Schüsse im Stadtwald: Verdener Western-Camp erweckt das 19. Jahrhundert
Stand: 11.10.2026, 17:00 Uhr
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Die Schwarzpulverunion Aller-Weser trifft sich zweimal im Jahr zum Lagerleben mit historischen Waffen. Das Laden einer Vorderladerpistole dauert 30 Mal länger als das Abfeuern.
Verden – Schüsse knallen durch den Stadtwald. Auf einem Feuer köchelt ein Topf. Regen fällt auf die Zeltbahnen. Das Western-Camp der Schwarzpulverunion Aller-Weser hat seine Tore geöffnet. „Das Lagerleben ist toll, es bringt einen raus aus dem Alltag“, erklärt Sven Thomas. Er ist vom Chiemsee nach Verden gereist, um das Lagerleben zu leben. Er trägt Trapper-Kleidung aus der amerikanischen Kolonialzeit. Hinter ihm wehen die Flagge der Südstaaten und die Fahne des gestürzten französischen Königshauses. Symbole einer durch Fortschritt überkommenen Welt. Ein wenig weiter hängen aber auch die aktuelle Flagge der Vereinigten Staaten und die des Bundesstaates Alaska.

„Die meisten hier haben einen Faible für alte Gegenstände, die hier wieder in ihrer alten Funktion sind“, sagt Vereinsvorsitzender Mario Kandt. Seit den 1990er-Jahren organisiert der Verein die Westernlager. „Der Reiz ist, dass sich hier Leute treffen, die sich mit dem Trapper- und Indianer-Leben beschäftigen und diesem authentischen Leben der damaligen Zeit frönen“, sagt Kandt.
Die damalige Zeit, das ist die, in der europäische Siedler nach Nordamerika drängten und dort immer weiter nach Westen rückten und die Indigenen verdrängten. Aus dem historischen Bezug erklärt Kandt den Reiz des Hobbys: „Amerika wurde ja durch die europäischen Aussiedler letztlich erschlossen“, meint er. Auch für Thomas macht das den Reiz aus. Mit breitem Grinsen berichtet er von einem Angehörigen, dessen Weg er über das Anlanden in Philadelphia an der US-Ostküste in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Indigenen verfolgen konnte. Und er stellt den Bezug zu seinem historischen Gewehr her: Ursprünglich einmal habe es der englische Hofbüchsenmacher entworfen, damit Siedler sich in Auseinandersetzungen mit indigenen Völkern durchsetzten konnten.
Fuchspelz an der Lederjacke
Zweimal im Jahr kommen Menschen zusammen, viele von ihnen lieben das einfache Leben in Zelten, auch wenn es wie am Freitagvormittag bei etwa zehn Grad Celsius nieselt. „Du stehst auf, wann du willst, und hast einfach Zeit“, sagt einer der Besucher im Vorbeigehen. Er trägt einen Fuchspelz um den Kragen seiner Lederjacke.
Und wenn man Zeit hat, dann geht man eben schießen. Über dem Schießstand legt sich dann auch mal dichterer Schwarzpulverdampf. Die Waffen, die Kandt und seine Gäste abfeuern, wurden so im 18. und 19. Jahrhundert gebaut. So präsentiert Schriftführer Dietmar Schleyer – nicht ohne Stolz – seine Vorderladerpistole. Das Laden des Schießeisens dürfte etwa 30 Mal länger dauern als das Abfeuern. Zumindest, wenn Schleyer es parallel geduldig erklärt.
Irgendwann sitzt die Kugel im Lauf. Dann spannt Schleyer den Hahn, legt Schießpulver auf die Pfanne – „daher das Sprichwort“ –, zieht den Hahn weiter auf. Und er drückt ab. Das verbrannte Pulver schießt die Kugel aus dem Lauf. Am anderen stößt die Pistole ebenfalls einen heißen Gasstrahl aus.
Reporter darf ans Gewehr
„Für manche ist das meditativ“, kommentiert Kandt. Er meint den Ladeprozess. Ob die Entspannung durch den Knall, den das Abfeuern einer historischen Waffe mit sich bringt, wieder verloren geht: Das darf der Reporter selbst an einem Bürgerkriegsgewehr ausprobieren. Damit sei damals die Kavallerie ausgerüstet gewesen. Die Handhabung ist deutlich einfacher: laden, spannen, Zündhütchen platzieren und schießen. Nichts getroffen und den Puls ordentlich hochgejagt. Mit dem am Wochenende ausgeschossenen Pokal wird es sicher nichts. Wer sich aber dafür interessiert, könne zu den regulären Trainingszeiten vorbeischauen, betont Kandt.
Wer sich für die Western-Memorabilia interessiert, wird unter der Südstaaten-Flagge fündig. Dort hat Boudewijn Van Leewwen seinen kleinen Handelsposten aufgebaut. Der Niederländer sieht in seiner Weste aus, als würde er gleich in den Saloon gehen. Van Leewwen handelt mit allem Möglichen: Bücher, Dekoration, Messer. Als Händler bietet er seine Güter kurz nach Betreten des Zeltes auch sofort feil, erklärt aber dann auch sehr gerne den Reiz der Veranstaltung: „Du kannst frei sein, hast keinen Druck und du musst dich nicht für andere verbiegen.“