmkursen und bildet Rettungsschwimmer aus. Mit Motorbooten wie diesen können die Lebensretter weit aufs Meer rausfahren.

Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: Wir haben gelesen, dass sechs von zehn Zehnjährigen in Deutschland nicht sicher schwimmen können. Die Zahlen sind sogar schlechter geworden in den vergangenen Jahren. Woran liegt das?

Vogt: Das sind ganz traurige Zahlen. Der Hauptgrund ist, dass in vielen Schulen gar kein Schwimmunterricht mehr gegeben wird. Es gibt zu viele Schulen, die kein Schwimmbad in der Nähe haben. Auch hier in der Umgebung gibt es zwei Schwimmhallen, die seit Jahren geschlossen sind. Das ist in Deutschland ein häufiges Problem.

DEIN SPIEGEL: Warum ist das so?

Vogt: Schwimmbäder zu betreiben, kostet sehr viel Geld: Die Technik muss gewartet, die Energie und das Personal müssen bezahlt werden. Vielen Gemeinden fehlt auch das Geld da­für, die öffentlichen Bäder zu renovieren. Dann werden sie erst einmal geschlossen.

DEIN SPIEGEL: Welche Auswirkungen hat das Schließen der Bäder auf die Schwimmausbildung?

Vogt: Wenn die Bäder fehlen, lernen weniger Kinder schwimmen. Dabei ist der Andrang groß. Die Wartelisten für Schwimmkurse in den verbleibenden Bädern sind jetzt schon superlang.

DEIN SPIEGEL: Was kann die DLRG tun, um die Situation zu verbessern?

Vogt: Wir werben bei der Politik dafür, mehr Geld für Bäder bereitzustellen. Das ist eine meiner Aufgaben als Präsidentin.

DEIN SPIEGEL: Sie sprechen mit Politikern und Politikerinnen?

Vogt: Genau. Ich war ja selbst auch Politikerin. Das ist von Vorteil bei solchen Gesprächen. Ich weiß, wie in der Politik gearbeitet wird, manche Leute kenne ich noch.

DEIN SPIEGEL: Haben Sie einen konkreten Wunsch an die Politik, um die Bäderlandschaft zu retten?

Vogt: Ja! Eine Idee ist, die Kosten für den Betrieb eines öffentlichen Schwimmbads auf mehrere Gemeinden zu verteilen. Schließlich benutzen das Schwimmbad auch Menschen mehrerer Gemeinden – vor allem wenn es nur wenige Bäder in einer Region gibt. Da fahren ja Leute aus Nachbarorten hin. Es wäre also nur fair, wenn die Kosten nicht nur von der Ortschaft getragen werden, in der das Bad steht.

DEIN SPIEGEL: Warum ist es wichtig, schwimmen zu können?

Vogt: Schwimmen ist eine Grundfähigkeit. So wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Das sollte jeder Mensch können. Aber wir müssen das lernen. Wir können das nicht einfach so, wie Hunde zum Beispiel.

In den großen Ferien können auch die schönsten Sommertage Kindern ziemlich lang vorkommen. Die Extra-Ausgabe von DEIN SPIEGEL »Alles auf Sommer!« zeigt, wie man solche Stunden füllen kann: mit Bastel- und Spielideen (Wie wäre es mit wiederverwendbaren Wasserbomben? Oder einer Insektentränke aus Muscheln?), einem großen Sommerrätsel mit vielen Preisen und spannenden Texten. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

DEIN SPIEGEL: Was könnte Nichtschwimmer noch motivieren, schwimmen zu lernen?

Vogt: Schwimmen ist ein sehr gesunder Sport. Und es macht riesigen Spaß. Menschen werden magisch angezogen vom Wasser, wollen schon als Kleinkind damit spielen – und auch darin schwimmen. Schwimmen zu können, macht selbstbewusst und stark.

DEIN SPIEGEL: Was sollte man mitbringen, wenn man selbst Rettungsschwimmer werden möchte?

Vogt: Ausdauer und Mut. Wer Rettungsschwimmer werden will, muss ein sogenanntes Rettungs-Schwimmabzeichen Silber haben. Das kann man ab 14 Jahren machen. In den Einsatz kommt man aber erst ab 16. Man muss mehrere Schwimmstile beherrschen: Brust, Rücken und Kraul. Man lernt, in Kleidung zu schwimmen und angezogen auch jemanden abzuschleppen. Und man muss ins Wasser springen und 25 Meter weit tauchen können. Immer wieder sterben Menschen bei Badeunfällen, auch in Deutschland. Im Jahr 2024 waren es 411 Menschen, im vergangenen Jahr 393.

