"Schweigen brechen": Ein Identitären-Aussteiger und seine "eindringliche Warnung an uns alle"
In Österreich werden im Umfeld einer Parteijugend wieder Schädel vermessen. Das legten Recherchen des STANDARD offen, die in den vergangenen zwei Wochen als Serie erschienen sind. Die Enthüllungen zeigten, wie die Parteijugend der FPÖ besonders in Wien mit der rechtsextremen Identitären Bewegung und ihrer studentischen Tarnorganisation "Aktion 451" verschmolzen ist.
Wie geht es den Personen, die sich als Whistleblower beim STANDARD gemeldet haben? Als Antwort auf diese Frage schickt eine Person, die einst im Umfeld der Identitären unterwegs war, einen Text, der hier auszugsweise veröffentlicht wird.
"Sinnbefreite Parolen"
Meinen Feierabend verbringe ich damit, durch die zahllosen Kommentare hier im Forum und Posts auf Social Media durchzuscrollen. Mit jedem Wort sind für mich Erinnerungen verbunden. Der mit übersüßem Parfüm durchmischte modrige Geruch des IB-Kellers. Die drückend heiße Luft mitten in der vom Pyrotechnikrauch umgebenen Demonstration. Der erdrückende Schall einer in der U-Bahn sinnbefreite Parolen skandierenden, ekstatischen Menge.
Und trotzdem hatte mich nichts auf diesen Moment vorbereiten können, an dem Aussagen von mir von Politiker*innen zitiert werden und an dem Worte, die ich oft vernommen habe, in Headlines quer durch die Medienlandschaft prangen.
"Schritt für Schritt Demokratie untergraben"
Neben viel berechtigter Empörung finden sich zuhauf jene Kommentare, die das Enthüllte zwar gerade noch nicht offen gutheißen, aber mit ihrer Ignoranz nichts Positives bewirken. Sie schreiben etwa stolz davon, dass ihnen diese Recherchen egal seien und man FPÖ-Wähler nicht umstimmen könnte. Besonders faszinierend finde ich jene, die schreien, es hätte nie eine Recherche gegeben, alle Insider seien erfunden und alles sei eine Verschwörung.
Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um eine eindringliche Warnung an uns alle als eine demokratische Gesellschaft auszusprechen. Natürlich kann man alles resignierend hinnehmen, man kann schweigend zuschauen, wie diejenigen, die Neulinge schon beim ersten Treffen mit dem Kopf auf den Tisch legen, um ihnen den Arierknochen abzutasten, laut pöbelnd Schritt für Schritt unsere Demokratie untergraben.
Und ja, es ist nicht an mir vorbeigegangen, dass die Arierknochenabmessungen und die RFJ-Untersuchung für eine Menge an Ekel, Furcht, aber auch Skepsis gesorgt haben. Zugegebenermaßen hört es sich auch so absurd an, dass es leicht ist, das als Fiktion abzutun. Nur leider ist es die bittere Wahrheit, die ich nicht nur einmal mitbekam.
"Ich habe hier den längsten Arierknochen", war eine der ersten Aussagen, die ich von einer Person vernahm. Er könne das beweisen, meinte er weiters, mit Verweis auf einen anderen FJ-Aktivisten, der für diese Vermessungen zuständig sei. Es wurde in weiterer Folge bei anderen Personen die entsprechende Stelle am Hinterkopf abgetastet. Bei diesem einen Mal blieb es nicht: Scheinbar im Scherz wurde bei so ziemlich jeder Gelegenheit über den "Arierknochen" oder die Geräte zur genaueren Vermessung gesprochen.
