Russlands Gerbera-Drohne: Billigwaffe wird zum ernsthaften Problem


Gerbera-Drohne als Attrapen-Lockvogel auf einer Wiese

Abgestürzte russische Gerbera Lockvogel-Drohne auf dem Boden. Foto (2025). Shutterstock.com

Erst Täuschziel, dann Aufklärer und Relais, inzwischen Angriffsdrohne: Die Gerbera zeigt, wie schnell sich der Drohnenkrieg verändert.

Zwei Jahre lang fristete die Gerbera ein Schattendasein im russischen Drohnenkrieg. Aus Sperrholz und Schaumstoff gefertigt, ohne Sprengkopf, ohne nennenswerte Elektronik – bestimmt für den Abschuss, nicht für den Treffer. Sie sollte wie eine Shahed aussehen, ohne eine zu sein, und damit die ukrainische Luftabwehr dazu bringen, teure Abfangraketen auf einen wertlosen Holzrahmen zu verschwenden.

Doch inzwischen tauchen immer neue Varianten der ursprünglich primitiven Attrappendrohne auf. Die Gerbera trägt Kameras und eigene Gefechtsköpfe, dient als Relais für andere Drohnentypen und greift mit eigenem Zielsucher selbstständig Ziele an. Aus der billigen Attrappe ist ein eigenständiges Wirkmittel mittlerer Reichweite geworden.

Gebaut, um abgeschossen zu werden

Die Gerbera tauchte erstmals im Juli 2024 auf. Ukrainische Truppen schossen eines der ersten Exemplare in der Region Kiew ab, wie das Fachportal Militarnyi berichtete. Reuters berichtete damals, Russland setze die neue Drohne ein, um ukrainische Luftabwehrstellungen aufzuspüren, Schäden nach Angriffen zu dokumentieren und als Täuschziel zu dienen.

Eine frühe Version trug demnach eine Kamera und eine ukrainische Mobilfunk-SIM-Karte, um Bildmaterial direkt an russische Einheiten zu übertragen.

Anfangs war die Gerbera als Ergänzung zur Geran-2 konzipiert, nicht als eigenständiges Waffensystem. Äußerlich orientiert an der iranischen Shahed-136 und der auf ihr basierenden russischen Geran-2, sollte die kleinere und deutlich primitivere Gerbera in großer Zahl gemeinsam mit den teureren Angriffsdrohnen starten.

Die ukrainische Luftabwehr, die auf dem Radarschirm kaum zwischen beiden Typen unterscheiden kann, verausgabt sich so an einem wertlosen Ziel, während die Geran-2 eine größere Chance erhält, ihr Ziel zu erreichen.

Sperrholz, Schaumstoff – und 600 Kilometer Reichweite

Gefertigt wird die Drohne aus denkbar einfachen Materialien: Rumpf und Tragflächen bestehen aus Sperrholz und Schaumstoff, ergänzt um handelsübliche elektronische Bauteile. Produziert wird die Drohne in der Sonderwirtschaftszone Alabuga, in dem Produktionskomplex, in der auch die Geran gefertigt wird.

Zu den technischen Eckdaten der Gerbera kursieren unterschiedliche Angaben, die sich aber in groben Zügen decken. Forbes beziffert Länge und Spannweite auf rund zwei beziehungsweise zweieinhalb Meter, das maximale Startgewicht auf etwa 18 Kilogramm. Je nach Variante kann die Drohne einen Gefechtskopf von mehreren Kilogramm tragen. Bei der Reichweite schwanken die Angaben je nach Quelle deutlich, von rund 300 bis über 600 Kilometern.

Die Attrappe lernt sehen

Aus der bloßen Attrappe wurde zunächst eine Aufklärungsdrohne. Im Juli 2025 registrierte die Ukraine bei einem Angriff auf Kiew eine Gerbera, deren Kamerasignal über rund 300 Kilometer übertragen wurde.

