Spionage vor den Wahlen: Digitaler Angriff auf Serbiens Opposition


Im Vorfeld der Ende Oktober anstehenden Neuwahlen sieht sich die serbische Opposition mit einer digitalen Überwachungswelle konfrontiert. Nach Erkenntnissen der serbischen Bürgerrechtsorganisation Share Foundation wurden seit Anfang 2026 mindestens 14 Personen zielgerichtet mit hochentwickelter Spionagesoftware angegriffen. Unter den Betroffenen befinden sich demnach Mitglieder einer einflussreichen studentischen Protestbewegung, Bürgerrechtler sowie ein Abgeordneter und ein Lokalpolitiker der Opposition.

Unabhängige Sicherheitsforscher des Citizen Lab der Universität Toronto und von Amnesty International bestätigten die Befunde nach eingehenden forensischen Analysen. Es dürfte sich damit um den bislang umfangreichsten dokumentierten Fall staatlicher digitaler Überwachung bei dem EU-Beitrittskandidaten handeln.

Die Angriffe erfolgten laut den Bürgerrechtlern über zwei unterschiedliche Wege. Bei einem Vertreter der Studierendenbewegung wies das Citizen Lab den berüchtigten Staatstrojaner Pegasus des israelischen Anbieters NSO Group nach. Die Infektion erfolgte über einen Zero-Click-Exploit in Apple iMessage, wodurch das Gerät ohne jegliches Zutun des Nutzers aus der Ferne infiziert werden konnte.

Pegasus ermöglicht den uneingeschränkten Zugriff auf Nachrichten, Kontakte, Fotos und Standortdaten sowie das verdeckte Aktivieren von Mikrofon und Kamera. Bei elf weiteren Betroffenen schlugen die automatischen Bedrohungswarnungen von Apple an, die Nutzer bei hoher Wahrscheinlichkeit über Attacken mit staatlich eingesetzter Spyware informieren.

Infiltration im Gewahrsam und manipulierte Schadsoftware

In weiteren Fällen identifizierten die Experten eine neue Variante der Überwachungssoftware NoviSpy. Dieser Schädling wurde bereits Ende 2024 erstmals in Serbien entdeckt. Damals kam heraus, dass die Software gestohlene Daten an Server des serbischen Geheimdienstes BIA übermittelte. NoviSpy erfordert im Gegensatz zu Pegasus physischen Zugriff auf das Zielgerät.

Amnesty International stellte fest, dass die Software auf dem Android-Smartphone eines Studenten installiert wurde, als dieser sich in Polizeigewahrsam befand und sein Telefon beschlagnahmt war. Offenbar nutzen serbische Behörden dabei ein digitales Forensik-Werkzeug von Cellebrite aus, um die Schadsoftware aufzuspielen. Die Entwickler sollen die neueste Version von NoviSpy gezielt modifiziert haben, um Erkennungsmechanismen von IT-Sicherheitsforschern zu umgehen. Ein weiterer Fall wurde bekannt, nachdem der regierungsnahe Fernsehsender TV Informer private Chatverläufe aus der Messaging-App „Viber“ live im Fernsehen im veröffentlicht hatte.

Die Enthüllungen belasten das politische Klima in Serbien. Die Opposition fordert Aufklärung, doch Regierung und Geheimdienste bestreiten zumindest eine illegale Überwachung. Der Einsatz von Spyware ist nach serbischem Strafrecht eigentlich rechtswidrig. Einschlägige Strafanzeigen aus früheren Fällen blieben bislang aber ohne gerichtliche Konsequenzen.

EU-Abgeordnete fordern Konsequenzen

Die Grünen-Fraktion im EU-Parlament übt schwere Kritik an den Zuständen im Beitrittskandidatenland. Der Vorfall zeige eine besorgniserregende Verschlechterung der Menschenrechtslage. Abgeordnete fordern von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen deutliche Konsequenzen: Sämtliche Zahlungen aus dem EU-Wachstumsplan für Serbien sollten umgehend eingefroren und ein geplanter Besuch in Belgrad abgesagt werden, um das Regime nicht zu legitimieren.

Ferner drängen die Grünen die Kommission erneut dazu, endlich die Lehren aus dem Staatstrojaner-Untersuchungsausschuss umzusetzen und einen verbindlichen EU-Rechtsrahmen vorzulegen, der den Einsatz von Spionagesoftware strikt reguliert und Opfer digitaler Überwachung besser schützt.

(nie)