Machtpoker nach der Wahl: Welche Vorbilder Sachsen-Anhalt beim Regieren ohne Mehrheit schon hat


Sachsen-Anhalt vor Minderheitsregierung – es wäre nicht die erste

Stand: 03.09.2026, 07:26 Uhr

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Nach der Wahl könnte Sachsen-Anhalt eine Minderheitsregierung bekommen. Das Modell gab es schon öfter. Auch das Land hat Erfahrung.

Magdeburg – Eine Regierung ohne eigene Mehrheit könnte nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September plötzlich wieder aktuell werden. Sollte die AfD zwar stärkste Kraft werden, aber eine absolute Mehrheit verfehlen, dürfte die Suche nach einer tragfähigen Koalition schwierig werden. Als möglicher Ausweg gilt eine CDU-geführte Minderheitsregierung, die sich für wichtige Entscheidungen Unterstützung im Landtag suchen müsste.

Sven Schulze betritt den Landtag von Sachsen-Anhalt in Magdeburg.

Sven Schulze kommt im Januar 2026 zur Wahl des neuen Ministerpräsidenten in den Landtag von Sachsen-Anhalt. Nach der Landtagswahl im September könnte der CDU-Politiker auf Unterstützung aus der Opposition angewiesen sein. © Ronny Hartmann/AFP

Nach dem jüngsten Sachsen-Anhalt-Trend des MDR liegt die AfD bei 42 Prozent, die CDU kommt auf 22 Prozent. Linke, SPD und Grüne würden ebenfalls in den Landtag einziehen, während BSW und FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnten. Umfragen sind allerdings keine Prognosen und die spätere Sitzverteilung hängt stark davon ab, wie viele Parteien tatsächlich den Einzug schaffen.

Wahl in Sachsen-Anhalt: Eine Regierung braucht nicht zwingend eine eigene Mehrheit

Eine Minderheitsregierung entsteht, wenn die Regierungspartei oder die beteiligten Koalitionspartner zusammen weniger als die Hälfte der Sitze im Parlament besitzen. Für Haushalte und Gesetze benötigen sie dann Stimmen oder zumindest Enthaltungen aus der Opposition. Möglich sind feste Tolerierungsabkommen ebenso wie wechselnde Mehrheiten für einzelne Vorhaben.

In Sachsen-Anhalt könnte ein Ministerpräsident auch ohne dauerhaft gesicherte Mehrheit gewählt werden. In den ersten beiden Wahlgängen ist die absolute Mehrheit der Abgeordneten erforderlich, im dritten Wahlgang genügt die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Politikwissenschaftler Benjamin Höhne hält eine CDU-geführte Minderheitsregierung deshalb laut zdfheute.de für möglich, obwohl Sven Schulze bislang eine Abhängigkeit sowohl von der AfD als auch von der Linken ablehnt.

Das „Magdeburger Modell“ hielt acht Jahre

Das bekannteste deutsche Beispiel für eine länger bestehende Minderheitsregierung stammt aus Sachsen-Anhalt selbst. Reinhard Höppner bildete 1994 eine rot-grüne Minderheitsregierung, die von der damaligen PDS toleriert wurde. Als die Grünen 1998 aus dem Landtag ausschieden, führte Höppner das Modell mit einer reinen SPD-Regierung bis zur Wahl 2002 fort.

Das sogenannte Magdeburger Modell zeigte damit, dass eine Minderheitsregierung eine komplette Wahlperiode überstehen kann. Grundlage war die verlässliche Unterstützung durch die PDS, ohne dass diese selbst Minister stellte. Politisch umstritten blieb das Bündnis dennoch, weil die Regierungsmehrheit von der damaligen Nachfolgepartei der SED abhing.

Minderheitsregierungen in Westdeutschland

Auch andere Bundesländer wurden zeitweise ohne feste Regierungsmehrheit geführt, wie die AFP in einem historischen Überblick auflistet. In Niedersachsen regierte CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht von 1976 bis 1977 mit einer von der FDP geduldeten Minderheitsregierung, bevor beide Parteien eine Koalition bildeten. Im Saarland führte Franz-Josef Röder ebenfalls eine CDU-Minderheitsregierung, die 1977 in ein schwarz-gelbes Bündnis überging.

In Hessen wurde die SPD-Regierung unter Holger Börner 1984 und 1985 offiziell von den Grünen toleriert. Berlin erlebte mehrere Minderheitssenate, während Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen von 2010 bis 2012 eine rot-grüne Minderheitsregierung führte. Nach dem Scheitern des Haushalts kam es dort zu einer vorgezogenen Neuwahl, bei der SPD und Grüne anschließend eine eigene Mehrheit gewannen.