Notfallset: Ute Vogt zeigt Charlotte und Paula die Erste-Hilfe-Taschen

Notfallset: Ute Vogt zeigt Charlotte und Paula die Erste-Hilfe-Taschen

Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: Welche großen Gefahren im Wasser werden oft unterschätzt?

Vogt: Die Strömung. Nicht so sehr im Meer, sondern im See und im Fluss. Dort gibt es mit Abstand die meisten tödlichen Badeunfälle. Es passiert oft, dass Leute sagen: »Ach, ich will nur mit den Beinen ins Wasser.« Sie stellen sich an den Rand des Flusses, rutschen ab, oder es kommt eine Welle und reißt ihnen die Beine weg. Was auch unterschätzt wird, ist der Temperaturunterschied. Ist es im Sommer heiß, denkt man sich: Ich springe schnell ins Wasser, da kühle ich ab. Dabei können die Muskeln verkrampfen, dann gerät man in Gefahr. Eine weitere große Gefahr ist Alkohol. Angetrunken darf man nicht schwimmen gehen. Das tun aber viele bei Feten am Strand und verunglücken dann.

DEIN SPIEGEL: Gibt es für Kinder noch andere Gefahren?

Vogt: Kinder können schon in flachem Wasser ertrinken. Zum einen, weil Wasser eine unheimliche Kraft hat. Aus der Brandung aufzustehen, erfordert eine gewisse körperliche Stärke. Die haben Kinder nicht. Zum anderen kommt bei sehr kleinen Kindern hinzu, dass ihr Kopf im Verhältnis zum Körper sehr groß und schwer ist. Wenn sie sich nach einer Muschel bücken und stolpern, kommen sie oft allein nicht mehr hoch. Für so kleine Menschen gilt, dass die Eltern immer in Greifweite sein sollten. Leider unterschätzen manche Eltern flaches Wasser, daddeln am Handy und bekommen es gar nicht mit, dass ihr Kind in Gefahr gerät.

DEIN SPIEGEL: Warum ertrinken so viel mehr Jungen und Männer als Mädchen und Frauen?

Vogt: Vier von fünf Toten sind männlich – das Verhältnis ist wirklich krass. Selbstüberschätzung, Geltungsdrang und Scham sind die Gründe. Sie denken, sie können etwas viel besser, als sie es tatsächlich können, sie wollen anderen beweisen, wie mutig sie sind, und es ist ihnen unangenehm, wenn sie etwas nicht können. Viele Jungs trauen sich nicht, zu sagen: »Ich kann nicht schwimmen«, und gehen einfach mit.

Paula und Charlotte, beide 12, gehen auf ein Gymnasium in der Nähe von Kiel. Charlotte singt in ihrer Freizeit im Chor und spielt Einradhockey. Paulas Hobbys sind Tennis, Feldhockey und Geige.

Paula und Charlotte, beide 12, gehen auf ein Gymnasium in der Nähe von Kiel. Charlotte singt in ihrer Freizeit im Chor und spielt Einradhockey. Paulas Hobbys sind Tennis, Feldhockey und Geige.

Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: Was sollten Kinder unbedingt beachten, wenn sie in einem See oder Fluss baden möchten?

Vogt: Nur dort reingehen, wo es eine Badeaufsicht gibt. Niemals allein schwimmen gehen. Und nie bei Gewitter. Nur dort reinspringen, wo man weiß, dass es tief genug ist. Das sind nur Beispiele. Alle Baderegeln kann man in der DLRG-App und auf unserer Website nachlesen.

DEIN SPIEGEL: Gibt es Tipps, die Sie jedem Kind mitgeben können?

Vogt: Ja! Mit den Eltern im Schwimmbad das Reinspringen üben. Das hilft sehr, die Angst davor abzubauen, mit dem Kopf unter Wasser zu sein. Und auch unter Wasser die Augen zu öffnen, sich an dieses Gefühl zu gewöhnen. Wenn man das kennt, gerät man weniger schnell in Panik bei schwierigen Situationen. Und ich wünsche mir von Herzen, dass bei Wassersport, ob beim Stand-up-Paddeln oder mit dem Kanu, Schwimmwesten getragen werden. Leider gibt es dafür in Deutschland keine Pflicht, und viele tragen sie nicht, weil sie schwimmen können. Aber bei einem Unfall geraten auch gute Schwimmer leicht außer Puste. Westen retten Leben.

Foto: DEIN SPIEGEL

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