Russlands Drohnenkrieg erreicht Moldau und Rumänien
Für die Ukrainerinnen und Ukrainer ist Russlands Luftkrieg seit Jahren eine blutige, bittere Realität - durch Raketen, Fliegerbomben und Drohnen sterben in dem Land jeden Tag Menschen. In unvergleichlich kleinerem Maße sind auch die mittel- und südosteuropäischen Nachbarn der Ukraine betroffen - wenn Raketen und Drohnen in ihren Luftraum eindringen oder von Zeit zu Zeit dort abstürzen.
Doch nun rückt der russische Drohnenkrieg immer bedrohlicher an zwei Nachbarn der Ukraine heran: die Republik Moldau und Rumänien. Inzwischen gibt es nahezu täglich Drohnen-Zwischenfälle auf den Staatsgebieten beider Länder. Häufig explodieren sie, auch Menschen wurden bereits verletzt. Seit Neuestem finden zudem Angriffe auf ukrainische Grenzkontrollpunkte zur Republik Moldau und nach Rumänien statt.
Die Angriffe haben sich so sehr ausgeweitet, dass laut vielen Beobachtern nicht mehr von Zufällen gesprochen werden kann. Sie vermuten, der Kreml wolle den Krieg absichtlich in die beiden Nachbarländer der Ukraine tragen.
Großes Aufsehen erregte eine der jüngsten Drohnenexplosionen am Dienstag (08.09.2026), weil dadurch das Flugzeug des ukrainischen Staatspräsidenten mit Wolodymyr Selenskyj an Bord beim Abflug aus der moldauischen Hauptstadt Chisinau aufgehalten wurde.
Absichtliches Manöver?
Was war konkret geschehen? Eine russische Geran-Drohne neueren Typs mit Strahltriebwerk, die bis zu 500 Stundenkilometer schnell fliegen kann, drang am späten Dienstagnachmittag, von der besetzten Halbinsel Krim gestartet und aus der Ukraine kommend, erst in den moldauischen, dann in den rumänischen Luftraum ein. Dort flog sie nach einem abrupten Schwenk wieder zurück in den moldauischen Luftraum. Im Norden des Landes, nahe der Ortschaft Riscani, stürzte sie in ein Sonnenblumenfeld und explodierte. Die Flugbahn der Drohne deutet auf ein absichtliches Manöver hin.
Selenskyjs Flugzeug wurde zwar nicht "beinahe getroffen", wie es zwischenzeitlich geheißen hatte - die Drohne schlug rund 160 Kilometer nördlich des internationalen Flughafens Chisinau ein. Immerhin führte ihre Flugbahn aber quer durch die Republik Moldau und lag zeitweise nahe an der moldauischen Hauptstadt Chisinau sowie später an der nordostrumänischen Metropole Iasi.
Der moldauische Luftraum wurde deshalb für rund eine Stunde vollständig geschlossen. Der Flughafen Chisinau sowie in Rumänien der Flughafen der Stadt Iasi stellten ihren Flugbetrieb vorübergehend ein. Auch Selenskyj, der auf dem Weg nach Oslo war, konnte erst mit Verspätung abfliegen.
Immer mehr Vorfälle
Das Gravierendste an dem Vorfall: Wie sich zeigte, kann die Flugabwehr der Republik Moldau den Luftraum des Landes nur äußerst eingeschränkt schützen. Die Drohne wurde von der Flugüberwachung entdeckt und verfolgt - sie abzuschießen, war nicht möglich. Das Land besitzt laut öffentlich zugänglichen Angaben lediglich eine geringe Anzahl von polnischen Piorun-Flugabwehrraketen, die allenfalls bestimmte Objekte schützen können.

In Rumänien stiegen vom NATO-Luftwaffenstützpunkt Kogalniceanu nahe der Schwarzmeer-Hafenstadt Constanta zwar zwei Kampfflugzeuge auf. Warum sie die Drohne nicht abschossen, wie in einigen Fällen der zurückliegenden Wochen, ist bisher unklar.
