Samuel Beckett in NS-Deutschland – „Bald fange ich wirklich an zu kotzen. Oder fahre heim“
Stand: 23.08.2026, 17:40 Uhr
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Die Begeisterten und die Verängstigten: Samuel Becketts Tagebücher zu seinem Deutschland-Aufenthalt 1936/37 sind jetzt in einer exzellenten zweisprachigen Ausgabe zu erleben.
Samuel Beckett (1906–1989) hat in seinem Leben nur einmal ein Tagebuch über mehrere Monate geführt. Das war vom 1. Oktober 1936 bis zum 2. April 1937. In diesem halben Jahr hielt sich der Schriftsteller im nationalsozialistischen Deutschland auf. Er reiste von Hamburg über Berlin und Dresden nach München. Weitere Orte entlang der Strecke besuchte er ebenfalls. Köln, Stuttgart, Frankfurt ließ er aus.
Nun werden die „Diaries“, die der große Ire auf sechs Hefte verteilt hat, erstmals in Gänze veröffentlicht. Im Original und in der sensiblen deutschen Übersetzung von Gaby Hartel. Versehen mit einem hilfreichen Anhang von Mark Nixon und Oliver Lubrich. All das: ein großer Gewinn.
Das Hauptaugenmerk des Reisenden galt der Kunst und dem Spracherwerb. Das ist reizvoll, weil er wissensdurstig und urteilsfreudig ist. Doch das Highlight dieser Aufzeichnungen ist die Nahaufnahme des deutschen Alltags. Samuel Beckett wird zum Augenzeugen der Nazi-Diktatur – eines Landes im rechtsradikalen Ausnahmezustand.
Das Buch
Samuel Beckett: German Diaries. Zweisprachige Ausgabe. A. d. Engl. v. Gaby Hartel. Hrsg. v. Mark Nixon und Oliver Lubrich. Suhrkamp, Berlin 2026. 1354 S., 78 Euro.
Der Gast fixiert nahezu beiläufig, aber für uns nicht zu überlesen, wie tief das nationalsozialistische Gift in die gewöhnliche Lebenswelt eingedrungen ist. Einmal geht er am Nordportal der Dominikanerkirche in Regensburg vorbei, wo das „Grüß Gott“ auf einem Zettel „durchgestrichen & ersetzt“ wurde durch „Heil Hitler!!!“. Ein anderes Mal registriert er die antisemitische Hetze an einer Hauswand in Dresden: „Juden haben in diesem Ort nichts zu schäuffeln.“
Becketts Tagebücher entwickeln einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Denn bald schon meint man, mit dem Autor vertraut zu sein. Immerhin nimmt er uns überall hin mit – ins Museum, zum Essen in irgendein „Drecksloch“, das er im Original als „kip“ oder „foul hole“ bezeichnet, zum Gespräch mit den Deutschen, ins Kino, Konzert und Theater, auf die Toilette und ins Bordell. Seine Lektüre lernen wir kennen, darunter viel Deutsches, und nicht zuletzt seine Krankengeschichten.
Der Mann leidet. Keine Frage. Seine häufigen Eigendiagnosen erwähnen vorneweg die „verdammte Blase“ und das „Geschwür in Ritze“. Allerdings klingt das nicht nach Selbstmitleid und schon gar nicht nach Hypochondrie. Beckett zwickt es störend da und dort und immerzu. Einmal kommentiert er sarkastisch: „Gottes Laune geschehe.“ Dabei ist er doch so gerne zu Fuß unterwegs. Auch bei peitschendem Schneeregen und bitterer Kälte. Ein Flaneur in den Straßen, Parks und Wäldern. Zweifellos konditionsstark. Gerne hätte man einmal den Blick auf einen Schrittzähler geworfen.
Penibel notiert Samuel Beckett die Kunstwerke, die er gezielt aufsucht. Zuweilen fügt er knappe Bewertungen hinzu: „Hervorragende Kreuzigung“ oder „öde moderne deutsche Maler“. So entstehen lange Listen, die nicht gerade ein Lektüregenuss sind – aber für uns hat er all das auch gar nicht notiert, sondern für sich.
In Hamburg trifft er den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt. Dessen Nachlass befeuerte zu Beginn des 21. Jahrhunderts die deutsche Debatte um Raubkunst aus ehedem jüdischem Besitz. Bei Gurlitt sieht der Reisende etwa Werke von Otto Dix und Max Beckmann.
An Fürsprache für das Regime ist kein Mangel
Diese Einträge, so steht es im Nachwort, „sind als Zeugnis zu Gemälden, die später von den Nazis zerstört wurden oder im Krieg verloren gingen, nicht nur für die Provenienzforschung von Bedeutung“.
