Zwei Stück im Saarland: „Die Frauenmilch muss ins Gemüsefach“ – Chefärztin über Milchbank im Klinikum Saarbrücken


Zwei Stück im Saarland „Die Frauenmilch muss ins Gemüsefach“ – Chefärztin über Milchbank im Klinikum Saarbrücken

Saarbrücken · Im Saarland 2017 eröffnete die erste Frauenmilchbank im Klinikum Saarbrücken. Chefärztin Dr. Marie-Claire Detemple erklärt, welche Rolle Frauenmilch bei der Versorgung von Frühgeborenen spielt und wie so eine Milchbank überhaupt funktioniert.

08.08.2026 , 08:00 Uhr

Zuhause oder direkt im Klinikum von Müttern abgepumpt, im Krühlschrank gelagert, bis sie gebraucht wird: Am Klinikum Saarbrücken gibt es seit 2017 die erste Frauenmilchbank. Der Bedarf ist oft groß. Seit ein paar Jahren gibt es noch eine zweite Milchbank am Uniklinikum in Homburg.

Zuhause oder direkt im Klinikum von Müttern abgepumpt, im Krühlschrank gelagert, bis sie gebraucht wird: Am Klinikum Saarbrücken gibt es seit 2017 die erste Frauenmilchbank. Der Bedarf ist oft groß. Seit ein paar Jahren gibt es noch eine zweite Milchbank am Uniklinikum in Homburg.

Foto: IMAGO/Funke Foto Services/imago stock

Frau Dr. Detemple, eine Blutbank kennt jeder, aber eine Frauenmilchbank kaum jemand. Was ist der Unterschied – und was läuft gleich ab?

Detemple Das Prinzip funktioniert ähnlich. Eine Frauenmilchbank lagert Frauenmilch, damit sie zur Verfügung steht, wenn sie benötigt wird. Wir unterscheiden zwischen Muttermilch – das ist die Milch der eigenen Mutter für das eigene Kind, die in der Regel keine besondere Testung braucht – und Frauenmilch, also Fremdspenderinnen-Milch für fremde Kinder. Ähnlich zur Blutbank wird diese Milch auf Erreger getestet: HIV, Hepatitis und so weiter. Was dazukommt: Wir schauen uns auch die hygienischen Verhältnisse zu Hause an, weil die Frauen zu Hause abpumpen. Die Frauenmilch muss aber in einem separaten Fach im Kühlschrank, zum Beispiel im Gemüsefach, gelagert werden und wird dann durchgehend gekühlt zu uns gebracht.

Für wen ist diese Milchbank eigentlich wichtig?

Detemple Grundsätzlich für alle Kinder, deren Mütter nicht genug eigene Milch haben. Aber ganz besonders für Frühgeborene – und da für die extrem kleinen Frühchen. Die wirklichen Risikokinder sind die unter 1500 Gramm – denen fehlt manchmal die halbe Schwangerschaftsdauer an Reife. Gehirn, Darm, Augen, alle Organe sind noch unreif. Humane Milch ist für sie viel besser verträglich als Kuhmilch-basierte Milchnahrung, und die kritische Phase – die schwere Darmerkrankung, die wir alle befürchten – ist in der Regel nach sechs Wochen überstanden.

 Ein Kühlschrank für Frauenmilch, einer für Muttermilch: Marie-Claire Detemple, Chefärztin der Kinderklinik am Klinikum Saarbrücken zeigt wie die Frauenmilchbank am Klinikum Saarbrücken aussieht – und erklärt den Unterschied zwischen den beiden Milchbänken.

Ein Kühlschrank für Frauenmilch, einer für Muttermilch: Marie-Claire Detemple, Chefärztin der Kinderklinik am Klinikum Saarbrücken zeigt wie die Frauenmilchbank am Klinikum Saarbrücken aussieht – und erklärt den Unterschied zwischen den beiden Milchbänken.

Foto: Antonia Trinkaus

Ich habe vorhin einen Vater mit Kühlbox hier auf die Station laufen sehen. Fremde Muttermilch aus dem Gefrierfach – ist das nicht für manche befremdlich?

