Stephan Krawczyk: Singen als Antwort auf politische Ratlosigkeit
„Ich dagegen singe“ – so heißt das Programm, mit dem Stephan Krawczyk am 17. September im Museum Petersberg auftritt. Wer beim Titel an einen zornigen Protestsänger denkt, liegt falsch. „Ich dagegen bedeutet nicht dagegen“, sagt Krawczyk. Gemeint sei kein Nein, sondern ein Kontrast: Die anderen reden, schimpfen, quatschen – und er? Er dagegen singt.
Es ist eine feine Unterscheidung, aber sie erzählt viel über den Mann, der am Petersberg auf der Bühne stehen wird. Bekannt geworden ist der heute 70-Jährige einst als DDR-Dissident. Also als jemand, der sich ganz öffentlich gegen das SED-Regime gestellt und dieses kritisiert hat. Doch auf diese Rolle möchte er nicht reduziert werden. „Es ist ja für einen Künstler nicht sonderlich produktiv, wenn der bei diesem Grad der Bekanntheit hängen bleibt“, sagt er. Die DDR-Probleme, mit denen er verbunden wird – „die sind ja nicht mehr da“.
Was ihn heute umtreibt, sind andere Fragen: wie wir zu unseren Mitmenschen stehen, wie wir zur Natur stehen, wie wir uns in der Welt bewegen. Und vor allem gehe es um die Schönheiten des Lebens.
„Ich bin ein freier Mensch, wenn ich singe“
Am deutlichsten wird Krawczyk, wenn er über das Singen selbst spricht. „Ich bin ein freier Mensch, wenn ich singe“, sagt er. Glück sei es, dass ihm die Menschen auch zuhören – nicht einer politischen Argumentation folgen, sondern der Kunst. „Der Hauptaspekt von Kunst ist meiner Ansicht nach Schönheit“, erklärt er.
Diese Schönheit verändert etwas, davon ist er überzeugt: „Wenn die Menschen sich mit Schönheit befassen, dann werden sie innerlich strahlender. Dann ist ihr Leben schöner.“ Für die Dauer eines Konzerts könnten die Zuschauer alles einmal hinter sich lassen – egal ob alltägliche oder politische Probleme oder den „ständig wachsenden Widerspruch zwischen Arm und Reich“.
Genau das ist es auch, was er dem Publikum bei seinem Konzert am 17. September geben will: eine Alternative. „Alle quatschen - die Politiker vor allen Dingen, und auch die Menschen, die schimpfen. Ich dagegen singe“, sagt er. „Und ich denke, singen ist eine sehr gute Alternative zu der Ratlosigkeit, die mittlerweile in unserem Land herrscht.“
Ein Suppenhuhn, das schneller spricht
Krawczyk plädiert für Lebensfreude. Er setzt auf Lieder zum Mitsingen und auf Humor. Er erzählt von dem Lied über die Natur, die schön sei, „wenn sie Abstand hält, wenn die liebe Sonne nicht auf die Erde fällt, wenn die Mücken weit oben im Himmel spielen.“ Das Publikum könne oft mit einsteigen.
Dazu kommt eine ganze Fülle kleiner Vierzeiler, die, wie er sagt, „sehr zur Heiterkeit anregen“. Einer geht so: „Ein Suppenhuhn in Tschechien lernte einst zu sprechen, das lag schon auf dem Teller, drum sprach es etwas schneller.“ Wenn er so etwas sage, erzählt Krawczyk, dann lachen sie. „Die Leute haben das Bedürfnis nach Heiterkeit, sie wollen sich nicht immer ständig mit Problemen rumärgern.“ Er mache ihnen dieses Angebot und „dann freuen sie sich, lachen und fühlen sich leicht“.
„Freiheit wird einem nicht geschenkt“
Ganz ohne kritische Töne kommt aber auch Krawczyk nicht aus – und will es auch gar nicht. Seine DDR-Vergangenheit hat ihn wachsam gemacht. „Ich habe mir nicht vorschreiben lassen, was ich sagen kann und was nicht“, sagt er über die Zeit in der DDR. „Und hier lasse ich mir das auch nicht vorschreiben.“ Für ihn steht fest: „Der Mensch muss sich diese Freiheit selber nehmen. Die Freiheit wird einem nicht geschenkt.“
Aus seinen frühen Erfahrungen heraus, sagt er, habe sich ein feines Gespür entwickelt. „Man hat einfach ein feineres Gespür dafür, was stinkt und was richtig ist.“ In einem seiner Lieder etwa nimmt er Politiker aufs Korn, die Dinge versprechen und nicht halten. Die Schlusszeile, bei der das Publikum verlässlich applaudiere, lautet: „Es kommt, ob jemand führen kann, auf Bildung und Charakter an.“ Dass er mit solchen Pointen auch aneckt, weiß Krawczyk. Doch auch hierauf möchte er sich nicht reduzieren lassen. „Ich habe eben im Gegensatz zur DDR jetzt die Möglichkeit, mich selbst entscheiden zu können, mit wie viel Politik ich mich befasse oder mit wie wenig Politik ich mich befasse“, beschreibt er den Unterschied.
Vor Jahren hat Krawczyk das Rauchen aufgegeben. Er erzählt, wie er neulich einen Handwerker getroffen hat, der auch aufhören wolle – allerdings nicht der Gesundheit wegen, sondern weil Zigaretten so teuer geworden sind. Für Krawczyk ein Sinnbild: „Das Geld spielt in unserer Welt eine so große Rolle.“ Ein Land, in dem alles teurer werde und die Spannung zwischen Arm und Reich wachse, sei „kein gutes Land für die Bürger“.
Die Freude lässt sich der Liedermacher jedoch nicht nehmen. Das ist auch der Kern seines Programms - nicht nur schimpfen und resignieren, sondern singen. Ein Widerspruch, der Stephan Krawczyk auszeichnet: Als wacher Beobachter benennt er Missstände klar und verschreibt sich trotzdem oder gerade deshalb der Lebensfreude.
Von Brecht bis Ringelnatz – Stephan Krawczyk plädiert für Lebensfreude: 17. September 2026, Museum Petersberg, Alte Hallesche Str. 28, 06193 Petersberg.
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