"Dating ist nur eine der vielen Situationen, die gefährlich sein können"
Interview Sexualisierte Gewalt
“Dating ist nur eine der vielen Situationen, die gefährlich sein können”
In Berlin steht seit Donnerstag ein Mann vor Gericht, der Dutzende Frauen betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt haben soll. Die Staatsanwaltschaft geht von fast 60 Opfern aus. Viele erfuhren erst im Rahmen der Ermittlungen, was ihnen angetan wurde.
Weltweit bekannt geworden war zuvor der Fall der Französin Gisèle Pelicot, die von ihrem damaligen Ehemann über knapp zehn Jahre immer wieder mit Medikamenten betäubt, missbraucht und Dutzenden Fremden zur Vergewaltigung angeboten worden war.
rbb|24: Hallo Frau Jeydrich. Gerade gibt es wieder einen Prozess in Berlin. Da geht es um Frauen, auch ältere, die sediert und ohne ihr Wissen vergewaltigt wurden. Die Taten wurden gefilmt und teils verbreitet. Gab es solche Fälle schon früher? Und auch in dem jetzt bekannten Ausmaß?
Lidia Jeydrich: Da fällt einem ja sofort der Fall Pelicot ein. Der Fall hat auch uns hier beim Verein Lara, Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt, sehr erschüttert. Mir ist danach eingefallen, dass bei mir in der Beratung auch einmal eine Person war, die Ähnliches berichtet hat. Wir hatten hier ansonsten keine konkreten Fälle bisher in diesem Ausmaß.
Zur Person
Lidia Jedrych ist Beraterin beim Verein Lara (LARA e.V.) in Berlin, Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen, trans*, inter* und nicht-binären Personen. Jedyrich ist unter anderem Diplom-Pädagogin und Traumafachberaterin.
rbb|24: Melden sich auch Personen bei Ihnen, die sich unklar darüber sind, ob ihnen so etwas - also ein nicht erinnerbarer Missbrauch unter Sedierung - eventuell geschehen ist?
Jeydrich: Zu uns kommen sowohl Personen, die ganz klar sagen können, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt haben, als auch Personen, die sich nicht sicher sind. Manche erzählen auch, dass sie erst durch den Austausch mit Freunden darauf hingewiesen wurden, dass das, was sie erlebt haben, eine Vergewaltigung war.
Es gibt auch Personen, die ein Erinnerungsgefühl aus ihrer Kindheit haben, dass da etwas sein könnte. Vereinzelt kommen aber auch erwachsene Personen, die vermuten, dass ihnen K.-o.-Tropfen verabreicht wurden und die sich nicht erinnern können an das, was passiert ist. Sie schlussfolgern dann mitunter aufgrund des Ortes, an dem sie aufwachen und wie sie aufwachen, dass ein sexualisierter Übergriff stattgefunden haben könnte.
Wir nehmen die Person und ihr Gefühl ernst. Auch wenn es keine Erinnerung in Form von Bildern gibt. Wenn die Situation akut ist, es also in den letzten Tagen oder Wochen passiert ist, empfehlen wir auch, sich auf sexuell übertragbare Krankheiten testen zu lassen, einen Gesundheitscheck zu machen und im Akutfall auch eine Spurensicherung – am besten vertraulich, also ohne Anzeige – machen zu lassen.
Ansonsten bieten wir eine stabilisierende Beratung an. Da schauen wir, was im Jetzt und hier hilfreich sein kann. Auch falls Erinnerungsfetzen auftauchen oder Angst- oder Panikattacken aufsteigen.
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Die Personen schlussfolgern mitunter aufgrund des Ortes, an dem sie aufwachen und wie sie aufwachen, dass ein sexualisierter Übergriff stattgefunden haben könnte.
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Lidia Jedrych
rbb|24: Sie haben die vertrauliche Spurensicherung ohne zwangsläufige Anzeige angesprochen. Warum zeigen manche Personen einen Täter im Zweifelsfall nicht an?
Jeydrich: Die Mehrheit der Personen zeigen nicht an, unserer Erfahrung nach. Das hängt mit vielen Aspekten zusammen. Einerseits gibt es oftmals das Gefühl, dass nichts beweisbar ist, weil es keine Zeugen und keine Spuren gibt. Außerdem haben viele die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Und viele wollen die Situation auch einfach hinter sich lassen und verzichten deshalb auf eine Anzeige. Mitunter wissen die Personen, die wir beraten, noch gar nicht, was da ihr Weg ist. Wir positionieren uns auch weder für noch gegen eine Anzeige. Wir schauen, wie wir die betroffene Person in ihrem Entscheidungsprozess unterstützen können. Das kann auch bedeuten, dass wir ihr Rechtsberatungstermine anbieten. Da gibt es im Rahmen einer Kurzberatung die Möglichkeit einer juristischen Einschätzung.
rbb|24: Was machen solche großen Fälle - wie der, der jetzt in Berlin verhandelt wird - und die Berichterstattung darüber mit Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft? Auch mit denen, die nicht betroffen sind?