Insgesamt gab es in der Republik Moldau und Rumänien seit Anfang August 2026 rund drei Dutzend Drohnenvorfälle, darunter vor allem Luftraumverletzungen, aber auch Abstürze, Explosionen, Trümmerfunde und - in Rumänien - mehrere Abschüsse von Drohnen. Allein in der Republik Moldau stürzten im August nach offiziellen Angaben 17 Drohnen ab - so viele wie im gesamten Vorjahr zusammengenommen.
Tote am Grenzkontrollpunkt
Der jüngste Vorfall betraf in der Nacht zum Mittwoch (09.09.2026) den ukrainischen Grenzübergang Starokosatsche im Südosten der Republik Moldau, der durch einen Drohnenangriff beschädigt wurde - er liegt rund einen Kilometer entfernt von moldauischem Staatsgebiet. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben, zwei weitere wurden verletzt, darunter ein moldauischer Staatsbürger.
Die Staatsführung der Republik Moldau verurteilte die Drohnenangriffe scharf. Russlands Krieg sei bis an die moldauische Grenze gerückt, sagte die Staatspräsidentin Maia Sandu am Mittwoch. "Es ist schwer verständlich, dass es angesichts dieser Realität immer noch Stimmen gibt, die versuchen, die Moldauer davon zu überzeugen, dass Russland nicht der Aggressor ist oder dass der Krieg in unserer Nachbarschaft uns nichts angeht", so Sandu. Der moldauische Parlamentspräsident Igor Grosu schrieb auf Facebook, es gehe um Zwischenfälle, die "wir nicht mehr als etwas Entferntes betrachten können". Die Bedrohung Russlands sei keine "Gespenst" und keine Propaganda, so Grosu. "Sie ist eine tägliche Realität."
Der moldauische Verteidigungsminister Anatolie Nosatii sagte, dass künftig auch Todesfälle moldauischer Staatsbürger nicht mehr auszuschließen seien. Der Infrastrukturminister Vladimir Bolea wiederum warnte, dass der moldauische Donauhafen Giurgiulesti ein Angriffsziel sein könnte, nachdem das russische Außenministerium Rumänien und der Republik Moldau vorwarf, den Hafen als "Transitknoten" für Waffenlieferungen zu nutzen.
"Geplante Operation"
Der moldauische Militär- und Sicherheitsexperte Rosian Vasiloi, ehemals Chef der moldauischen Grenzpolizei, schrieb auf Facebook zum jüngsten Drohnen-Absturz in der Republik Moldau: "Das ist eine geplante Operation des Aggressor-Staates." Er bezog sich unter anderem auf die auffällige Flugbahn mit dem Schwenk zurück in die Republik Moldau. Vasilois Schlussfolgerung: "Wir können unseren Luftraum nicht mehr getrennt von dem der Ukraine und Rumäniens betrachten. Die Ukraine, die Republik Moldau und Rumänien bilden bereits einen miteinander vernetzten Einsatzraum, was Luftbedrohungen und deren Auswirkungen auf die regionale Konnektivität betrifft."
In Rumänien reagierte die Staatsführung bisher nicht auf die jüngsten Vorfälle. Allerdings hatte die rumänische Regierung bereits im Juli eine politisch-militärische Wende eingeleitet und nach langer Zurückhaltung mit dem Abschuss von Drohnen im rumänischen Luftraum begonnen.

Der frühere rumänische General Virgil Balaceanu, ein häufiger Gesprächspartner und Experte in rumänischen Medien, rief Rumäniens Führung dazu auf, den Ausbau der rumänischen Luftverteidigung zu beschleunigen. Balaceanu geht ebenfalls davon aus, dass es sich bei dem Drohnenvorfall vom Dienstag um ein absichtliches Manöver handelt.
Das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW), einer der führenden öffentlichen Think Tanks zur Analyse des russischen Kriegs gegen die Ukraine, schrieb nach dem Drohnenvorfall vom Dienstag, es gebe zwar keine Beweise dafür, dass solche Luftraumverletzungen beabsichtigt seien. Man könne aber sagen, dass Russland von solchen Aktionen profitiere. Vor allem der Einsatz der neuesten, schnellen Geran-Drohnenmodelle Russlands ziele darauf ab, "die Verteidigungsanlagen der NATO und der Republik Moldau sowie die Reaktion des gesamten NATO-Bündnisses weiter zu testen".