Was den Raketenstart von Isar Aerospace historisch macht
Es ist ein historischer Moment für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gewesen, als am Samstagabend die Spectrum-Trägerrakete des Münchner Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace den Orbit erreichte. Es ist die erste in Deutschland entwickelte und gebaute Rakete, die es in den Weltraum schaffte. „Das ist der Beginn einer neuen Ära“, gratulierte Merz dem im Jahr 2018 gegründeten Start-up. Vorstandschef und Gründer Daniel Metzler zeigte sich auf der Pressekonferenz am Sonntag stolz, dass Isar Aerospace das erste private Unternehmen aus Europa ist, das den Weltraum erreicht hat.
Er will mit dem erfolgreichen Testflug der Rakete, die von dem norwegischen Weltraumbahnhof Andøya gestartet war, ein neues Kapitel in der europäischen Raumfahrt aufschlagen: „Was in der europäischen Raumfahrt bisher Jahrzehnte gedauert hat, haben wir in wenigen Jahren geschafft: Europa und seine Partner können jetzt souverän und flexibel in den Weltraum starten.“ Metzler wertet den erfolgreichen Testflug nicht nur als „eine technische Meisterleistung“, sondern als einen Durchbruch, der die strategische, wirtschaftliche und technologische Zukunft Europas beeinflussen wird.
Der Start wurde am Samstagabend im Internet über Youtube übertragen. Nach Angaben der Moderatoren erreichte die Rakete knapp vier Minuten nach dem Start eine Flughöhe von etwa 100 Kilometern über dem Erdboden – die sogenannte Kármán-Linie, die die gedachte Grenze zum All markiert. Zudem konnte die 28 Meter hohe Spectrum-Rakete die Nutzlast – fünf wissenschaftliche Satelliten mehrerer Universitäten und ein wissenschaftliches Experiment – im Orbit aussetzen. „Das sind die Momente, für die wir arbeiten“, sagte Metzler.
Der zweite Testflug ist in diesem Jahr zuvor viermal fehlgeschlagen. Mitte Juni lag es an Unregelmäßigkeiten im Flüssigkeitssystem der Rakete, Mitte April war es ein Leck im Druckbehälter, Ende März drang ein norwegisches Fischerboot in die Sicherheitszone ein, und Ende Januar musste der Start wegen eines fehlerhaften Ventils abgesagt werden. Die Rückschläge hat die Mannschaft um Metzler weggesteckt, umso größer dürfte jetzt die Freude sein, dass der zweite Testflug erfolgreich war.
Engpass Raketenstartplätze
Beim ersten Testflug im vergangenen Jahr war die Rakete 30 Sekunden nach dem Start abgestürzt. Doch für Metzler ist jeder Test, auch wenn er misslingt, wichtig, weil das Unternehmen nur so wichtige Daten und Erkenntnisse gewinnt. „Heute hat Isar Aerospace den Weltraum aus Kontinentaleuropa geöffnet“, erklärte Metzler nach dem erfolgreichen Testflug. Startplätze für Raketen sieht er weiterhin als größten Engpass in der globalen Raumfahrt.
Nun steht privaten und öffentlichen Kunden nach seinen Worten eine echte Alternative zur Verfügung. Europa hat einen großen Nachholbedarf: Im vergangenen Jahr gab es in den Vereinigten Staaten 198 Raketenstarts und im Rest der Welt 124, hauptsächlich in China und Russland. Europa hingegen kam nur auf acht Raketenstarts. Isar Aerospace bereitet schon den dritten Testflug vor. Die Herstellung der Rakete dürfte sich in den letzten Zügen befinden. Auch die Testflüge vier bis sieben befinden sich nach Angaben Metzlers schon in der Produktion.
Isar Aerospace kann in Zukunft auch von einem Startplatz in Kanada seine Raketen starten. Dort plant Metzler den ersten Raketenstart im Jahr 2028. Von Nova Scotia aus sollen Raketen abheben, die für Erdbeobachtungs- und Kommunikationssatelliten relevant sind. Die Testflüge drei bis sieben würden alle von Norwegen aus starten, kündigte Metzler an. Einen genauen Termin für den dritten Testflug konnte er noch nicht nennen.
Derzeit verlagert Isar Aerospace seine Produktionskapazitäten von Ottobrunn nach Parsdorf, also von einem südlichen in einen nördlichen Vorort Münchens. In Parsdorf verzehnfacht das Raumfahrtunternehmen seine Produktionsfläche. Metzler beabsichtigt, vom Jahr 2030 an dort 40 Raketen im Jahr herzustellen. Derzeit bewegt sich die Produktionskapazität im einstelligen Bereich. Für Isar Aerospace arbeiten 500 Personen. Bis zum Jahresende erwartet das Start-up 600 Beschäftigte.
Immer mehr Anfragen aus dem militärischen Umfeld
Die rüstungsbezogenen Anfragen bei Isar Aerospace nehmen weiter rasant zu. Metzler schätzt den Anteil der Anfragen aus dem militärischen Umfeld auf bis zu 70 Prozent. Im vergangenen Jahr dominierten noch kommerzielle Interessen mit 85 Prozent. Über Isar Aerospace Satelliten ins All zu schicken, ist ein sehr begehrtes Gut: Eigenen Angaben nach ist das Unternehmen bis 2028 ausgebucht.
Bis zum Jahr 2030 will Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) 35 Milliarden Euro in die Sicherheitsarchitektur im Weltraum investieren. Den Ausbau von Raketenstartplätzen hält er für entscheidend. Die Bundeswehr muss bislang ihre Satelliten über SpaceX, das amerikanische Weltraumunternehmen von Elon Musk, in das All schicken. Zwischen SpaceX und Isar Aerospace klafft eine große Lücke: Das US-Unternehmen wird mit zwei Billionen Dollar bewertet, während Isar Aerospace nur auf zwei Milliarden Euro kommt.
Derzeit hält Metzler sein Unternehmen für ausreichend finanziert, auch wenn das Interesse der Investoren durch den erfolgreichen Testflug nun gestiegen sein dürfte. Ein Börsengang sei derzeit nicht geplant. Nachdem der Durchbruch mit dem zweiten Testflug geschafft wurde, hat Metzler andere Prioritäten: „Jetzt heißt es, Produktion hochfahren, Aufträge abarbeiten und der weltweit wachsenden Nachfrage gerecht werden.“