Das deutete auf deutlich erweiterte Aufklärungs- und Relaisfähigkeiten hin. Im September tauchte ein Exemplar mit zwei Kameras auf, von denen eine offenbar nach oben gerichtet war, um ukrainische Abfangdrohnen frühzeitig zu erkennen.

Plötzlich wird die Gerbera zum Mutterschiff

Im Februar 2026 erhielt die Gerbera eine weitere Rolle: als Träger kleiner FPV-Kampfdrohnen. Die größere Drohne kann anschließend als Relais dienen und so die Reichweite der FPV-Drohne erhöhen. Im Mai wurden mit diesem Verfahren bereits Ziele mehr als 30 Kilometer hinter der Grenze angegriffen.

Auch die Funkarchitektur wurde weiterentwickelt. Nach der Sperrung russischer Starlink-Nutzung kamen zunehmend chinesische Mesh-Funkmodems zum Einsatz, bei denen mehrere sich vernetzende Drohnen untereinander als Relaisstationen fungieren können.

Eine russische Molnija-Angriffsdrohne, ein günstiger Einwegflugkörper mit rund 40 Kilometern Reichweite und damit einem Wirkbereich vergleichbar mit weitreichender Rohr- und Raketenartillerie, soll dabei erstmals über eine Gerbera gesteuert worden sein, wie die russische Publikation Wsem berichtete.

Jetzt sucht die Gerbera ihre Ziele selbst

Im Frühjahr 2026 erhielt die Gerbera einen optischen Zielsucher – eine Kamera mit Bildverarbeitung, die ein Ziel selbstständig erfassen und verfolgen kann.

Im Juli folgte der nächste Sprung: Die Gerbera erhielt die störfeste Kometa-M-Navigation der Geran.

Auch der Antrieb wurde im August diesen Jahres verstärkt: Neuere Gerbera-Versionen nutzen einen Zweizylindermotor mit rund 275 Kubikzentimetern Hubraum, der konstruktiv vom Motor der Geran-2 abgeleitet ist. Kurz darauf wurde eine deutlich größere Gerbera entdeckt. Zusammen mit dem stärkeren Motor deutet sie auf eine neue, leistungsfähigere Variante der bislang sehr leichten Plattform hin.

Damit hat sich die Gerbera binnen knapp zwei Jahren von einer billigen Attrappe zu einer modularen Drohnenfamilie mit Aufklärung, störfester Navigation, Relaisfunktion, Zielsuche und eigener Angriffsfähigkeit entwickelt.

Billig genug für die Masse

Wie viele Gerbera Russland tatsächlich baut, ist unklar. Die ukrainische Militäraufklärung bezifferte die für August 2026 geplante Produktion von neun Angriffsdrohnentypen – darunter Geran-1 bis Geran-5, Garpija und drei Gerbera-Varianten – auf insgesamt 11.000 Stück. Einen eigenen Gerbera-Anteil nannte sie nicht.

Auch bei den Kosten gehen die Angaben auseinander. Business Insider und ukrainische Quellen beziffern die Kosten einer ausgestatteten Gerbera auf rund 10.000 US-Dollar, Forbes nennt für einfache Grundversionen teils nur etwa 2.000 Dollar.Die Differenz dürfte vor allem an der Ausstattung liegen: Eine einfache Attrappe ist erheblich billiger als eine Kampfversion mit Kamera, Datenlink und störfester Navigation.

Den ersten belegten Angriffserfolg erzielte die Gerbera bereits im April 2025. Damals zerstörte eine optisch gesteuerte Variante ein ukrainisches, umgebautes Buk-M1-Flugabwehrsystem, wie Wsem berichtete.

Die Gerbera findet immer mehr Ziele

Mit der neuen Zielsucher-Generation häuften sich ab 2026 die Angriffe. Russland setzte Gerbera unter anderem gegen Feldlager, Drohnenstartplätze und gemeinsam mit einer Geran-4 gegen ein Frachtschiff nahe der Schlangeninsel ein. Zugleich weitete sich das Zielspektrum auf Tankstellen, Fahrzeuge, Getreidesilos und Energieanlagen aus, wie Militarnyi und Forbes berichteten.

