Rückkehr nach Macondo: Die Autorin Ayaan Adan Mohamed über den Ort ihrer Kindheit
Kindheit nach der Flucht
Rückkehr nach Macondo: Die Autorin Ayaan Adan Mohamed über den Ort ihrer Kindheit
Macondo ist eine Wohnsiedlung in Wien Simmering und gilt als Symbol für Flucht und Integration. Unsere Autorin verbrachte hier ihre Kindheit – und kehrte elf Jahre später zurück
Damals reichte mir der Schnee bis zu den Knien. Ich war neun Jahre alt. Vor uns stand dieser Wohnblock, grau und still zwischen kahlen Bäumen, als hätte ihn jemand über Nacht zugedeckt und vergessen, ihn wieder freizulegen und ich dachte: Hier ist weit und breit nichts – nur Kälte, Beton und ein paar Spuren, die bewiesen, dass außer uns noch andere hier sein mussten. Ende Dezember 2009 zogen wir in die Familienwohnanlage Kaiserebersdorf auf dem Areal der ehemaligen k.u.k. Kaserne ein. Oder wie die Bewohner sie nannten: Macondo. Oder einfach Zinnergasse.
Block A, Erdgeschoß – A/E/3
An den Vormittagen lag Macondo meist still da. Die Wege zwischen den Wohnblöcken leer und die Bänke unbesetzt, wie in der Anfangsszene eines Westernfilms, eine Ödnis, in der nichts geschieht. Erst am Nachmittag, nachdem alle Kinder aus den Schulen und Horten zurückgekehrt waren, wurde die Nachbarschaft laut und zum belebten Marktplatz. Im Sommer blieb das Fenster oft gekippt. Dann lag über dem Hof ein ständiges Stimmengewirr. Von draußen hörte man das gelegentliche dumpfe Klacken eines Balls gegen eine Fensterscheibe, Musik aus offenen Wohnungstüren und die Stimmen der Mütter, die ihre Kinder nach Hause riefen. "Komm nach Hause!", "Noch kurz, Mama!" – alles auf Arabisch, Tschetschenisch, Farsi, Armenisch. Irgendwann verstanden wir die Sätze alle.
Für uns bestand der Ort aus zwei Teilen. Links vom gelben Haus lag das ursprüngliche Macondo. Dort standen kleine Bungalows mit Gärten, in denen viele der ersten Flüchtlingsfamilien aus Vietnam, Chile, Nigeria oder Osteuropa lebten. Diese Wohnungen waren unbefristet vergeben. Rechts vom gelben Haus begann die Zinnergasse mit ihren Laubenganghäusern. Diese Wohnungen waren auf fünf Jahre befristet, danach folgte eine kurze Toleranzphase von zwei bis drei Jahren, bevor der Auszug drohte. Im Zentrum der Siedlung standen vierstöckige Wohnblöcke in einem gedämpften Grauton.
Im ersten Haus – Block A – wohnten wir im Erdgeschoß: A/E/3. Eine Adressenangabe, die auf Formularen immer fremd wirkte neben den gewöhnlichen Straßen und Hausnummern der anderen Kinder aus meiner Schule. Nach der Schule kamen Freunde oft mit ihren Jausen oder Tellern zu uns. So aß ich zum ersten Mal afghanischen Milchreis oder tschetschenische Pirogge. Vor unserem Wohnzimmerfenster blickten wir auf den Spielplatz vor dem gelben Haus. Oft stand ich am Fenster und beobachtete die älteren Jugendlichen beim Volleyballspielen. Als Netz diente ein Stück Seil, gespannt zwischen dem Metallgerüst des Fahrradunterstands und dem Geländer des ersten Laubengangs. Lange hielt kein Match ohne Unterbrechung an. Irgendwann lehnten sich Kinder aus dem vierten Stock über das Geländer und bewarfen die Spielenden mit Kieselsteinen. "Headshot!", hallte es durch den Hof. Unten wurde geschimpft. Noch ein Kieselstein. Irgendwann verlor einer der Jugendlichen die Geduld und stürmte die Treppen hinauf. Oben brach sofort Gelächter aus. Die Kinder kreischten und verschwanden in alle Richtungen des Stockwerks, lange bevor man sie erwischen konnte.
Abschiebezentrum in der Mitte
Die älteren Männer sammelten sich in Gruppen auf den drei flachen Betonsteinen vor dem gelben Haus, das mittlerweile zu einem Abschiebezentrum mitten in unserer Siedlung geworden war. Diese Steine waren mehr Treffpunkt als Sitzgelegenheit. Platz hatten nur drei Männer pro Stein. Der Rest umringte die Steine, stand dicht beieinander, rauchte und führte hitzige Diskussionen, oft über die politische Lage in den Ländern, die sie zurückgelassen hatten. Wenn es nicht politische Diskussionen waren, wurden Sorgen aus dem Alltag des Flüchtlingseins geteilt. "Es gab nur vier Sorgen für uns", sagt mein Vater. Zuerst die Angst, überhaupt einen Aufenthaltsstatus zu bekommen, dann die Frage, ob man nach den fünf Jahren eine Wohnung findet. Danach die Sorge um Arbeit oder Ausbildung und zuletzt die Unsicherheit darüber, wie Integration in dieser neuen Kultur gelingen kann. Manchmal gehörten diese Steine den tschetschenischen Männern, manchmal den somalischen.
