Wie „Broadchurch“ am See: Neue Serie „Surface“ in der ARD überzeugt
Die Mutter des Dorfpolizisten Romain (Théo Costa-Marini), Catherine (Florence Muller), ist zugleich die Bürgermeisterin. Sie zieht im südfranzösischen Avalone politisch und wirtschaftlich die Fäden. Die örtliche News-Website pflegt Barbetreiberin Sabine (Olivia Brunaux), die wiederum die Oma des Jungpolizisten Mikaël (Quentin Laclotte Parmentier) ist und zugleich die heimliche Geliebte von dessen kaum älterem, aber reichlich deppertem Kollegen Bousquet (Otis Ngoi). So ist das auf dem Dorf: Man hat sich mit der Auswahl zu begnügen, die es gibt. Und alle haben mehrere Rollen inne.
Vor Jahrzehnten verschwanden drei Kinder
In einem so eng gewebten sozialen Gefüge führt ein tiefer Riss dazu, dass sich bald alle Fäden lösen. Zwei Jahrzehnte zuvor nämlich verschwanden im Ort drei Kinder, die besten Freunde des Polizisten Romain, und das just bevor der untere Teil des Dorfes, Avalone-Le-Bas, für einen neuen Stausee geflutet wurde. Man ging damals von einer Entführung aus, der Hauptverdächtige blieb ebenfalls verschwunden. Gemeinsam hat die Dorfgemeinschaft dieses Unglück so gut es geht zu verarbeiten versucht; die Familien der Opfer freilich kamen über die Trauer nie hinweg. Jetzt bricht dieser fragile Zustand zusammen, denn plötzlich treibt ein Fass mit Menschenknochen in dem so lieblich aussehenden See; es muss vom Grund hochgespült worden sein. Es handelt sich in der Tat um die Überreste eines der Kinder; sein Leichnam war also die ganze Zeit in der Nähe – und auf einmal stellt sich die Frage nach dem Hergang neu.
Weil sich mit Noémie Chastain (Laura Smet) zufällig eine Hauptkommissarin aus Paris in Avalone aufhält – sie soll prüfen, ob die kleine Wache erhalten bleiben muss –, übernimmt sie diesen neuen alten Fall. Sie lässt zwei Polizeitaucher kommen, die natürlich, wir sind in Frankreich, aussehen wie junge Götter, und zumindest der eine der beiden Brüder ist einer Liebelei nicht abgeneigt. Das Stochern in der Vergangenheit wühlt nicht nur den Seegrund auf, sondern das ganze Dorf. Mehr und mehr Geheimnisse und Lebenslügen werden an die Oberfläche gespült. Alte Wunden reißen auf. Aus Nachbarn werden Verdächtige. Das Misstrauen greift um sich.
Eine Figur mit dem unbestechlichen Blick von außen
Chastain, vernarbt im Gesicht, kämpft mit eigenen Dämonen, aber sie ist zugleich die eine Figur mit dem unbestechlichen Blick von außen. Allzu clever erzählt ist das alles nicht. Die sechs Autoren der Serien haben sich eng an die Romanvorlage von Olivier Norek gehalten, die etwas hemdsärmelig falsche Fährten auslegt, auf Überraschungen setzt und grelle Zufälle nicht scheut. Übernommen wurde auch die zentrale Rolle der Ermittlerin Chastain, deren Traumatisierung längere Zeit nicht ganz nachvollziehbar ist. Zwar sind da Narben im Gesicht, aber dafür hat sie einem kleinen Mädchen das Leben gerettet.
Dass sich ihre Furcht vor dem Wasser anders erklärt, erfährt man erst spät, und auch da muss man sich mit einem Routinemotiv begnügen. Arg unoriginell wirken ebenso der romantische Erzählbogen oder der Einfall, dass eine verrückt gewordene alte Frau seit 23 Jahren auf einer Bank in der Dorfmitte auf die Rückkehr ihrer Adoptivtochter wartet. Statt die Verzweiflung der Familien der Opfer psychologisch genauer auszuleuchten, soll ein dramaturgisch willkürlich anmutender Tauchunfall Dynamik in die anfangs etwas schleppend verlaufende Handlung bringen.

Es bleibt dennoch eine gute Idee, in einer Serie ohne allzu große Hast zu untersuchen, wie ein tragisches Ereignis auf eine Sozialstruktur ausstrahlt. Neu ist das jedoch nicht, sondern spätestens seit der überragenden britischen Serie „Broadchurch“ (2013 bis 2017) ein etabliertes Muster des authentischen Kriminaldramas. Auch in „Broadchurch“ ist ein Kind gestorben, auch dort ging es um die Auswirkungen auf eine ganze Gemeinschaft, auch dort kam ein gepeinigter Ermittler von außen – der von David Tennant grandios gespielte DI Hardy – einer einheimischen Kollegin zu Hilfe. Der große Erfolg von Chris Chibnalls ITV-Serie könnte durchaus seinen Anteil daran gehabt haben, dass der 2019 erschienene Roman des ehemaligen Polizisten Norek sowie seine jetzige Verfilmung einige zum Verwechseln ähnliche Handlungselemente aufweisen.
Bereits im Jahr 2015 hat das ZDF mit „Tod eines Mädchens“ einen fast schon Remake zu nennenden Zweiteiler produziert, der sogar in ganz ähnlicher Küstenkulisse wie „Broadchurch“ spielte. Jetzt also zieht die ARD nach, die über die Degeto als Koproduzentin an dieser im Kern französischen Produktion beteiligt war. Regisseur Slimane-Baptiste Berhoun macht auch hier die Landschaft selbst zu einer Protagonistin, wobei es sich diesmal nicht um eine dramatisch in Szene gesetzte Felsküste, sondern um die beeindruckenden Landschaften Okzitaniens handelt. Mehrfach kommt der imposante Raviège-Staudamm groß ins Bild, der für den des fiktiven Avalone einsteht, und es ist, als sage das Bild des abrupt abgeschnittenen Sees – auf der einen Seite des Damms eine paradiesische Landschaft, auf der anderen ein bedrohlich in die Tiefe abfallendes Betonbauwerk – mehr über den Schnitt mitten durch das Leben der Figuren aus als die meisten der Dialoge oder Handlungsstränge.
Doch obwohl die vielen Wendungen zwischen Schuld und Unschuld und die für einen engen Dorfkosmos unwahrscheinlichen Heimlichkeiten (über Jahrzehnte) häufig zu gewollt anmuten, bleibt die Suche nach dem Geheimnis auf dem Grunde des Sees spannend. Dass man dem Zerfall einer Dorfgemeinschaft gerne zusieht, liegt auch an der souveränen, im Zweifel eher unterspielenden Darstellungsweise der Schauspieler. Außerdem lebt die Serie zu einem guten Teil von ihrer entspannten Ästhetik. Hier und da nimmt sich Berhoun poetische Freiheiten (Szenen in einem stillgelegten Schwimmbad zum Beispiel), und er weiß mit Anklängen an düster atmosphärische Produktionen wie „Top of the Lake“ zu betören. Alles in allem also doch eine sehenswert meditative, sehr französische Serie über die zerstörerische Kraft der Verdrängung.
Surface startet am Freitag, 17. Juli, in der ARD-Mediathek. Die lineare Ausstrahlung läuft in Doppelfolgen ab 26. Juli, 21.45 Uhr, im Ersten.