Auch im Bodenkampf taucht die Gerbera inzwischen im Verbund mit Molnija-Angriffsdrohnen auf. Bei einem russischen Vorstoß in der Region Donezk übernahmen Gerbera nach ukrainischen Angaben Aufklärungs- und Relaisaufgaben für die Angriffswelle.

Eine Million Gerbera für 35 F-35

Die Gerbera zeigt exemplarisch, wie sich moderne Wirkmittel verändern: Aus einer extrem billigen Täuschdrohne ist eine modulare, weitreichende Einwegplattform geworden.

Mit bis zu rund 600 Kilometern Reichweite, wenigen Kilogramm Gefechtskopf und potentiellen Stückkosten im niedrigen vierstelligen US-Dollarbereich besetzt sie eine Nische zwischen FPV-Drohne und Geran. Sie ist so billig, dass sich ihr Einsatz nicht nur gegen hochwertige militärische Ziele rechnen kann, sondern selbst gegen einzelne Fahrzeuge oder andere vergleichsweise geringwertige Ziele.

Strategisch ist das erheblich: Denn für den Preis einiger Dutzend moderner Kampfflugzeuge ließen sich theoretisch hunderttausende weitreichende Einwegeffektoren produzieren. Grob gerechnet:

Das knapp zehn Milliarden Euro schwere deutsche Beschaffungspaket für 35 F-35 entspricht selbst bei konservativ angesetzten 10.000 Euro pro Gerbera rechnerisch dem Preis von einer Million Drohnen.

Wenn sich die Todeszone ins Hinterland ausweitet

In sehr großen Stückzahlen könnte daraus militärisch eine neue Qualität entstehen. Die heute durch FPV-Drohnen geprägte Todeszone reicht einige Dutzend Kilometer hinter die Front. Ein massenhafter Einsatz billiger Gerbera würde den Raum, in dem bewegliche und ungeschützte Ziele jederzeit mit einem Einwegeffektor rechnen müssen, theoretisch auf mehrere hundert Kilometer ausdehnen.

Der nächste technische Schritt ist die Automatisierung der Zielsuche. Die dafür erforderliche Rechenleistung ist längst billig verfügbar: Kleine Rechenmodule der Nvidia-Jetson-Klasse, die KI-gestützte Bildverarbeitung ermöglichen, kosten nur einige hundert Dollar.

Die entscheidende Hürde ist damit zunehmend kein Hardwareproblem mehr, sondern ein Softwareproblem: Ziele unter wechselnden Licht-, Wetter- und Geländebedingungen zuverlässig zu erkennen, zu klassifizieren und zu verfolgen.

Wenn die Drohnen selbst nach Zielen suchen

Gelingt dies ausreichend zuverlässig, entsteht ein neues Szenario: massenhaft verfügbare, billige Einwegdrohnen, die hunderte Kilometer tief in den gegnerischen Raum fliegen und dort selbstständig nach vorgegebenen Zielklassen suchen. Dazu könnten militärische Fahrzeuge und Logistik ebenso gehören wie ungeschützte Infrastruktur – etwa Treibstoffversorgung, Lager- und Umschlagplätze, Bahn- und Energieanlagen oder Kommunikationseinrichtungen.

Die Logik der Todeszone könnte damit weit in das Hinterland wandern: Ausreichend erkennbare und ungeschützte Objekte könnten von billigen, autonom suchenden Effektoren angegriffen werden.

Die Gerbera steht damit für einen grundlegenden Wandel: Ein äußerst günstiges, mehrere hundert Kilometer weit reichendes Massenwirkmittel, gepaart mit den kommenden Fähigkeiten künstlicher Intelligenz, könnte das Schlachtfeld der Zukunft vollkommen entgrenzen und die militärische Logistik weiter massiv erschweren.