Ab 17 Uhr versammelten sich die somalischen Männer auf dem verwilderten Fußballplatz. "Eigentlich war der gar nicht schön. Es war nur eine freie, staubige Fläche, zwei kaputte Tore, keine Auslinien", lacht mein Bruder. Ich zeige ihm ein aktuelles Foto vom Fußballplatz. Er lacht wieder auf: "Es sieht jetzt sogar besser aus, grüner. Aber die Tore sind genauso kaputt wie damals."
Die Frauen saßen derweil auf den Bänken vor Block A und B, ihre Kinderwagen neben sich abgestellt und knackten Sonnenblumenkerne. In den Sommerferien gehörte Macondo uns Kindern. Wir verschwanden oft schon zu Mittag aus den Wohnungen und kamen erst spät in der Nacht zurück. Wenn die Hitze zwischen den Häusern stand, wurde der Waschraum unten im Block A unser Zufluchtsort. Mit Wassereis in der Hand saßen wir auf den kalten Waschmaschinen, bevor wir im Keller nebenan Fangen spielten. Vor den Sommerferien wäre das undenkbar gewesen. Vor 17 Uhr durfte kein Kind hinaus. Erst wenn Schule, Hort und Hausübungen erledigt waren, begann draußen das eigentliche Leben.
Nach Sonnenuntergang
Zu Ramadan aßen viele Leute aus der Nachbarschaft nach einem langen Fastentag nur ein paar Datteln und vielleicht eine Suppe, bevor sie sich auf den Weg zur nächsten Moschee machten. Der Weg vom Rand Simmerings zur nächsten Moschee war lang. Irgendwann trafen sich die älteren Männer mit einem chilenischen Nachbarn aus den Bungalows und vereinbarten, in seinem zweiten Garten – neben dem Containerplatz und gegenüber dem Fußballplatz – ein Zelt aufzustellen. Es wurde zur Moschee der Nachbarschaft. Während drinnen gebetet wurde, schlichen wir Kinder uns hinaus. Manchmal spielten wir Streiche, manchmal liefen wir hinauf in den vierten Stock von Block A, um beim tschetschenischen Nachbarn Eis oder russische Soda – grün wie Sprite, nur süßer – zu kaufen. Wenn der Huma Eleven sonntags geschlossen hatte, kauften wir dort auch Chips oder andere Kleinigkeiten.
Zu Bayram, dem Feiertag, der dem Fastenmonat folgte, kamen alle in ihren schönsten Kleidern im Zelt zusammen. Jede Familie brachte etwas zu essen mit. Von Maida, meiner Freundin aus dem ersten Stock, lernte ich irgendwann, dass die Kinder in ihrer Kultur an Bayram an die Türen der Nachbarn klopfen und Süßigkeiten bekommen. Das war ihr Plan für den Tag. Meiner war es, die Erwachsenen mit meinem Charme zu bezirzen und dafür Geld zu bekommen. Fünf, zehn, zwanzig oder fünfzig Euro, wenn jemand besonders großzügig war. Am Abend trafen wir uns wieder am Spielplatz und jedes Kind, egal aus welcher Familie oder Kultur, war reich an Süßigkeiten, Geld oder beidem, und weil wir es nicht anders kannten, teilten wir alles.
Das gelbe Haus
Elf Jahre später kehre ich zum ersten Mal nach Macondo zurück. Vor A/E/3, unserer alten Wohnung im Erdgeschoß, steht noch immer derselbe schmale Kasten, den wir beim Auszug zurückgelassen haben. Fast alles sieht aus, als hätte sich mein Gedächtnis vor mir aufgebaut: die gedämpften Farben der Wohnblöcke, die Balkone voller Wäsche und die eigentümliche Vormittagsruhe. Nur das gelbe Haus hat sich verändert. Der Zaun, der früher nur die Vorderseite begrenzte, zieht sich heute rund um das Gebäude. Hohe Metallzäune, Betonbarrieren und Überwachungskameras machen den Weg zur Schaukel unzugänglich.
Im ersten Stock von Block A steht die Tür einer Wohnung offen. Zwei kleine Kinder spielen am Laubengang. Durch die offene Haustür sehe ich eine junge somalische Frau. Ich erzähle ihr, dass ich früher hier gewohnt habe. Sie erzählt von den vielen Kulturen, die sich hier angesammelt haben. Araber, Ukrainer, Somalis, Afghanen, Tschetschenen. "Gibt es manchmal Streit unter euch?", frage ich. Sie schaut mich überrascht an. "Warum sollten wir uns streiten? Jeder hat hier seinen Platz." Während wir sprechen, rennt ihre Tochter kreischend den Laubengang entlang.