Thüringen zeigt Chancen und Risiken des Modells

In Thüringen führte Bodo Ramelow bis 2024 eine rot-rot-grüne Regierung ohne eigene Mehrheit. Für Haushalte und andere Vorhaben war das Bündnis regelmäßig auf Stimmen aus der Opposition angewiesen. Nach AFP-Angaben entstanden dabei auch Mehrheiten gegen den Willen der Regierung, etwa bei einer von CDU, AfD und FDP beschlossenen Senkung der Grunderwerbsteuer.

Auch die seit 2024 amtierende Thüringer Koalition aus CDU, SPD und BSW besitzt keine eigene absolute Mehrheit. Die sogenannte Brombeerkoalition von Ministerpräsident Mario Voigt verfügt über genau die Hälfte der Sitze und arbeitet deshalb bei notwendigen Beschlüssen mit der Linken zusammen. Das Modell zeigt, dass auch eine Koalition ohne eigene Mehrheit durch vereinbarte Verfahren handlungsfähig bleiben kann.

Sachsen könnte zum Vorbild werden

In Sachsen regieren CDU und SPD ebenfalls seit 2024 ohne parlamentarische Mehrheit. Über einen Konsultationsmechanismus bespricht die Regierung Vorhaben vorab mit den Oppositionsfraktionen von BSW, Linken und Grünen – eine Zusammenarbeit mit der AfD lehnt sie ab. Nach Einschätzung Höhnes zeigt Sachsen, dass ein solches Modell funktionieren kann.

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bewertete die bisherige Zusammenarbeit mit der Linken positiv. Die Partei spiele eine „konstruktive Rolle“, sagte er nach Darstellung der Deutschen Welle. Eine vergleichbare Zusammenarbeit wäre in Sachsen-Anhalt wegen des CDU-Unvereinbarkeitsbeschlusses gegenüber der Linken politisch jedoch besonders heikel.

Wie Regieren ohne eigene Mehrheit funktionieren kann

ModellFunktionsweiseBeispiel
Feste TolerierungEine Oppositionspartei unterstützt die Regierung besonders bei zentralen Abstimmungen, ohne selbst Minister zu stellenDie PDS tolerierte das „Magdeburger Modell“ in Sachsen-Anhalt von 1994 bis 2002
VerhandlungsvereinbarungRegierung und Opposition handeln die Unterstützung wichtiger Vorhaben fallweise ausDie Thüringer Brombeerkoalition arbeitet bei wichtigen Beschlüssen mit der Linksfraktion zusammen
KonsultationsmechanismusGesetzentwürfe werden frühzeitig mit Oppositionsfraktionen beraten, um anschließend Mehrheiten zu organisierenCDU und SPD nutzen dieses Verfahren in Sachsen; die AfD bleibt ausgeschlossen
Wechselnde MehrheitenDie Regierung sucht für einzelne Gesetze unterschiedliche UnterstützerDie rot-grüne Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen von 2010 bis 2012
ÜbergangsregierungNach einem Koalitionsbruch regiert das verbliebene Bündnis bis zu einer Neuwahl oder neuen Regierungsbildung weiterRot-Grün unter Olaf Scholz von November 2024 bis Mai 2025

(Quellen: AFP, ZDF, Deutsche Welle, MDR)

Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl: Auch der Bund wurde zeitweise ohne Mehrheit regiert

Auf Bundesebene waren Minderheitsregierungen bislang meist kurze Übergangslösungen nach dem Bruch einer Koalition. Ludwig Erhard führte, wie die AFP erinnert, 1966 nach dem Ausscheiden der FDP-Minister rund einen Monat lang eine reine Unionsregierung. Helmut Schmidt regierte 1982 nach dem Rücktritt der FDP-Minister kurzzeitig nur mit einem SPD-Kabinett weiter, ehe Helmut Kohl durch ein konstruktives Misstrauensvotum zum Kanzler gewählt wurde.

Zuletzt verlor die Ampelkoalition im November 2024 ihre Mehrheit. Olaf Scholz führte anschließend bis zum Amtsantritt der Regierung von Friedrich Merz im Mai 2025 eine rot-grüne Minderheitsregierung. Für Sachsen-Anhalt wäre ein solches Modell jedoch möglicherweise keine kurze Übergangsverwaltung, sondern die Grundlage für eine ganze Wahlperiode. (Quellen: AFP, MDR, ZDF, Deutsche Welle) (chnnn)