Rhythmus in Aufruhr: Wie Natur und Tiere auf eine Sonnenfinsternis reagieren


Stand: 12.08.2026, 15:59 Uhr

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Wenn das Sonnenlicht plötzlich schwindet, gerät die Natur in Aufruhr. Erfahren Sie, wie die Tier- und Pflanzenwelt auf eine Sonnenfinsternis reagiert.

Deutschland – Am 12. August wird es am helllichten Abend plötzlich dunkel in Deutschland – und dieses Schattenspiel sorgt in der Natur für mächtig Wirbel. In den späten Stunden des Tages schiebt sich der Mond in Deutschland schätzungsweise zu 85 bis 90 Prozent vor die Sonne. Solche kosmischen Ereignisse spielen sich rund um den Globus in stetiger Regelmäßigkeit ab. Allerdings hinterlässt die Sonnenfinsternis bei der Tier- und Pflanzenwelt tiefe Spuren.

Die zum Teil durch den Mond verdeckte Sonne steht hinter dem Wetterhahn der Kreuzkirche in Frankfurt-Preungesheim am Himmel. +++ dpa-Bildfunk +++

Am 12. August findet in Deutschland wieder eine partielle Sonnenfinsternis statt. Auch an Tieren und Pflanzen geht dieses Ereignis nicht spurlos vorbei. © Boris Roessler/picture alliance/dpa

Experten aus der Naturforschung widmen sich der Analyse dieser Verhaltensmuster bereits seit langer Zeit. Aus vergangenen Epochen liegt jedoch nur eine überschaubare Menge an dokumentierten Berichten und Überlieferungen vor, die das Agieren von Lebewesen inmitten der abrupt aufkommenden Düsternis einer Sonnenfinsternis beleuchten.

Wirkt sich auf Rhythmus aus: „Sonnenfinsternis signalisiert den Tieren eine beginnende Nacht“

Dabei erwarten Ornithologen speziell für das anstehende Ereignis im August ein deutlich verfrühtes Einsetzen des klassischen Abendgesangs von Singvögeln, da dieses Phänomen ab einer Abdeckung von über 80 Prozent besonders intensiv angeregt wird. Wie die Zeit berichtete, untersuchte Klaus Reiter von der Technischen Universität München das Verhalten von Nutztieren während der totalen Sonnenfinsternis im Jahr 1999. Das Himmelsereignis zog damals weite Teile des europäischen Kontinents für circa 120 Sekunden in seinen Bann.

„Die Sonnenfinsternis signalisiert den Tieren eine beginnende Nacht und wirkt sich kurzfristig auf ihren Rhythmus aus“, sagte Reiter gegenüber der Zeit. Auf Basis seiner Analysen folgerte der Experte, dass die Tierwelt verschiedenartig auf den plötzlichen Lichtentzug anspricht. Er schilderte etwa Fälle von Pferden, bei denen sich unübersehbare Stresssymptome zeigten. Andere Gattungen wiederum wiesen zwar einen beschleunigten Pulsschlag auf, ließen sich diesen inneren Aufruhr in ihrem äußeren Verhalten jedoch nicht anmerken.

Zudem hielt Reiter fest, dass sich Enten in der Mitte eines Teiches versammelten – offenbar auf der Suche nach Schutz. Parallel dazu gab es Lebewesen, die kaum Anzeichen von Stress offenbarten und sich stattdessen schlicht auf das vermeintliche Ende des Tages einstellten: Sie stellten ihre Laute ein und verharrten in Ruhestellung.

Ganz ähnliche Entdeckungen verbuchte die Tierschützerin Shirley Cormack im Jahr 2001, als eine Sonnenfinsternis Simbabwe verdunkelte. In einem Gespräch mit dem Spiegel schilderte sie ihre Erfahrungen wie folgt: „Die Tiere reagierten, als sei urplötzlich die Dämmerung eingebrochen: Zikaden und Vögel verstummten; stattdessen schwirrten Mücken durch die Luft. Schmetterlinge falteten ihre Flügel zusammen und setzten sich zur Nachtruhe. Die Nilpferde reckten wie auf Kommando ihre Köpfe aus dem Wasser und begannen, ihre behäbigen Leiber an Land zu wuchten, um grasen zu gehen.“

Unterschiedliches Verhalten der Tiere

Wie auch auf naturschutz.ch berichtet wurde, registrierte Cormack weiterhin, dass die Irritation bei manchen Lebewesen selbst am nachfolgenden Tag noch spürbar war. Demnach öffneten die Schmetterlinge ihre Flügel trotz des zurückgekehrten Tageslichts nicht wieder. Genauso mieden die Flusspferde am darauffolgenden Morgen den Gang zurück ins Nass.

