Streichert-Clivot verteidigt sich: Beifall von Lehrerverbänden für CDU-Kritik an Inklusion im Saarland
Streichert-Clivot verteidigt sich Beifall von Lehrerverbänden für CDU-Kritik an Inklusion im Saarland
Saarbrücken · Das Urteil der CDU, die schulische Inklusion im Saarland sei gescheitert, weist die Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot zurück. Lehrerverbände freuen sich hingegen, dass die Probleme der inklusiven Bildung öffentlich gemacht wurden.
06.08.2026 , 20:14 Uhr
Lehrerverbände im Saarland freuen sich, dass die CDU eine Debatte über die Probleme der inklusiven Bildung öffentlich angestoßen hat.
Foto: Holger Hollemann/dpa/Holger Hollemann
„Schön, dass die CDU die Inklusion entdeckt“, sagt die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) mit dünnem Lächeln beim Pressegespräch am Donnerstag. Die Bemerkung zielt auf die scharfe öffentliche Kritik der CDU-Landtagsfraktion an der Umsetzung von Inklusion im Klassenzimmer, also des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung in Regelschulen (wir berichteten). Diese Inklusion finde im Saarland nur auf dem Papier statt, so die CDU. Inklusive Bildung werde seit Jahren ausgeweitet, ohne die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Das Urteil der CDU, die schulische Inklusion der Landesregierung sei gescheitert, weist die Ministerin deutlich zurück. Das verkenne, „dass hier in den letzten zehn Jahren gute Arbeit geleistet wurde“. Die CDU solle nicht „das Regelschul- und Förderschulsystem gegeneinander ausspielen“, so Streichert-Clivot. Die Datensammlung, die die CDU als Basis ihrer Analyse präsentiert hat, zieht sie allerdings nicht in Zweifel. Schließlich sind diese Zahlen zu Inklusion und Förderschulen das Ergebnis von mehr als 100 parlamentarischen Anfragen, beantwortet von der Landesregierung. Ein Beispiel für den eklatanten Personalmangel an inklusiven Schulen im Saarland: Nach den Berechnungen der Partei ist ein Förderschullehrer im Schnitt nicht einmal drei Stunden pro Woche in einer Klasse im Einsatz. „In den Regelschulen kommt sonderpädagogische Förderung, also Unterstützung durch speziell ausgebildete Förderschullehrkräfte, nicht verlässlich beim einzelnen Kind an“, sagte dazu CDU-Bildungsexperte Frank Wagner.
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Foto: AFP/GREG BAKER
Nur darauf zu schauen, wie viele Förderschullehrkräfte etwa in Regelschulen eingesetzt werden, werde dem Thema Inklusion nicht gerecht, hält die Bildungsministerin dagegen. Sie verweist auf die knappe Ressource der Förderschullehrer, weshalb man im Land auch auf Quereinsteiger setzt, auf steigende Schülerzahlen und zugleich „komplexere Förderbedarfe“ beim einzelnen Schüler. Förderschullehrer verfügten zudem nicht „in allen Fragen von Behinderung“ über eine Expertise.
Ein weiterer Kritikpunkt der CDU-Analyse betrifft die „fehlende Transparenz“: „Der sonderpädagogische Förderbedarf wird bei Kindern, die inklusiv an einer Regelschule unterrichtet werden, nicht mehr verbindlich festgestellt. Es gibt keine klare Diagnostik mehr“, beklagte die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Jutta Schmitt-Lang. Wer aber Förderbedarfe nicht verbindlich feststelle, verschleiere das tatsächliche Ausmaß notwendiger Unterstützung. So könne man die Ressourcen nicht sinnvoll steuern, sagte Schmitt-Lang. Auch diesem Vorwurf, die Landesregierung stochere hier im Nebel, widerspricht Streichert-Clivot: „Die Schulen sind angehalten, für Diagnostik und Begleitung Sorge zu tragen.“
Lehrerverband hält Debatte über Inklusion in der Schule für überfällig
Der Verband Reale Bildung (VRB) im Saarland freut sich – anders als die Ministerin ganz ohne Ironie – darüber, dass die CDU die aktuelle Situation schulischer Inklusion aufgreift und „mit ihrem 5-Punkte-Plan eine Debatte über die zukünftige Ausgestaltung der inklusiven Bildung im Saarland anstößt“. Der Interessenverband der Gemeinschaftsschul- und Förderschullehrer fordert unter anderem „verbindliche personelle und organisatorische Rahmenbedingungen“. Die knappen personellen Ressourcen müssten anders verteilt werden, sie sollten sich „am tatsächlichen Bedarf der Schülerinnen und Schüler orientieren“, so der Verband.
Er unterstütze „den von der CDU Saar formulierten Grundsatz: ,So viel gemeinsame Beschulung wie möglich – so viel spezialisierte Förderung wie nötig‘“. Auch der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) weist darauf hin, dass die von der CDU offengelegten Zahlen bestätigten, worauf der SLLV seit Jahren hinweise. Die Erwartung des Verbandsvorsitzenden Dominik Schwer an die Politik: „Wir wollen keinen ideologischen Diskurs darüber, ob Inklusion funktioniert oder nicht. Wir brauchen endlich Rahmenbedingungen, unter denen sie funktionieren kann. Die Zahlen zeigen den Handlungsbedarf. Jetzt braucht das Saarland einen langfristigen, wissenschaftlich fundierten und parteiübergreifend getragenen Plan, der bei der frühen Förderung beginnt und bis zum Schulabschluss reicht.“