Jeydrich: Ich kann auf diese Frage nicht so gut antworten, weil ich mehrheitlich mit betroffenen Frauen arbeite. Aber ich denke schon sagen zu können, dass das zu einer sehr großen Verunsicherung führt. Auch weil es den Mythos gibt, dass es der fremde Mann ist, der eine Frau nachts im Park überfällt. Dabei ist es deutlich öfter der Fall, dass der Täter eine vertraute Person wie der eigene Partner ist. Das zu wissen führt zu massiver Verunsicherung, weil unser Zuhause für uns alle der sicherste Ort ist. Aber das ist er nicht für alle.
rbb|24: Sind etwas ältere Frauen, wie sie im Fall Pelicot und auch im aktuellen Berliner Fall betroffen waren, für Sie eine ungewöhnliche Zielgruppe?
Jeydrich: Aus unserer Perspektive ist das nicht überraschend. Zu uns kommen zwar mehrheitlich Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, aber es kommen auch regelmäßig ältere Personen, die über 50 Jahre sind oder deutlich älter.
Aber bei sexualisierter Gewalt geht es ja auch nicht um Sexualität oder Intimität im Konsens, sondern es geht um Gewalt und Macht. Da ist Alter kein entscheidender Aspekt.
rbb|24: Im aktuellen Berliner Fall soll der Mann Frauen missbraucht haben, die er gedatet hat. Ist Dating ein besonders gefährlicher Moment?
Jeydrich: Dating ist nicht besonders gefährlich, sondern nur eine der vielen Situationen, die gefährlich sein können. Wir kennen diese Fälle – auch ohne Substanzen wird Dating dazu benutzt, um Gewalt auszuüben.
rbb|24: Wie kann man sich schützen?
Jeydrich: Das finde ich schwer zu beantworten, weil es den Fokus auf die Betroffenen legt und was sie ändern könnten. Dabei müsste es ja umgekehrt sein: Die Täter müssten mehr in den Fokus genommen beziehungsweise die Strukturen, die es ermöglichen, müssten verändert werden.
rbb|24: Trotzdem nochmal ganz praktisch gefragt: Wie merkt man, dass einem jemand was in den Drink geschüttet hat und was sollte man tun, wenn man die Vermutung hat?
Jeydrich: Die meisten Substanzen kann man nicht schmecken oder riechen. Viele Betroffene berichten, dass ihnen auf einmal schwindelig wurde oder sich ihre Wahrnehmung verändert hat. Wenn Alkohol getrunken wurde, passte das Gefühl mitunter nicht zu der konsumierten Menge. Wenn das passiert, während man mit Freunden unterwegs ist, sollte man ihnen oder anderen Vertrauenspersonen das mitteilen. Wer allein ausgeht, könnte sich an Mitarbeitende im Club oder der Bar wenden. Aber wir hatten auch schon Fälle, wo auch die Person hinter der Bar beteiligt war. Aber manche Clubs sind sensibilisiert und haben auch Awareness-Teams.
rbb|24: Und wenn ich jetzt beim Dating in einer fremden Wohnung bin?
Jeydrich: Das ist sehr schwierig und hängt auch immer davon ab, wie ansprechbar man noch ist. Wer das bemerkt und kann noch denken und handeln, könnte als Option auf die Toilette gehen und von dort einen Notruf absetzen oder befreundete Personen um Hilfe bitten.
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Die meisten Substanzen kann man nicht schmecken oder riechen
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Lidia Jedrych
rbb|24: Sie haben die fehlenden Strukturen, was Täter betrifft, schon angesprochen. Woran fehlt es da?
Jeydrich: Wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre es eine Auseinandersetzung, die schon ganz früh beginnt. Dass Kinder schon in der Kita lernen, dass sie Nein sagen dürfen und ein Recht auf die Achtung ihrer Grenzen haben. Dass also die Grenzen anderer Personen genauso wichtig sind wie die eigenen.
Im Erwachsenenalter bräuchte es mehr präventive Angebote und Schulungen für Gewaltausübende. Sodass sie ihr Verhalten und ihre patriarchalischen Strukturen reflektieren können.
rbb|24: Und was fehlt für die Betroffenen von sexualisierter Gewalt?
Jeydrich: Es bräuchte mehr Therapiemöglichkeiten. Bei uns gibt es wegen der starken Nachfrage Wartezeiten auf ein Erstgespräch von vier bis sechs Wochen. In Krisensituationen können wir auch kurzfristig tätig werden. Aber das reicht ja nicht aus, denn kurzfristig kann man nur die akuten Symptome behandeln.
Vielen Dank für das Gespräch.
Sendung: rbb|24, 08.08.2026, 07:43 Uhr
Audio: rbb|24, 08.08.2026, Lidia Jedrych im Gespräch mit Sabine Priess
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