Rückblick auf jahrzehntelanges Drama: Happy End: Jetzt geht alles glatt beim Zweibrücker Überflieger!


Rückblick auf jahrzehntelanges Drama Happy End: Jetzt geht alles glatt beim Zweibrücker Überflieger!

Zweibrücken · Der letzte Akt im tragikomischen teuren Überflieger-Drama an der Zweibrücker A 8-Auffahrt Richtung Saarland ist geschrieben. Neuer Plot-Twist: Diesmal kostet er den Steuerzahler ausnahmsweise nichts.

14.08.2026 , 19:32 Uhr

Eben und sicher wie nie zuvor: Erst wurde die peinliche Panne am Ende des Überfliegers beseitigt – jetzt war die abgesackte Einfahrtsrampe dran.

Foto: Lutz Fröhlich

Der umstrittene „Zweibrücker Überflieger“ ist seit einigen Tagen wieder befahrbar. Zuvor war er voll gesperrt, um einen „Hubbel“ zu beseitigen: Am Übergang zwischen Überflieger-Einfahrtshang und Überflieger-Brücke hatte sich ein tiefe Absenkungs-Rinne „Sprungschanze“ und „Hubbel“ getauft) quer über die Fahrbahn gebildet. Der Hang wurde stabilisiert, der Fahrbahn-Belag in dieser Überflieger-Hälfte großteils erneuert.

Hier ein Rückblick auf das Überflieger-Drama in mehreren Akten.

VORSPIEL:
Unwillkommenes Wahlgeschenk

September 2003: Der Oberbürgermeister-Wahlkampf in Zweibrücken läuft auf Hochtouren. Amtsinhaber Jürgen Lambert (CDU) geht in Ruhestand. Die SPD schickt Bürgermeister Heinz Heller ins Rennen, die CDU Baudezernent Rolf Franzen. Doch Umfragen sehen mit klarem Abstand einen Polit-Außenseiter vorn: Professor Helmut Reichling, der als „parteiunabhängiger“ Einzelbewerber antritt. Vier Tage vor der Wahl versuchen Heller und Franzen das Rennen zu drehen: Bei einer Pressekonferenz kündigen sie einen „Überflieger“ an, der Bau solle schon nächstes Frühjahr (also 2004) beginnen und im Frühjahr 2005 fertig sein. Der Überflieger solle wenige Meter vor dem Bubenhauser Kreisel beginnen, von dem man bislang auf die Autobahn 8 Richtung Saarland kommt. Das spare Autofahrern Zeit – und koste die Stadt nur 150.000 Euro, weil der Bund 85 Prozent der Kosten (insgesamt rund eine Million Euro) trage. (Wie erst 2019 öffentlich bekannt wird, gab es eine erste fertige Planung schon 1998.)

Das Wahlgeschenk kommt offensichtlich nicht gut an: Reichling wird schon im ersten Wahlgang mit 68 Prozent gewählt.

1. AKT:
Politisches Hin und Her

Januar 2003: Die SPD-Stadtratsfraktion rückt „einmütig“ von dem Projekt ab: Der Überflieger sei angesichts der momentanen Verkehrsbelastung „gegenwärtig und in absehbarer Zeit nicht notwendig“. Auch hohe Bundeszuschüsse seien Steuergelder, und das städtische Defizit zu groß. Fraktionschef Berni Düker: „Unter dem Spardiktat hat die Vernunft gesiegt.“ Die CDU reagiert pikiert: Sie sei genauso gegen den Überflieger – die SPD stelle den Stopp als ihr Verdienst dar, dabei seien sich alle Fraktionen bei nichtöffentlichen Beratungen einig gewesen, das Geld aus dem Haushalt zu streichen.

Oktober 2006: Die Stadtspitze holt den Überflieger aus der Versenkung hervor. Baudezernent Kurt Dettweiler (FWG), der als Oppositionsführer noch klar dagegen war, ist nun klar dafür. Ebenso OB Reichling. Und die CDU erinnert sich plötzlich nur noch daran, dass sie drei Jahre vorher für den Überflieger gewesen sei. Der Stadtrat stimmt mehrheitlich für den Überflieger. Nur elf Ratsmitglieder (Grüne Liste, FWG sowie Räte von FDP und SPD) sind dagegen. Die Befürworter verweisen auf wachsende Verkehrsströme durch das wachsende Outlet-Center, zunehmenden Flugbetrieb und hoffentlich auch das geplante City-Outlet. Die Gesamtkosten werden nun auf 1,3 Millionen Euro geschätzt.

