Sudan: Wenn die Drohne ins Klassenzimmer einschlägt
Völlig zerstörte Häuser und Geröllhaufen, wo einmal eine Schule stand: Das zeigen Videos des sudanesischen Investigativ-Journalistenteam 3Ayin aus der Stadt Al-Obeid im Sudan. Märkte, Stromnetze, Transformatoren, Wasseraufbereitungsanlagen, Krankenhäuser - die jüngsten Drohnenangriffe der paramilitärischen Miliz RSF (Schnelle Eingreiftruppe) auf die Hauptstadt der Provinz Nord-Kordofan haben enorme Schäden an der zivilen Infrastruktur angerichtet.
Dies habe mittlerweile schwere Folgen für das Überleben der Bevölkerung, so Ahmed Awad. Er stammt gebürtig aus Al-Obeid und ist dort Projektleiter der Kinderrechtsorganisation "Plan International", die in Kordofan seit 30 Jahren tätig ist.
Die Stadt mit rund einer halben Million Einwohner und mehreren hunderttausend Binnenvertriebenen befinde sich in einem Belagerungszustand, sagt er: "Es herrscht Mangel an Medikamenten und Lebensmitteln. Sauberes Trinkwasser ist knapp, sodass die Vertriebenen an der einzigen noch verbliebenen Wasserstelle lange Schlange stehen müssen", so Awad. Meist seien es Kinder und Jugendliche, die zum Wasserholen geschickt werden. "Manchmal verbringen sie den ganzen Tag damit, einen einzigen Liter Wasser für zwei oder drei Tage zu bekommen", sagt er.
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Die meisten Kinder wagen es derzeit ohnehin nicht, in die Schule zu gehen - selbst wenn diese noch offen seien. Der Grund, so Awad: "Bei einem Drohnenangriff auf eine Grundschule kamen jüngst drei Kinder ums Leben", berichtet er. Dies führt zu tiefen Traumata bei Kindern, die nun Angst haben, die Schule zu besuchen.
"Eine Mutter sagte zu mir, drei ihrer Kinder könnten jetzt nicht mehr schlafen, weil sie ständig Angst hätten, dass wieder etwas passiert", berichtet Awad. Denn wenn sie in ihren Klassenzimmern sitzen, müssen sie ständig damit rechnen, dass jederzeit eine Drohne einschlagen kann. Deshalb bemühen sich Awads Mitarbeiter von Plan International den betroffenen Kindern psychologische Hilfe zu geben.
Drehkreuz mitten in der Wüste
Al-Obeid ist ein strategisch wichtiger Ort: ein Drehkreuz und Handelsumschlagsplatz inmitten der Wüste auf der einzigen Verkehrsachse zwischen Sudans Hauptstadt Khartum, die von Sudans Armee (SAF) kontrolliert wird, und der westlichen Darfur-Regionen, die in weiten Teilen unter Kontrolle der paramilitärischen Miliz RSF liegen. Mehrfach wurde die Stadt seit Kriegsbeginn 2023 von der RSF erobert und von der Armee und deren verbündeten Milizen zurückgewonnen.
Seit sich die Kampfhandlungen zu Beginn des Jahres von Darfur in die benachbarte Region Kordofan verlagert hat, liegt Al-Obeid an der Frontlinie. Derzeit ist die Stadt unter SAF-Kontrolle, rund 13.000 Soldaten sind dort stationiert. Die RSF-Miliz hat rund 30 Kilometer jenseits der Stadtgrenze Truppen zusammengezogen - und bombardiert nun mittels Drohnen auch die zivile Infrastruktur.
Analysten, Hilfswerke und die Vereinten Nationen fürchten, dass die RSF-Truppen die strategisch wichtige Stadt demnächst einnehmen könnten. Ein ähnliches Szenario geschah Ende Oktober, als die RSF die Stadt Al-Faschir in der benachbarten Region Nord-Darfur nach 18 Monaten Belagerung bombardiert und letztlich gestürmt hatte. Eine Ermittlergruppedes UN-Menschenrechtsrats in Genf kam nach ihren Untersuchungen zum Schluss, dass die Gräueltaten, die bei der Stürmung von Al-Faschir begangen wurden, "Merkmale eines Völkermordes" aufweisen.
"Wir warnen davor, das eine Eskalation der Lage dazu führen kann, dass sich die grausamen Menschenrechtsverbrechen und Übergriffe auf die Bevölkerung, die wir in Al-Faschir dokumentiert haben, nun wiederholen können", heißt es in einem gemeinsamen Aufruf von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen.
Kinder als menschliche Schutzschilde
Adam Mousa Eshag ist Direktor der sudanesischen Organisation Darfur Victims Support Organisation (DVS) mit Sitz in Ugandas Hauptstadt Kampala. Er hat den Aufruf verfasst und veröffentlicht, denn er recherchiert derzeit die Lage in Al-Obeid und ist täglich mit Menschen vor Ort in Kontakt.
Auch mit Soldaten der Armee hat er telefoniert und erklärt: Dass nun Universitäten und Schulen gezielt ins Visier geraten, läge daran, dass die in Al-Obeid stationierten SAF-Truppen sich in den Klassenzimmern einquartiert haben: "Sie nutzen die Bevölkerung als humanitäre Schutzschilde", so Eshag. Dies verstoße klar gegen das Völkerrecht.
Die Lage sei besonders schlimm für die Kinder, die in Al-Obeid eingezingelt sind, so Francesco Lanino, Vize-Landesdirektor des Kinderhilfswerks Save the Children in Sudan. Drohnenangriffe aus Schulen und Vertriebenenlagern führen zu schwerwiegenden Traumata.
Lanino berichtet von seinem jüngsten Besuch im Vertriebenenlager Tawila nahe der Stadt Al-Faschir in Darfur, die im Oktober von der RSF eingenommen wurde. "Wir trafen mehrere Kinder, die sich danach weigerten zu sprechen", so Lanino: Es falle ihnen schwer zu verstehen, warum all das geschieht. Lanino sorgt sich um die Zukunft, so sagt er: "Wenn diese Traumata nicht aufgearbeitet werden, könnten sie Rache üben, denn all dieser Stress, all dieses Traumata - könnten sich in einer neuen Welle von Gewalt entladen."