"Verfügungsmacht über Frauen"
Dennoch bestanden dabei kein einziges Mal Zweifel, dass für die anderen die Existenz von "rassischen Merkmalen" Fakt ist. Dass sie meinen, daraus vermeintlich naturgegebene Befugnisse ableiten zu können, wie die wahllose Verfügungsmacht über alle Frauen. Auf der Basis eines Knochens am Schädel, der Länge des Seitenprofils oder der ominösen generellen Physiognomie behaupten sie, darüber entscheiden zu dürfen, wer wert genug ist, um ein freies Leben zu führen. Wer quasi vergewaltigt, zusammengeschlagen oder in ein "Menschenzoo" gesteckt gehört. Wessen Ehre im Zuge einer "Rassenschandejagd" genommen werden soll. Daran kann nichts mehr scherzhaft sein.
Trotzdem fallen Menschen auf diese Taktik hinein und sehen darin bloß witzigen Unfug. Manchmal scheint es viel einfacher zu sein, zu schweigen. Doch ich bin überzeugt, dass sich alles still und leise zu ändern anfangen würde, wenn jede*r eines Morgens aufwache und sich wünsche, nicht geschwiegen zu haben.
Wir müssen nicht schreien und nicht agitieren. Zu sprechen, wenn auch nur im Flüsterton, reicht vollkommen. Niemand von uns will den eigenen Mitmenschen fortgesetzt auf die Nerven gehen. Doch die Zeit für solche Gedanken ist längst vorbei: Der Zeiger der Uhr wird in wenigen Sekunden auf Zwölf springen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, was auf uns alle zukommen wird, wenn die Stunde schlägt.
"Zusammenbruch jeglicher Moral"
Es ist ein düsterer Abgrund, der Zusammenbruch jeglicher Moral und der Untergang der Menschenwürde. Wenn das, was sie jetzt in ihrem eingeschränkten Rahmen tun, eines Tages freie Fahrt erhalten wird. Wenn es in das Privatleben von uns allen, auch den Ignoranten und Desinteressierten dringen wird, wird es zu spät sein. Um zu realisieren, dass man in einer Welt, in der Zwang, Gewalt und Unterdrückung regieren, nicht leben will. Nicht leben kann. Ich denke, dass es ein Konsens von uns allen ist – auch von jenen, die aus Protest die FPÖ wählen – dass Arierknochen, Rassenschandejagden und niederträchtige Gewaltdrohungen gegen politische Gegner*innen nichts in unserer Gesellschaft verloren haben.
Wenn man schweigt, lässt man das alles zu. Man bietet Raum für ein Weltbild, das deklariert, dass "Weiber und sonstiges Gesindel wissen, wo ihr Platz ist". Wo man sich mit Gewalt durchsetzt, etwa wenn man nach "Sieg Heil"-Rufen einen Taxifahrer zusammenschlägt oder einen Fotojournalisten mit einem Regenschirm angreift und seine mögliche Verletzung nachher stolz als "Kollateralschaden" bezeichnet.
Was ist, wenn man eines Tages selbst zum "Gesindel" wird? Wer wird dann noch für einen einstehen, wenn keiner mehr übrig ist? Aber es ist noch nicht zu spät, die tickende Uhr anzuhalten. Aber nur, wenn wir ohne Zurückhaltung oder Angst, sich unbeliebt zu machen, reden. Überall, jederzeit, mit allen, vielleicht voller Furcht und doch auf der Suche nach Hoffnung.
Wir alle können gemeinsam und trotzdem jede*r für sich selbst bewirken, dass man nicht irgendwann vor dem Spiegel stehen muss, mit der im Kopf lungernden Frage: Wieso haben wir es wieder so weit kommen lassen? Dafür müssen wir kein Teil einer Verschwörung gegen die FPÖ oder die IB sein, keine staatlich finanzierten Reptiloide und wir müssen auch nicht einen vollkommenen durchdachten Plan besitzen. Wichtig ist, dass wir hier und jetzt das Schweigen brechen. Ich glaube daran, dass es uns gelingen kann und wünsche mir nichts mehr, als dass wir eines Tages daran zurückdenken, wie wir das Schlimmste trotz allem abwenden konnten. (Recherche: Colette M. Schmidt, Fabian Schmid, Jan Michael Marchart, Eva Maier, Samuel Winter, 6.9.2026)