Sind Nahrungsergänzungsmittel mit Thyroxin gefährlich?


Stand: 09.08.2026, 11:45 Uhr

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Millionen von Menschen nehmen täglich Schilddrüsentabletten mit Thyroxin. Wie Thyroxin wirkt, welche Risiken es birgt.

Was ist Thyroxin?

Thyroxin, auch Levothyroxin oder T4 genannt, ist ein Hormon, das von der Schilddrüse produziert wird. Die Schilddrüse sitzt am Hals unterhalb des Kehlkopfs. Sie produziert vor allem zwei Hormone: Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3). Beide enthalten das Spurenelement Jod als Baustein.

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Die Schilddrüse als Taktgeber des Körpers

Die Schilddrüse hat eine enorm wichtige Aufgabe: Sie produziert das Hormon Thyroxin und gibt es ins Blut ab. Von dort aus erreicht es fast alle Zellen des Körpers. Dort bestimmt es maßgeblich das Tempo des Stoffwechsels und somit, wie viel Energie die Zellen verbrauchen. Unser Herzschlag, unsere Körpertemperatur, unsere Verdauung und sogar unsere Stimmung hängen hiervon ab.

Eine lächelnde junge Frau nimmt eine Dosis eines Nahrungsergänzungsmittels ein.

Nahrungsergänzungsmittel, die die Schilddrüse unterstützen sollen, sind hoch umstritten. © Imago

So wirkt Thyroxin im Körper

Thyroxin (T4) ist zunächst nur eine Vorstufe – die eigentlich wirksame Form des Hormons besitzt die Bezeichnung T3. Erst in den Körperzellen wird T4 zu T3 umgewandelt, dem eigentlich wirksamen Hormon. Dieser Umbau geschieht in der Leber, den Nieren und vielen weiteren Stellen im Körper.

T3 bindet an Rezeptoren im Zellkern an und steuert dort, welche Gene aktiv werden. Deshalb beeinflusst Thyroxin praktisch jedes Organ. Ein Mangel zeigt sich zum Beispiel als Müdigkeit, Kälteempfinden, Verstopfung, Haarausfall oder gedrückte Stimmung.

Darum geht es

Thyroxin (T4) ist das wichtigste Hormon der Schilddrüse und steuert Herzschlag, Gewicht, Verdauung und Energiehaushalt. Fehlt es, drohen Müdigkeit und Gewichtszunahme, bei einem Überschuss dagegen Herzrasen und Gewichtsverlust. Menschen mit Schilddrüsenunterfunktion nehmen oft Thyroxin als Tablette ein – die richtige Dosis ist entscheidend, denn zu viel oder zu wenig kann den Körper aus dem Gleichgewicht bringen. Oft bleiben trotz einer Therapie Beschwerden bestehen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) warnt ausdrücklich vor Nahrungsergänzungsmitteln, die Linderung versprechen.

Wann muss Thyroxin als Medikament eingenommen werden?

Wenn die Schilddrüse zu wenig eigene Hormone produziert, sprechen Ärztinnen und Ärzte von einer Schilddrüsenunterfunktion (medizinisch: Hypothyreose). Die häufigste Ursache im Erwachsenenalter ist die Hashimoto-Thyreoiditis, bei der das Immunsystem das Schilddrüsengewebe fälschlicherweise angreift und allmählich zerstört.

In einem solchen Fall verschreiben Ärztinnen und Ärzte künstliches L-Thyroxin als Tablette oder Tropfen. Es entspricht chemisch dem körpereigenen Hormon und übernimmt dessen Aufgaben. Die Therapie beginnt meist mit einer niedrigen Dosis, die schrittweise angepasst wird, bis die Blutwerte sich verbessern.

Ab wann wird Thyroxin als Nahrungsergänzungsmittel (NEM) gefährlich?

Thyroxin wirkt nur zuverlässig, wenn die Dosis zum individuellen Bedarf passt. Schon kleine Abweichungen können spürbare Folgen haben, da das Hormon zahlreiche Vorgänge gleichzeitig steuert.

Was passiert bei einer Überdosis?

Wenn Sie zu viel Thyroxin einnehmen, entsteht eine künstliche Schilddrüsenüberfunktion. Mögliche Folgen sind Herzrasen, Zittern, Schlafstörungen und ein beschleunigter Knochenabbau. Insbesondere bei älteren Menschen und bei Vorliegen von Herzerkrankungen steigt dadurch das Risiko für Herzrhythmusstörungen. Eine dauerhaft zu niedrige Dosis lässt die Beschwerden der Unterfunktion hingegen bestehen.

Kann eine Thyroxin-Überdosis tödlich sein?

Bei einer schweren Überdosierung – etwa durch die versehentliche oder absichtliche Einnahme großer Mengen – können lebensbedrohliche Symptome auftreten. Dazu gehören stark beschleunigter Herzschlag, Herzrhythmusstörungen, extrem hohes Fieber, Unruhe bis hin zu Delirium und in Extremfällen Herz-Kreislauf-Versagen. Suchen Sie beim Verdacht auf eine Überdosis sofort ärztliche Hilfe (Giftnotruf oder Notaufnahme), auch wenn noch keine Symptome erkennbar sind.

Warum bleiben trotz einer Therapie manchmal Beschwerden?

Selbst bei korrekt eingestellter Dosis berichten manche Betroffene weiterhin von Müdigkeit, Gewichtszunahme oder Wortfindungsstörungen. Professor Lars Möller vom Universitätsklinikum Essen beschreibt dieses Phänomen in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Viele Betroffene fühlen sich dadurch verunsichert und beginnen, im Internet nach Erklärungen zu recherchieren.

Viele Nahrungsergänzungsmittel versprechen mehr, als sie halten

Genau diese Unsicherheit greifen manche Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln auf. Sie behaupten, eine gestörte Umwandlung von T4 zu T3 sei die Ursache der Beschwerden. Inhaltsstoffe wie Selen, Cholin oder Mariendistelextrakt sollen diesen Prozess angeblich unterstützen. Für eine solche Wirkung fehlt laut der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) jedoch der wissenschaftliche Nachweis.

Manche Präparate bewirken sogar das Gegenteil

Besonders kritisch bewertet die DGE Inhaltsstoffe, die in den Hormontransport eingreifen. Silychristin, ein Bestandteil von Mariendistelextrakten, kann den Transporter MCT8 hemmen. MCT8 schleust Schilddrüsenhormone erst in die Zellen. Wird er blockiert, verschärfen sich unter Umständen genau die Symptome, die gelindert werden sollten.

Cholin, früher als Vitamin B4 bezeichnet, steht ebenfalls in der Kritik. Aktuelle Untersuchungen bringen erhöhte Cholinwerte im Blut mit einem niedrigeren Schilddrüsenhormonstatus, einem erhöhten TSH-Wert und einem größeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung. Wer solche Präparate ohne ärztlichen Rat einnimmt, geht damit ein hohes Risiko ein.

Was sollten Betroffene tun?

Bei anhaltenden Beschwerden empfiehlt die DGE ein Gespräch mit einem Arzt statt Selbstmedikation. In dessen Rahmen kann geklärt werden, ob die L-Thyroxin-Dosis korrekt eingenommen wird, ob Wechselwirkungen mit anderen Mitteln bestehen oder ob eine andere Ursache hinter den Symptomen steckt. Von einer eigenständigen Veränderung der Dosis oder dem Absetzen der Therapie raten Fachleute ausdrücklich ab.