Für einen Moment sieht sie genauso aus wie ich früher. Unzählige Male bin ich diesen Gang entlanggelaufen. Meistens bis in den zweiten Stock, zur vorvorletzten Tür. Dort wohnte meine Freundin Seda. Ich musste sie meistens abholen. Wie an einem der Sommernachmittage vor vielen Jahren. Die Treppe hinauf, weil der Lift wieder einmal nicht funktioniert hat. Oben angekommen, laufe ich außer Atem den Laubengang entlang bis zu ihrer Tür. Zweimal klopfen. Seda macht auf. "Kommst du raus?" frage ich sie, ohne viel zu erwarten. "Nein, meine Eltern sind nicht zuhause und ich passe auf meine kleine Schwester auf. Aber komm rein!"
Seda ließ mich herein und ging zum Esstisch. Vor ihr lag eine Tomate, daneben ein Häufchen Salz. Nach jedem Bissen tunkte sie die Tomate hinein. Dann sah sie auf und fragte: "Hast du gehört, was passiert ist?", "Was?", "Eine Frau hat sich aufgehängt." Ich habe nicht ganz verstanden, was das bedeutet. Deutsche Wörter, die ich zum ersten Mal hörte, versuchte ich oft selbst zu deuten, statt nachzufragen. Nach dem Prinzip der Silbenteilung.
"Auf" – "gehängt". Sagt mir nichts. Bevor ich meine Verwirrung ausdrücken konnte, ersparte mir Seda die Peinlichkeit. "Sie ist gestorben. Sie hat Selbstmord begangen."
"Oh!"
"Ja, ur traurig. Angeblich hat‘s jeder gesehen. Auch Kinder. Also eh besser, wenn wir heute nicht rausgehen." Sie griff wieder nach ihrer Tomate.
Am Abend erzähle ich es meinen Eltern. Frau. Aufgehängt. Sie erzählen, dass sie einen negativen Bescheid bekommen habe und dann lieber sterben wollte, als nach Tschetschenien abgeschoben zu werden. Wir waren zehn, als das passiert ist.
Heute frage ich meinen Bruder: "Erinnerst du dich an das gelbe Haus?"
"Ja. Was ist damit?"
"Irgendwann wurde es zu einem Familien-Schubhaftzentrum umfunktioniert."
"Ja, da waren die Leute, die man bald abschieben wollte."
"Hat dir das jemals Angst gemacht? Es war direkt gegenüber unserer Haustür."
Er zögert einen Moment und zuckt dann seine Schultern: "Ja, es war schon komisch, aber man hat’s einfach verdrängt. Ich habe nie gedacht, dass wir dort landen. Mama hat gearbeitet. Papa hat gearbeitet. Und wir waren brav. Warum sollte man uns abschieben?"
Einmal Macondo, ...
Über unsere Zeit in der Zinnergasse sprechen mein Bruder und ich oft. Über den Umzug fast nie. Bis jetzt. So erinnert er sich daran: "Ich bin aufgestanden und musste zum Abschied noch gegen einen meiner besten Freunde kämpfen, Ali – der im echten Leben anders heißt. Zwischen uns gab es ständig ein Kräftemessen. Die Regel war einfach: Man kämpft so lange, bis einer aufgibt. Ein letztes Duell. Ein letzter Beweis der Stärke, bevor man in die weite Welt hinausgeht. Hinter Block B, beim Müllplatz, neben den abgestellten Einkaufswägen, lag dieser schmale Grasstreifen vor dem Wald. Dort duellierten wir uns. Nach einer gefühlten Ewigkeit endete der Kampf unentschieden. Unsere Knie waren aufgeschürft und wir bluteten beide. Er wollte nicht aufgeben. Ich auch nicht.
Danach haben wir ein paar Euro zusammengekratzt. Einen, zwei, vier, fünf Euro. Jeder das, was ihm die Eltern mitgegeben hatten. Damit sind wir zum Huma Eleven gegangen. Wir haben darüber geredet, wie traurig es ist, dass ich wegziehe und uns versprochen, einander zu besuchen. Dann haben sie mich ein letztes Mal nach Hause gebracht und mir beim Packen geholfen. Da konnte ich meine Tränen nicht mehr verdrängen. Bevor wir uns verabschiedeten, legten wir unsere Köpfe aneinander. Ali sagte: ,Einmal Macondo'. Der Rest von uns antwortete: ,Immer Macondo'. Dann umarmten wir uns und gingen auseinander."
"Ich vermisse meine Kindheit. Ich wünschte immer, ich könnte wieder in der Zinnergasse leben."
"Warum?", frage ich ihn.
"Mich hat es ur geprägt. Dich nicht. Du bist nie wieder hingegangen!" Er hob die Augenbrauen und zog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Er hat recht. Warum bin ich in all den Jahren nie wieder zurückgekehrt? "Wären dir die Wohnungen heute nicht zu klein?" Ohne zu zögern, antwortet er: "Nein. Sie waren genau perfekt."
Vielleicht hat mein Bruder Macondo nie verlassen. Ich schon. (Ayaan Adan Mohamed, 5.9.2026)
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