Skelette bei Baggerarbeiten gefunden: Bestattungen auf Waageplatz entdeckt


Stand: 19.08.2026, 06:29 Uhr

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Friedhof unter dem Waageplatz: Mitarbeiter einer Grabungsfirma legen eines der aufgefundenen Skelette frei.

Mitarbeiter einer Grabungsfirma legen eines der aufgefundenen Skelette frei. © Heidi Niemann

Bei Arbeiten zur Umgestaltung des Waageplatzes stießen Bauarbeiter auf Bestattungen in Särgen und Totentüchern. Eines der Skelette wurde dabei von einer Baggerschaufel getroffen.

Göttingen – Wenn man in Göttingen etwas Neues bauen will, stößt man mit großer Sicherheit dabei auch auf etwas Altes. Das hat sich jetzt auch bei den ersten Arbeiten zur Umgestaltung des Waageplatzes gezeigt: Beim Ausheben eines Grabens für die Entwässerungsleitungen kamen mehrere Särge und Skelette zutage.

Insgesamt sei man auf acht Bestattungen gestoßen, sagt der Göttinger Stadtarchäologe Timo Feike. Der 34-Jährige ist seit dem 1. Juni als Göttinger Stadtarchäologe tätig. Sechs Skelette hätten in einfachen Holzsärgen gelegen, berichtet er. Oberhalb der Särge hätten sich zudem noch zwei frei liegende Skelette befunden. Diese seien vermutlich in Totentüchern bestattet worden.

Der neue Göttinger Stadtarchäologe Timo Feike (rechts) inspizierte die Fundstelle am Waageplatz. Der 34-jährige Wissenschaftler ist seit dem 1. Juni bei der Stadt Göttingen tätig.

Der neue Göttinger Stadtarchäologe Timo Feike (rechts) inspizierte die Fundstelle am Waageplatz. Der 34-jährige Wissenschaftler ist seit dem 1. Juni bei der Stadt Göttingen tätig. © Heidi Niemann

Bislang ist noch unklar, wann der Friedhof auf dem Gelände des heutigen Waageplatzes angelegt wurde und wie weit er sich erstreckt hat. Vermutlich handele es sich um einen recht kleinen Friedhof, sagt Feike. Die jetzt entdeckten Särge und Skelette hätten alle vor dem heutigen Gebäude der Staatsanwaltschaft gelegen.

Neuer Stadtarchäologe

Timo Feike (34) stammt aus Hannover und hat an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studiert. Seit 2021 ist er dort wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Archäologe des Mittelalters und der Neuzeit. Feike hat bereits zahlreiche Grabungen begleitet, unter anderem im Harz und in der Türkei. Seit dem 1. Juni ist er bei der Stadt Göttingen tätig, als Nachfolger von Betty Arndt, die 35 Jahre lang als Stadtarchäologin tätig war. Er freut sich auf sein neues Arbeitsgebiet, weil es für Archäologen in und um Göttingen jede Menge zu entdecken gebe: „Mal ist es Jungsteinzeitliches an der Autobahn, mal Mittelalterliches in der Innenstadt. Göttingen hält noch viele Überraschungen bereit.“

Dass man bei der geplanten Umgestaltung des Waageplatzes auf Bestattungen stoßen könnte, sei nicht ganz unerwartet gewesen, sagt Feike. Als 1979 der Waageplatz in seiner heutigen Form mit dem Brunnen angelegt wurde, seien bereits Bestattungen entdeckt worden. Dies sei vor allem deshalb überraschend gewesen, weil Friedhöfe normalerweise bei einer Kirche oder einem Kirchhof angelegt worden seien. In der Umgebung des Waageplatzes gebe es jedoch keine Kirche. Vermutlich wurde der Friedhof irgendwann zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert angelegt. Ob dies mit der Pest oder anderen Seuchenzügen in Verbindung gestanden haben könnte, sei derzeit unklar.

Waageplatz hat wechselvolle Geschichte

Fest steht, dass der Waageplatz eine wechselvolle Geschichte hat. Im 14. Jahrhundert hätten hier beispielsweise Ritterturniere stattgefunden, berichtet der Stadtarchäologe. Im Mittelalter sei das Areal noch nicht städtisch bebaut gewesen. Auch danach habe es wegen des feuchten Untergrundes lange Zeit brach gelegen, bis das Gelände nach und nach aufgefüllt worden sei. 1735 sei dann direkt am Leinekanal ein Brauhaus als eine der ersten größeren Bebauungen errichtet worden. Später habe es auch ein Garnisonsgebäude und eine Polizeiwache gegeben. 1833 wurde das alte Gefängnis gebaut, 1854 folgte das Gerichtsgebäude, in dem heute die Staatsanwaltschaft untergebracht ist.

Direkt vor deren Eingangstüren wurden die Skelette gefunden. Eines der freiliegenden Skelette sei am Kopf von einer Baggerschaufel angekratzt worden, berichtet Feike. Die Särge seien in zwei Reihen mit jeweils einem Meter Abstand angeordnet gewesen. Zwei der aufgefundenen Särge lagen in dem Bereich, wo der Graben für die Entwässerungsrohre entlangläuft. Da diese sonst zerstört worden wären, seien diese Särge komplett ausgegraben worden, erklärt der Stadtarchäologe. Die anderen vier Särge blieben dagegen an Ort und Stelle im Boden. Auch die frei liegenden Skelette wurden von Mitarbeitern einer externen archäologischen Fachfirma geborgen. Diese sollen später von der Expertin Dr. Brigitte Großkopf an der Abteilung Historische Anthropologie und Humanökologie der Universität Göttingen untersucht werden, um beispielsweise Erkenntnisse über das Alter der Bestatteten und eventuelle Krankheiten zu finden.

Weitere Untersuchungen folgen