Verteidigungsausgaben: Warum die Milliarden Sondervermögen für die Bundeswehr der Wirtschaft kaum helfen
Rüstungsausgaben steigen auf 200 Milliarden Euro: Warum das Wachstum trotzdem klein bleibt
Stand: 20.08.2026, 13:16 Uhr
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Bis 2030 steigen die Verteidigungsausgaben auf fast 200 Milliarden Euro. Das bringt laut IW kaum Wachstum. Dafür wachsen vor allem die Schulden.
Berlin/Köln – Deutschland gibt so viel Geld für seine Verteidigung aus wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Bis 2030 sollen die Ausgaben auf knapp 200 Milliarden Euro klettern, finanziert über eine Ausnahme von der Schuldenbremse. Wer bei solchen Summen an einen kräftigen Konjunkturschub denkt, liegt nach einer aktuellen Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) allerdings falsch. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Milliarden zwar spürbare, aber überschaubare wirtschaftliche Effekte auslösen und vor allem eines tun, nämlich die Staatsschulden in die Höhe treiben.
Wirtschaftsmotor Rüstung: IW Köln untersucht den Wachstumseffekt der Verteidigungsausgaben
Für ihre Berechnung haben die Ökonomen das Global Economic Model von Oxford Economics genutzt und simuliert, was passiert, wenn der Bund zwischen 2026 und 2030 rund 95 Milliarden Euro zusätzlich für Verteidigung ausgibt, gerechnet als Summe der jährlichen Steigerungen gegenüber dem Vorjahr. So viel vorab, das Ergebnis fiel ernüchternd aus. Für 2026 und 2027 lag in der Untersuchung das Bruttoinlandsprodukt um 0,7 beziehungsweise 0,9 Prozent höher als ohne die Mehrausgaben, danach lässt der Effekt spürbar nach.
Kumuliert bis 2030 steht ein BIP-Effekt von gut 96 Milliarden Euro zu Buche, dem addierten Fiskalstimulus von rund 95 Milliarden Euro also fast punktgleich gegenüber. Jeder zusätzliche Euro Rüstungsausgaben bringt somit nur knapp mehr als einen Euro Wachstum, ein Fiskalmultiplikator von etwas über 1. Zum Vergleich: Öffentliche Investitionen etwa in Infrastruktur lösen üblicherweise deutlich kräftigere Folgeeffekte aus.
Milliarden für Waffen, Panzer, Drohnen, Munition: Zu wenig Geld für Forschung und Entwicklung
Dass der Schub so verhalten bleibt, hat mit der Struktur der Ausgaben zu tun. Ein Teil des Geldes fließt ins Ausland, weil Rüstungsgüter importiert werden. Laut der IW-Studie steigen die realen Importe bereits 2026 um knapp 0,6 Prozent und liegen 2027 sogar ein Prozent über dem Basisszenario, was einen Teil der positiven Effekte wieder auffrisst. Immerhin regen die Mehrausgaben kurzfristig auch die Investitionen an. 2027 liegen sie gut drei Prozent höher als im Basisszenario ohne die zusätzlichen Ausgaben, danach schwächt sich auch dieser Impuls wieder ab.
Ein nachhaltiger Wachstumsschub würde vor allem dann entstehen, wenn Innovationen aus dem Militärbereich in die zivile Wirtschaft ausstrahlen und dauerhaft die Produktivität erhöhen. Genau an dieser Stelle zeigt sich eine Schwäche des deutschen Rüstungshaushalts. 2025 flossen nur rund zwei Prozent der deutschen Verteidigungsausgaben in Forschung und Entwicklung, das entspricht gut 1,5 Milliarden Euro.
In den USA liegt dieser Anteil bei 16 Prozent der Verteidigungsausgaben, umgerechnet knapp 144 Milliarden US-Dollar im Budgetjahr 2025, wie die Studie unter Verweis auf den Peter G. Peterson Foundation-Bericht (PGPF, 2026) darlegt. Die USA verfügen zudem mit der Forschungsagentur DARPA über eine Institution, die seit 1958 gezielt in Deep-Tech-Projekte investiert und daraus etwa das Arpanet, den Vorläufer des heutigen Internets, hervorgebracht hat. Ein vergleichbares Instrument fehlt in Deutschland und Europa bislang weitgehend, auch wenn die EU mit dem European Defence Innovation Scheme erste Schritte in diese Richtung unternimmt.
Deutschlands Trendwende in der Wirtschaftspolitik: Schulden wachsen deutlich stärker als die Wirtschaft
Während der Wachstumseffekt gering bleibt, fällt die Wirkung auf die Staatsfinanzen umso deutlicher aus. Weil der Bund die zusätzlichen Ausgaben über die Ausnahme von der Schuldenbremse finanziert, liegt die nominale Gesamtverschuldung laut IW bereits 2026 um 0,5 Prozent über dem Niveau ohne die Mehrausgaben. Bis 2029 wächst der Abstand auf knapp zwei Prozent. In absoluten Zahlen entspricht das rund 64 Milliarden Euro zusätzlicher Schulden.
Die höheren Staatseinnahmen aus dem zusätzlichen Wachstum reichen nach den Berechnungen des Instituts bei Weitem nicht aus, um das größere Haushaltsdefizit auszugleichen, sodass die Rüstungsausgaben zu einem großen Teil kreditfinanziert bleiben. Riskant wird diese Rechnung dann, wenn das Wachstum künftig schwächer ausfällt oder ganz ausbleibt. In diesem Fall würden die Schulden weiter zulegen, ohne dass die Wirtschaftsleistung mithält, was langfristig sogar die Spitzenbonität der Bundesrepublik gefährden und die Zinslast zusätzlich erhöhen könnte, warnt das IW.
Kein neues Wirtschaftswunder für Deutschland
IW-Ökonom Klaus-Heiner Röhl dämpft angesichts dieser Zahlen die Erwartungen an die Rüstungsindustrie als Konjunkturmotor. „Panzer sind nicht die neuen Autos für die deutsche Wirtschaft“, sagt er. Zwar wachse die Branche derzeit kräftig, sie sei aber schlicht zu klein, um die gesamte deutsche Volkswirtschaft zu tragen. Das bestätigt auch die IW-Studie mit Zahlen aus dem IW-Zukunftspanel, wonach bislang nur vier Prozent der befragten Unternehmen überhaupt Militärtechnik oder Komponenten dafür herstellen, wenngleich der Anteil in der Elektrotechnik und im Maschinenbau bei knapp einem Fünftel liege.
Einen flächendeckenden Aufschwung dürfe man von den steigenden Ausgaben deshalb nicht erwarten, wohl aber regionale Effekte dort, wo sich die Branche konzentriert. Tatsächlich entfallen laut einer aktuellen Auswertung von Stellenausschreibungen fast 78 Prozent der offenen Stellen in der Rüstungsindustrie auf nur vier Bundesländer, Niedersachsen, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg, wobei Niedersachsen allein ein Drittel davon stellt. Für die Zukunft der Bundeswehrfinanzierung zieht Röhl daraus eine klare Konsequenz: „Die Bundeswehr muss zunächst ihren Nachholbedarf beim Material decken. Danach muss der Bund die laufenden Ausgaben aber aus dem regulären Haushalt bezahlen“, so der Ökonom. (Quellen: Bundesregierung, IW Köln)(ls)