Detemple Die Frauenmilch ist eigentlich ein Lückenfüller – sie überbrückt die Zeit, bis die eigene Muttermilch reicht. Wir würden immer zuerst die Milch der eigenen Mutter nehmen, auch im Milliliter-Bereich. Und parallel tun wir alles, dass eine Bindung zwischen Mutter und Kind entsteht und dass auch die Milchproduktion angeregt wird: Wir versuchen, dass die Frühchen innerhalb der ersten zwei Lebensstunden auf die Brust der Mutter kommen. Wenn das nicht möglich ist, wenigstens Hautkontakt mit der Hand – oder mit dem Papa. Die Bindung bleibt wichtig. Unabhängig davon, woher die Milch kommt.

Was steckt denn medizinisch wirklich in Muttermilch?

Detemple Ich finde „Superkräfte“ trifft es – für die rohe Muttermilch. Aber in unserer Frauenmilchbank ist die Milch immer pasteurisiert, dabei fallen manche Superkräfte weg. Einige Eltern beruhigt das sogar – es ist dann wirklich nur noch Milch, ohne lebende Fremdzellen. Trotzdem ist sie für Frühgeborene deutlich besser verträglich als Pre-Nahrung (künstliche Anfangsmilch für Babys, Anmerkung der Red.).

Eine neue EU-Verordnung stuft Frauenmilch plötzlich fast wie ein Medikament ein. Was steckt dahinter?

Detemple Also ich sage das ein bisschen ketzerisch: Als wir mit der Frauenmilchbank angefangen haben, war das Lebensmittelamt zuständig. Jetzt kommt die neue EU-Verordnung – und auf einmal wird gespendete Frauenmilch genauso behandelt wie Blut, Gewebe, Zellen. Auf einmal ist es doch ein so tolles Produkt, dass es fast als Medizinprodukt gesehen wird. Ich frage mich manchmal, ob das auch damit zu tun hat, dass die Milchindustrie kein Interesse daran hat, dass Frauen mehr stillen. Aber gut – die Verordnung kommt. Und sie wird die Hürden höher machen, gerade für kleine Einrichtungen wie unsere. Vieles ist noch offen, wie das im Alltag läuft.

Wer sind die Frauen, die spenden – und bräuchte es nicht viel mehr davon?

Detemple Alle sind Mütter, klar. Viele haben ihre eigenen Kinder hier auf der Station liegen gehabt. Die haben gesehen, wie wichtig das ist, hatten Glück mit der Milchbildung – und entscheiden sich, mehr zu geben als ihr Kind braucht. Andere melden sich einfach von außen, weil sie davon gehört haben und sie zu viel haben und es schade finden, es wegzuwerfen. Es ist tatsächlich mal vorgekommen, dass Mitarbeiterinnen aus dem Haus ihre Mittagspause bei uns verbracht haben – um abzupumpen.

Aber der Aufruf zur Milchspende ist ein schwieriges Thema. Es gibt einen Schwarzmarkt für Muttermilch, gerade in den USA – Bodybuilder sind sehr interessiert, weil es dort als Superprodukt gilt. In manchen Ländern wird aktiv für Milch bezahlt. Und das hat eine ethische Schattenseite: Es gibt Mütter, die ihr eigenes Kind vernachlässigen, damit sie die Milch verkaufen können. Bei uns gibt es keine Entschädigung, das ist vollständig freiwillig.

Gibt es denn eine Art Triage-System, wenn gerade nicht genug Milch da ist?

Detemple Wir haben tatsächlich ein Ampelsystem. Und das schwankt – nicht täglich, aber wochenweise. Wenn die Ampel auf Grün steht und viel Milch da ist, können auch reife Kinder von der Entbindungsstation versorgt werden. Wird es eng und die Ampel steht auf Rot, dann reservieren wir die Milch ausschließlich für die Allerkleinsten, die sie wirklich brauchen.

Im Schnitt versorgen wir gleichzeitig etwa sechs Kinder – wobei „versorgen" nicht heißt: ausschließlich Frauenmilch. Es ist oft ein Mix aus Mutter- und Frauenmilch. 2025 haben 80 Babys insgesamt rund 100 Liter Frauenmilch aus der Milchbank bekommen.

Zwei Frauenmilchbanken im Saarland, eine davon am Uniklinikum in Homburg – reicht das?

Detemple Ich glaube nicht, dass wir einen weiteren Standort brauchen. Aber wir hier vor Ort hätten durchaus Bedarf, uns auszuweiten – mehr Kapazitäten, mehr Personal, mehr Milch. In der idealen Welt könnten wir auch die reifen, gesunden Neugeborenen regelmäßig damit versorgen. Das ist im Moment nicht immer möglich. Aber das wäre das Ziel. (sas)