Alte Meister locken Samuel Beckett an. Ebenso Künstler, die als „entartet“ verfemt werden. Den Verleger Reinhard Piper, Gründer des Verlags R. Piper & Co., bittet er um einen verbotenen Band mit Barlach-Zeichnungen. Beckett notiert: „Piper anscheinend sehr ängstlich & unsicher, befürchtet, es könnte am Zoll entdeckt werden etc., sagt aber nicht eindeutig nein.“ Die Auflösung des Falles gibt es in den Anmerkungen zu den „Diaries“. Demnach schrieb Beckett im März 1937 in einem Brief an einen Bekannten, also nicht im Tagebuch: „Ich habe gerade Piper angerufen und versucht, die Barlach-Zeichnungen zu bekommen, aber die Antwort in verschrecktem Ton war ‚Ich will nicht, ich will nicht‘.“
Die Angst vor dem Zugriff der Diktatur – sie ist in der Bevölkerung kein Einzelfall. Man weiß genau, wozu Nazis fähig sind. Schon in Hamburg, bald nach der Ankunft in Deutschland, vernimmt Samuel Beckett die Sorge, „wie unangenehm“ es für seine Gesprächspartner werden könnte, sollte er „Verunglimpfungen über Deutschland publik machen“. Der Terror wirkt. Später in Potsdam hält er fest, dass Thomas Mann „endgültig verboten“ sei; die deutsche Staatsangehörigkeit habe man dem Schriftsteller wegen seiner Artikel in der „Baseler Zeitung“ aberkannt.
Hingegen herrscht an Fürsprache für das Regime kein Mangel. In der Neujahrsnacht sitzt Beckett in Berlin im „Patzenhofer“ in der Nürnberger Straße. „Ein perfekter kleiner Demagoge spult die gesamte Geschichte der Bewegung herunter, soweit sie sich mit seiner eigenen deckt, nämlich weitgehend, holt all seine Papiere, Ausweise, Orden & Bescheinigungen hervor & spult einen nicht enden wollenden Strom aberwitziger Dialektik herunter.“ Im Januar 1937 stellt er fest: „Bald fange ich wirklich an zu kotzen. Oder fahre heim.“
Gerade der ganz „normale“ Alltag, mit vielen Details übermittelt, ist spannend. Mit dem Dichter sind wir dicht dran am Politischen und Künstlerischen, aber auch am Profanen: in Franken mundet ihm ein Viertel vom „Iphöver Kronsberg“, im Münchner Hofbräuhaus zahlt er 52 Pfennige für eine Maß. Richtig guter Dinge ist Beckett nur selten. Das liegt sicher auch am NS-Staat, am oft schlechten Wetter, an seinen Malaisen. Einmal sagt er: „Was bin ich mies gelaunt und grantig, seit ich in Leipzig angekommen bin.“
„Godot“ kann man auch anders lesen
Helle Momente gibt es gleichwohl. Gar nicht so wenige. Oft in Verbindung mit Kunsterlebnissen. Die Architektur in Naumburg, Bamberg und Regensburg begeistert ihn. Und Silvester 1936 ist ein „wunderschöner, milder, strahlender Tag“: „Sehe in der Neustädtischen Kirchstraße den mit Abstand schönsten Bund Luftballons, den ich wohl je zu Gesicht bekommen werde.“
Vergnügen bereitet ihm, seine Deutschkenntnisse anzuwenden. Einige deutsche Wörter flicht er in die Notizen ein. „No Stimmung“ klagt er nach einem Besuch auf der Reeperbahn in Hamburg. Allein aus diesen Vokabeln ließe sich ein Deutschland-Mosaik anfertigen: „Donnerwetter“, „Fräulein“, „Gottlob“, „Schererei“, „Kneipe“, „Kölnisches Wasser“, „Jüdischer Friedhof“, „Leberwurst“, „Sülze“, „scheußliches Wetter“, „fürchterlich erkältet“, „Jawohl“.
Die Erfahrungen im Totalitarismus haben Spuren in Leben und Werk des Autors hinterlassen. So sehen es die Herausgeber. Vor diesem Hintergrund sei nicht nur sein Engagement in der französischen Résistance zu verstehen. Auch könne man „Warten auf Godot“, sein bekanntestes Werk, neu lesen. Es erscheine nicht mehr nur als eine ort- und zeitlose Parabel der Absurdität unserer Existenz, sondern als ein Drama jüdischer Flüchtlinge, die auf ihren Schleuser warten.
Einmal schreibt Samuel Beckett: „Das bisschen Mühe, das ich mir mit diesem idiotischen Tagebuch und all den Bilderlisten gebe, führt zu nichts, ist nichts weiter als die Tat eines besessenen Neurotikers. Könnte genauso gut Pfennige zählen.“ Hier nutzen wir einmal die seltene Gelegenheit, um dem Nobelpreisträger von 1969 ohne Wenn und Aber zu widersprechen. Oh, doch! Das Tagebuch führt zu „was“. Es ist eine Zeitreise in den deutschen Abgrund – erhellend, beklemmend, faszinierend.