Frühjahr 2015: Viele Jahre fand man im Merkur-Archiv mit den Suchbegriffen „Überflieger“ und „Zweibrücken“ nur Stabhochsprung-Star Raphael Holzdeppe. Denn zum einen verzögerte der Bund den Überflieger-Bau, zum anderen setzt sich nun erst mit Kurt Pirmann (SPD) als Oberbürgermeister wieder ein Politiker nachhaltig für den Überflieger-Bau ein. Obwohl daraufhin der Bund der Steuerzahler Rheinland-Pfalz kritische Fragen stellt und die Kosten-Schätzung auf 1,4 Millionen Euro steigt und fast 800 Bürger eine Unterschriftenliste unterschreiben, stimmt der Stadtrat erneut für den Bau – wie 2006 erneut mit 25 Ja-Stimmen, darunter fast alle Sozialdemokraten (inklusive Düker), CDU und Linken-Chef Matthias Nunold. Die beiden anderen Linken, Grüne Liste, FWG (darunter Dettweiler), FDP und AfD stimmen teils mit Nein (elf), vier enthalten sich. Die Befürworter verweisen auf aktuelle Verkehrszählungen, wonach der Kreisel bereits maximal belastet sei, und Expansionspläne von Möbel Martin und Globus Baumarkt in der Wilkstraße, die den Kreisel noch stärker belasten könnten.

Kurz darauf rückt der Steuerzahler-Landesverband von seiner Kritik ab: Nach Beantwortung der Fragen durch die Stadt halte man den Kreisel „zwar weit von einem Verkehrsinfarkt entfernt, aber der Abbau der vorhandenen Belastung rechtfertigt aus unserer Sicht den Einsatz von Steuergeld“.

2. AKT:
Der (Ursprungs-)Bau

September 2015: Die Erdarbeiten für den Überflieger beginnen. Auch weil sich die Aufschüttung 12 bis 16 Monate setzen müsse angesichts des torfigen Untergrunds, könne Eröffnung wohl frühestens Mitte 2017 sein, erklärt der UBZ (Umwelt- und Servicebetrieb Zweibrücken), der die Bauarbeiten koordiniert.

April 2019: Der Überflieger wird für den Verkehr freigegeben. Die Kosten werden mittlerweile auf etwa 1,8 Millionen Euro geschätzt. Wobei der Bund die Baukosten trägt, die Stadt „nur“ die 150.000 Euro Planungskosten.

3. AKT:
Gefährliche Falle am Ende des Überfliegers – weil geplante Einfädelspur zu bauen vergessen wurde

Mai 2019: Zwei Wochen nach der Eröffnung schlägt der Pfälzische Merkur unter der Überschrift „Der Überflieger: Schnell gefährlich“ Alarm. Der Kommentator kritisiert die Gestaltung am Ende des Überfliegers: „Kollisionen sind programmiert. Der breite Überflieger mit guter Sicht auf die Autobahn verführt zum Schnellfahren. Viele ortsunkundige Autofahrer werden, wenn sie von der höchsten Stelle des Überfliegers bergab brausen, geradeaus Richtung Autobahn schauen – und über das Vorfahrt-achten-Schild in der Senke am Ende des Überfliegers hinwegblicken. Drastisch verschärft wird die Gefahr dadurch, dass die Auffahrt vom Kreisel zur Autobahn fast parallel zum Überflieger verläuft und durch dessen Leitplanke verdeckt ist. Ob hier ein Auto heranfährt, ist also erst im letzten Moment und nur mit scharfem Schulterblick erkennbar. Hier muss die Verkehrsführung dringend nachgebessert werden, um schwere Unfälle zu vermeiden!“ Kurz darauf passiert dort ein erster Unfall, zum Glück ohne Verletzte.

4. AKT:
STOP-Schild muss aufgestellt werden – Einfädelspur soll einfach nachmarkiert werden

Juni/Juli 2019: Der Landesbetrieb Mobilität (LBM Rheinland-Pfalz) stuft diese Verkehrssituation ebenfalls als „gefährlich“ ein – und ordnet das Aufstellen eines STOP-Schilds am Überflieger-Ende an.

Das ist aber nicht einmal der Gipfel der Peinlichkeit: Der LBM verrät auf Merkur-Anfrage, dass das STOP-Schild eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre – wenn die schon immer (das heiße 20 Jahre lang) in den Planungsunterlagen stehende Einfädelspur vom Überflieger auf die A 8 beim Bau nicht vergessen worden wäre. Für die Fehlplanung sei die Stadt verantwortlich – aber auch der LBM räumt selbstkritisch ein, er habe die Planung abgesegnet und hätte das Versäumnis bemerken müssen. Ein Stadt-Sprecher bedauert, im von der Stadt mit der Planung beauftragten Planungsbüro sei die Einfädelspur „verschütt’ gegangen“. Auf dem Randstreifen sei aber genug Platz, um bis Herbst noch eine Einfädelspur zu markieren.

