Startup-Mentalität: Bewerber tätowierten sich das Firmen-Logo, um ein Job-Interview zu bekommen
"Großartige" Idee
Startup-Mentalität: Bewerber tätowierten sich das Firmen-Logo, um ein Job-Interview zu bekommen
Das KI-Startup Lemonlime entschuldigte sich nach einem Shitstorm. Die Aktion zeigt aber, wie kaputt der Arbeitsmarkt zu sein scheint
Es sei "schwer, den Mut nicht zu verlieren", erzählte kürzlich eine junge Frau dem STANDARD. Viele Unternehmen würden beim Einstellen auf der Bremse stehen, auf Bewerbungen bekomme man kaum noch Rückmeldungen.
Das Machtverhältnis zwischen potenziellem Arbeitgeber und künftigem Arbeitnehmer scheint nicht mehr in Balance zu sein. Das bewies auch das US-amerikanische KI-Startup Lemonlime mit einer verrückten Aktion: Auf einer Networking-Party meinte der Mitgründer der Firma, Jordan Zietz, zu den Anwesenden, wer sich das Firmenlogo tätowieren lasse, bekomme sofort ein Bewerbungsgespräch.
Es war keine hohle Phrase. Zietz hatte einen Tätowierer zum Event mitgebracht, und mehrere junge Leute setzten sich tatsächlich auf den Stuhl, um dem Angebot nachzukommen.
We messed up
Die Idee sei gewesen, "außergewöhnliche Menschen" zu treffen, die "genau so verrückte Sachen machen wie wir", erklärte Zietz kurz darauf auf LinkedIn. "Wir sind mutig, wir gehen Risiken ein und wir machen Dinge, die noch nicht gemacht wurden."
Die Welle der Empörung über diese Aktion ließ allerdings nicht lange auf sich warten. "So kaputt kann der Jobmarkt doch nicht sein", schrieb ein User auf X, "dass sich junge Menschen ein Tattoo für ein Job-Interview stechen lassen müssen." Auch andere Unternehmer meldeten sich, etwa Mark Pincus, der ehemalige Chef der Spielefirma Zynga. Im Gespräch mit dem Wall Street Journal erklärte er: "Du sagst Leuten, sie sollen sich das Firmenlogo tätowieren, obwohl du nicht einmal weißt, ob du sie anstellen wirst? Das ist nicht ok!"
Um größeren Schaden zu verhindern, reagierte der Mitgründer von Lemonlime mit einem Update. "We messed up" (Wir haben es verkackt), räumte er in einem langen Posting auf der Jobplattform LinkedIn ein. Er habe den Druck vor Ort und die Eigendynamik falsch eingeschätzt. Man würde sich nun mit den Betroffenen zusammensetzen, auch wegen möglicher Kosten für die Entfernung des Tattoos. Zietz: "Ich habe mich hinreißen lassen. Ich lag falsch."
Durch KI ausgebremst
Lemonlime wurde Anfang des Jahres von Zietz und seiner Kollegin Daniela Munoz gegründet. Das KI-Startup hat sich auf das Erstellen von KI-Agenten spezialisiert, die eine verstärkte Automatisierung von Prozessen in Firmen ermöglichen sollen. Aktuell besteht das Unternehmen aus fünf Personen, man will jedoch expandieren. Derzeit durchläuft das Team das angesehene Startup-Beschleunigungsprogramm von Y Combinator, um zusätzliche Förderungen aufzustellen.
So schwierig es für Firmen geworden ist, auf dem extrem kompetitiven Markt zu überleben, so sehr ist es für Bewerberinnen und Bewerber zu einer Mammutaufgabe geworden, überhaupt noch ein Erfolgserlebnis zu verbuchen. Speziell junge Menschen in den USA sehen sich durch die Implementierung von KI-Tools – darunter auch KI-Agenten, wie sie von Lemonlime angeboten werden ausgebremst und um Jobchancen gebracht. An mehreren Universitäten wurden Vertreter der Tech-Branche bei ihren Ansprachen deshalb bereits lauthals ausgebuht.
Entmenschlichung
Firmen wie Meta und Amazon kündigen derweil Tausende Mitarbeiter, um die eigenen Bestrebungen zu untermauern, Abläufe verstärkt durch KI zu ersetzen. Erste Unternehmen lassen mittlerweile sogar Künstliche Intelligenz die Bewerbungsgespräche führen. Auch in Österreich zeichnet sich eine Veränderung auf diesem Gebiet ab.
Knapp 70 Prozent der heimischen HR-Abteilungen nutzen laut der KI-Servicestelle der RTR bereits in irgendeiner Form KI. Gerade dort, wo sich Bewerbungen zu Hunderten stapeln, soll es damit schneller gehen. Schon häufen sich die Tipps im Netz, wie man den besten Lebenslauf für einen KI-Filter verfasst. KI-Texte treffen auf KI-Prüfer. Da wirkt ein Tattoo auf der Haut fast schon wieder menschlich dagegen. (Alexander Amon, 2.8.2026)
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