Jene Schilderungen kollidieren allerdings mit den Erkenntnissen Reiters. Dieser hatte explizit betont, dass die Geschöpfe nach dem Wiederauftauchen der Sonnenstrahlen rasant zu ihren gewohnten Verhaltensweisen zurückfanden. Inwiefern ein solches Himmelsschauspiel tatsächlich anhaltende Verwirrungen stiften kann oder ob dies stark von der jeweiligen Spezies abhängt, muss im Zuge künftiger Forschungsarbeiten geklärt werden.

Für Kreaturen der Nacht bedeutet eine totale Sonnenfinsternis hingegen oft den Startschuss für ihre aktive Phase. So gab Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell zu Protokoll, dass während eines Events in Mexiko Fledermäuse gesichtet wurden, die zur Jagd aufbrachen. Ebenso wird von Grillen berichtet, dass sie inmitten der totalen Finsternis ihre charakteristischen Zirpkonzerte anstimmten. Bis zum heutigen Tage fußt das Verständnis über die Reaktionen von Tieren während solcher Finsternisse zum großen Teil auf isolierten Beobachtungen und Berichten aus zweiter Hand. Eine allgemeine wissenschaftliche Übereinkunft existiert bislang nicht.

Das Rätsel der Bäume: Sonnenfinsternis oder Unwetter?

Auch an Bäumen erforschten Experten die Reaktionen während einer Sonnenfinsternis. Am 25. Oktober 2022 ließ sich über Norditalien eine unvollständige Finsternis beobachten. Unmittelbar vor diesem Moment registrierte ein Team um Alessandro Chiolerio vom Technischen Institut in Genua eine auffällige Dynamik bei Kiefern im Dolomitengebirge, wie auf dem Portal Spektrum der Wissenschaft berichtet wurde.

Die Experten bemerkten, dass die Nadelbäume bereits rund 14 Stunden vor dem eigentlichen Ereignis ihre bioelektrischen Ströme aufeinander abstimmten. Jene Angleichung blieb auch während der eigentlichen Verdunkelungsphase bestehen. Die Gruppe mutmaßte darum, dass die Kiefern den anstehenden Wechsel von Licht zu Dunkelheit bereits im Vorfeld erahnt haben könnten. Jenen Thesen treten allerdings die israelischen Wissenschaftler Ariel Novoplansky und Hezi Yizhaq von der Negev-Universität vehement entgegen. Sie erachten eine weitaus banalere Komponente für plausibler: ein Gewitter.

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Für ihre Gegenanalyse prüften sie die Messergebnisse des italienischen Teams und spiegelten sie mit den meteorologischen Daten der Region. Hierbei kam heraus, dass sich im Vorfeld der Finsternis ein heftiges Unwetter zusammengebraut hatte. Es kam zu heftigen Niederschlägen und etliche Blitze schlugen unweit der Testbäume ein.

Blitze für bioelektrische Aktivität verantwortlich?

Nach Ansicht von Novoplansky und Yizhaq begründet jene Wetterlage die gemessene Harmonisierung der Bäume wesentlich schlüssiger als das kosmische Event. Sie gehen davon aus, dass die Blitze und die damit einhergehenden Umweltreize die bioelektrischen Impulse der Kiefern hervorgerufen haben.

Novoplansky äußert sich im Speziellen extrem distanziert zu der ursprünglichen Interpretation. Es sei hinlänglich bekannt, dass die Flora auf Fluktuationen in ihrer Umgebung reagiert. Derlei Prozesse nähmen jedoch im Regelfall nur dann ihren Lauf, wenn ein baldiges Ereignis für die Gewächse von existenzieller Bedeutung sei und durch unmissverständliche Signale angekündigt werde.

Die Verdunkelung der Sonne erfülle diese Kriterien nach der Überzeugung der Forscher schlichtweg nicht. Sie sei viel zu temporär und zu marginal gewesen, um eine tiefgreifende Reaktion der Bäume zu triggern. Das Absinken der Lichtintensität sei letztlich sogar geringer ausgefallen als beim Vorbeizug mächtiger Wolkenbänke, die zeitweise das Tageslicht abschirmen. (Quellen: Die Zeit, Der Spiegel, naturschutz.ch, Spektrum der Wissenschaft) (aw)