Das Autobahnamt Montabaur weist dies zurück: An der engsten Stelle fehle gut ein Meter Breite!

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Die kuriose Geschichte des Zweibrücker Überfliegers

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Foto: Lutz Fröhlich

5. AKT:
Einfädelspur nicht auf ohne aufwändige Hangaufschüttung möglich – Kosten explodieren

Mai 2020: Die Planung für die Einfädelspur steht fest: Für den Bau müssen sogar Hangaufschüttungen vorgenommen werden. Für den Einfädelspur-Bau müsse die gesamte Autobahnauffahrt (sowohl vom Überflieger also auch vom Kreisel) drei bis vier Monate gesperrt werden. Der UBZ schätzt die hierfür erforderlichen Kosten auf 220 000 bis 250 000 Euro – für den Überflieger selbst seien bisher 1,6 Millionen Euro reine Baukosten angefallen.

6. AKT:
Steuerzahlerbund-Schwarzbuch prangert „verschütt gegangene“ Einfädelspur an

Oktober 2020: Das Schwarzbuch des deutschen Bunds der Steuerzahler spießt das Vergessen der Einfädelspur beim Überflieger-Bau auf: „Ohne einen echten Beschleunigungsstreifen ist der Überflieger eher unterirdisch.“ Der Überflieger an sich sei zwar „sinnvoll“, aber: „Unnötig peinlich und vermeidbar ist die Posse um den mangelhaften Beschleunigungsstreifen.“ Die Planungskosten von rund 100.000 Euro hierfür trage Zweibrücken, die Baukosten von 230.000 Euro der Bund, hat der Steuerzahlerbund bei der Stadt recherchiert.

7. AKT:
STOP-Schild steht noch immer – aber Stadt schildert Überflieger als Autobahn aus und hebt so Tempolimit auf

November 2020: Die Stadt hat nun den Überflieger offiziell als Autobahn ausgeschildert, theoretisch gilt dort damit kein Tempolimit mehr. Am Ende das STOP-Schild steht aber immer noch. Denn von der Einfädelspur zur eigentlichen A 8 ist – infolge von Verzögerungen durch Corona-Pandemie und Wetter – immer noch keine Spur zu sehen. Es dürfte sich wohl um das einzige Stop-Schild auf einer deutschen Autobahn handeln ...

8. AKT:
Einfädelspur-Bauarbeiten beginnen – und werden noch viel teurer

September 2021: Die Arbeiten für die Einfädelspur beginnen.

Dezember 2021: Die Einfädelspur ist fertig, das Stop-Schild weg.

9. AKT:
Ende gut, alles gut? Nein: Jetzt wird der Überflieger am Anfang zum Absacker

Oktober 2022: Ende (des Überfliegers) gut, alles gut? Nein. Nun macht die Einfahrt des Überfliegers Probleme. Was viele Autofahrer schon irritiert feststellten, erreicht nun auch die Politik: Walter Rimbrecht (SPD) kritisiert im Stadtrat, fahre man zügig auf den Überflieger, könne dieser kurz vor dem Brückenteil aufgrund einer kleinen Erhebung regelrecht den Charakter einer „Sprungschanze“ annehmen. Hier sei doch unsauber gearbeitet worden? Der UBZ bestätigte dies – es werde bald nachgebessert.

April 2023: Nach Begutachtung des Überfliegers ist klar: Die von Rimbrecht geschilderte Erhebung ist durch ein Absacken des Überfliegers an dieser Stelle verursacht worden – vier bis fünf Zentimeter tief. Um Schäden an Autos zu vermeiden, wurden bereits Warnschilder aufgestellt, die auf die unebene Fahrbahn hinweisen. Die Ursache soll ein weiteres Gutachten klären.

Dezember 2023: Dieses Gutachten nennt laut Stadt-Mitteilung als Ursache, „dass unterschiedliche Verfüllmaterialien benutzt wurden, welche zu den Setzungen geführt haben“. Zur Schuldfrage steht nicht nichts im Gutachten – aber die Stadt sieht die Baufirma in der Haftung.

