Geschichte: Vor 100 Jahren wurde Frankfurt um die Hälfte größer
Das grundsätzliche Ziel der Politik von Oberbürgermeister Ludwig Landmann war klar: Frankfurt sollte wieder eine relevante Großstadt werden. Diese Stellung hatte Frankfurt bis in die Zwanzigerjahre weitgehend verloren. Mit dem Aufstieg Preußens war die einstige Messe- und Kaiserstadt ins Hintertreffen geraten. Stattdessen war Berlin ins Zentrum gerückt. Doch mit zusätzlicher Masse konnte man Frankfurt auch neue Anziehungskraft verleihen. Erreichen ließ sich das mit Eingemeindungen. Diese trieb Landmann vom Sommer 1926 an voran und vergrößerte die Stadt Frankfurt damit um neun Stadtteile und 44 Prozent an Fläche. Damit zeigte er beides: den neuen Geltungsanspruch Frankfurts und sein eigenes ehrgeiziges Programm als Oberbürgermeister.
Über die vergangenen Jahrzehnte hatte sich die Rolle eines Oberbürgermeisters gewandelt: Von einem bloß ausführenden Organ war er zum Entscheidungsträger geworden. Auch Ludwig Landmanns Vorbild, der Mannheimer Oberbürgermeister Otto Beck, war dafür ein Beispiel. Er hatte Mannheim in ein modernes Industriezentrum verwandelt. Auch er hatte dafür das Stadtgebiet erweitert. Der aus Mannheim stammende Landmann hatte zunächst in der Mannheimer Stadtverwaltung Karriere gemacht und war sogar zu Becks rechter Hand aufgestiegen. Nach Becks Tod war Landmann nach Frankfurt gewechselt. Von 1917 an hatte er das Amt des Dezernenten für Wirtschaft, Verkehr und Wohnungswesen bekleidet. Sieben Jahre später, Ende 1924, wählten ihn die Stadtverordneten zum Oberbürgermeister.
Eingemeindungsverträge mit Nachbarorten
Unter Landmanns Anliegen als Oberbürgermeister rückten dann die Eingemeindungen auf den ersten Platz. Über den Sommer 1926 hinweg wurden die ersten Eingemeindungsverträge geschlossen: am 15. Juli mit Schwanheim, am 22. Juli mit Sossenheim und am 6. August mit Griesheim. Bis zum Jahresende kam außerdem ein Vertrag mit Fechenheim hinzu. Bis zum Inkrafttreten der Verträge am 1. April 1928 schloss man zudem Verträge mit Nied und Höchst inklusive der bereits nach Höchst eingemeindeten Orte Sindlingen, Zeilsheim und Unterliederbach. Danach schrieb Landmann in der „Frankfurter Zeitung“: „Das Eingemeindungswerk ist vollendet.“
Vollendet war damit auch die Grundlage seiner Politik. Fast alles andere leitete sich von den Eingemeindungen ab und spielte auch wieder in diese hinein, insbesondere der Ausbau Frankfurts zu einem modernen Verkehrsknotenpunkt und Landmanns Siedlungsbauprojekt „Neues Frankfurt“. Zunächst steigerte sich aber die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt. Denn die Eingemeindungen brachten etwa die Griesheimer Chemiewerke und die Hoechst AG auf Frankfurter Stadtgebiet. Zudem entstanden Raum für weitere Ansiedlungen und Wohnungen für deren Arbeiter und Angestellte.
Bei aller gesteigerten Bedeutung Frankfurts als Industriestandort sollten sich die Eingemeindungen trotzdem erst auf lange Sicht auszahlen. Schließlich mussten sich neue Unternehmen erst einmal ansiedeln. Für das Jahr 1928 zeigte die Frankfurter Haushaltsbilanz sogar Verluste durch die Eingemeindungen. Denn für die neuen Stadtteile fielen auch neue Kosten an. Zudem waren ihnen verschiedene Bauprojekte und Steuervorteile in Aussicht gestellt worden, damit ihre Vertretungen in die Eingemeindungen einwilligten.
In Griesheim nichts als ein großer Müllhaufen?
Deshalb regte sich bald auch Kritik. Aufseiten der Stadt Frankfurt galt Landmann seinen Kritikern bald als ein Oberbürgermeister, der nach den gerade erst überstandenen Krisen das Geld mit vollen Händen ausgab. Eine Karikatur der „Frankfurter Nachrichten“ zeigte ihn etwa, wie er sich Griesheim, Fechenheim und Höchst in seine Arme schaufelt – untertitelt mit: „Da fragt ihr mich, wenn ihr das seht: / Ist das ein rechter Landmann? / Er erntet, wo er nicht gesät / Und hängt die Kosten – uns an.“
In den neuen Stadtteilen wuchs dagegen die Enttäuschung darüber, dass Frankfurt hinter seinen Vertragspflichten zurückblieb. Gerade Höchst hatte von vornherein nur widerwillig in seine Eingemeindung eingewilligt. Vor allem wollte es dadurch der preußischen Gebietsreform zuvorkommen, noch eine starke Verhandlungsposition behaupten, bevor es zwangsweise eingemeindet wurde. Doch sogar in Griesheim, das schon lange mit seiner Eingemeindung geliebäugelt hatte, war man bald verärgert. Der Grund dafür war vor allem ein Zeitungsartikel des „Frankfurter General-Anzeigers“, der seinen Lesern die künftigen Stadtteile in einer Serie vorstellte.
Über das ebenfalls industriell geprägte Griesheim hieß es darin: „Viel Sehenswertes gibt es sonst nicht in Griesheim. Höchstens: die ‚Griesheimer Alpen‘, Europas größten Müllhaufen, das Wahrzeichen, das man von der Bahn aus, vom Fluß aus, alle Häuser überragend, liegen sieht, die Rückstände der Fabrik, unnütz und platzraubend.“ Auch der lokale „Griesheimer Anzeiger“ bekam von dem Artikel aus Frankfurt Wind. Er druckte ihn noch einmal ab, „damit die Griesheimer einmal sehen, mit welchen Augen unsere zukünftigen Gönner uns betrachten“, und rief seine Griesheimer Leser zu wütenden Reaktionen auf, die dann auch eintrafen.
Inzwischen gehören sie aber selbstverständlich zu Frankfurt: Griesheim und Höchst, Schwanheim, Sindlingen und Sossenheim, Nied und Unterliederbach, Zeilsheim und Fechenheim – und bleiben mit jenem Mann verbunden, der sie damals mit der Stadt verband: Ludwig Landmann.