August 2025: Der Absacker im Überflieger ist immer noch da. Der Merkur hakt nach. In Zweibrücken will zu dem leidigen Thema niemand mehr etwas sagen: Die Stadt verweist auf den UBZ, der auf die Autobahn GmbH. Die erklärt vage, aber immerhin, „im Augenblick“ liefen die „Vorbereitungen für die Behebung der Unebenheiten“.

Mai 2026: Oberbürgermeister Marold Wosnitza (SPD) kündigt an: Im Juni beginnen die Bauarbeiten zur Hubbel-Beseitigung. Und kann sich eine spöttische Anmerkung nicht verkneifen: „Wie werden wir den ganzen Verkehr bewältigen“, wenn alle wie früher über den Kreisel zur Autobahn müssten. Es werde wohl „zu einem Rückstau bis ans City-Outlet“ kommen – welches (siehe oben) im Stadtrat 2006 als mit ein Grund für den Überflieger-Bau genannt worden war, aber nach der Eröffnung 2007 schon 2011 mangels Erfolg geschlossen wurde.

10. AKT:
Happy End: Vollsperrung für Hubbel-Sanierung dauert kürzer als geplant – und kostet, beim Überflieger ausnahmsweise, die Steuerzahler nichts

Juni 2026: Die Sanierung beginnt wie angekündigt am 8. Juni. Die Autobahn GmbH erklärt auf Merkur-Anfrage, was alles getan wird: „Es werden Schäden behoben, die sich nach Setzungen im Bereich der Bauwerkswiderlager eingestellt haben.“ Auf einer Länge von zirka 15 Metern vor und hinter dem Bauwerk werde „die Auffüllung des Dammes, auf dem die Fahrbahn liegt, aufgenommen und neu hergestellt“. Ferner werden „Schutzplanken, Borde, Rinnen und Asphalt erneuert“.

Juli 2026: Nach den jahre- bis jahrzehntelangen Verzögerungen eine völlig ungewohnte Nachricht: Die Arbeiten werden wie nicht nur wie angekündigt pünktlich nach sechs Wochen, sogar schon nach fünfeinhalb Wochen abgeschlossen. Sodass der Verkehr wieder über den Überflieger rollen kann – so glatt und sicher wie noch niemals zuvor.

August 2026: Nach der Hubbel-Sanierung und einer darauf folgenden Anfrage bei der Autobahn-GmbH-Außenstelle Neunkirchen kann der Merkur hiermit über das Happy End im Drama um den Überflieger berichten. Vor der Generalsanierung sei die Absackung circa fünf Zentimeter tief gewesen.

 Der Hubbel ist weg: Der am Übergang zum Gipfel an einer Stelle um fünf Zentimeter abgesackte Überflieger zur A 8 ist saniert. Dafür wurde auch neuer Asphalt aufgetragen.

Der Hubbel ist weg: Der am Übergang zum Gipfel an einer Stelle um fünf Zentimeter abgesackte Überflieger zur A 8 ist saniert. Dafür wurde auch neuer Asphalt aufgetragen.

Foto: Lutz Fröhlich

Was genau war die Ursache dafür, dass es zu der Absenkung kommen konnte? „Grund hierfür war eine mangelhafte Bauausführung seitens der beauftragten Baufirma“, schreibt die Autobahn GmbH. Und beantwortet die ebenfalls gestellte Kostenfrage klipp und klar erfreulich für die Steuerzahler: „Die Kosten der Gewährleistungsarbeiten werden vollumfänglich von der beauftragten Baufirma im Rahmen ihrer Gewährleistung übernommen.“

Damit bleibt es für die Steuerzahler für Planung, Bau und nachträgliche Einfädelspur bei insgesamt 2,5 Millionen Euro für den Überflieger.

NACHSPIEL:

Was jetzt noch passieren könnte? Das ist natürlich Spekulation. Bürger, Politiker und Planer dürften sich einig sein: Eine zweite Staffel im Überflieger-Drama wird es hoffentlich nicht geben!

Was aber noch fehlt in der tragikomischen Überflieger-Geschichte: Normalerweise reißen sich Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker darum, wer nach Verkehrsfreigabe großer Straßenbauprojekte symbolisch das rote Sperrband durchschneiden darf, um den Bürgern in Erinnerung zu rufen, wem sie dieses Bauwerk zu verdanken zu haben. Doch weder nach der Erst-Freigabe noch den weiteren Verkehrsfreigaben nach den Pannen-Beseitigungen gab es solch eine Zeremonie. Der Merkur-Reporter würde aber keinen Pfifferling darauf wetten, dass solch eine Feier noch folgt ...