Technikgeschichte erleben: Unterwegs auf dem Kamenzer Wasserweg
Technikgeschichte erleben
Wenn Wasser Geschichte macht: Unterwegs auf dem Kamenzer Wasserweg
Stand: 22.08.2026 12:00 Uhr
Einmal am Rädchen drehen und schon beginnt es zu knallen: Der hydraulische Widder bei Lückersdorf pumpt noch heute Wasser, ganz ohne Strom. Er ist eines von vielen historischen Relikten entlang des Kamenzer Wasserwegs. Wer diesen besonderen Rundwanderweg geht, kommt an alten Pumpanlagen, Brunnen und unterirdischen Wasserstollen vorbei. Und entdeckt dabei Geschichten, die zeigen wie bedeutend Wasser für Kamenz schon immer war.
von Leon Klein, MDR SACHSEN
Will Alexander Käppler die Aufmerksamkeit der Besucher des Kamenzer Wasserwegs, muss er nur an einem Rädchen drehen. Denn dann erwacht der "hydraulische Widder" mit lautem und rhythmischem Knallen zum Leben. Die mehr als 100 Jahre alte Wasserpumpe funktioniert noch immer.
Für Käppler, der nicht nur Mitarbeiter des Energie- und Wasserversorgungsunternehmens "Ewag Kamenz" ist, sondern auch Mitglied des städtischen Geschichtsvereins, ist genau das der Reiz: Einfache Technik, die erstaunlich zuverlässig arbeitet.
Der Wasserwanderweg führt vom Kamenzer Stadtzentrum über den Hutberg und durch das Wasserschutzgebiet zurück in die Stadt.
Das Prinzip klingt kompliziert, ist aber eigentlich ziemlich clever: Wasser aus den Quellen bei Lückersdorf läuft mit einem Gefälle von rund vier Metern zum Widder. Dort arbeiten zwei Ventile zusammen. Die Energie des herabströmenden Wassers wird genutzt, um Wasser in einen sogenannten Windkessel zu drücken. Darin wird Luft zusammengedrückt und die presst das Wasser schließlich weiter nach oben.
Der Widder gibt den Anstoß
Gebaut wurde die Anlage 1905. Heute wird sie nur noch zu Demonstrationszwecken betrieben. Damals aber hatte sie eine wichtige Aufgabe: Der Widder beförderte Trinkwasser aus dem Tal in das 17 Meter höher gelegene Kamenz. Damit war er essenziell für die Wasserversorgung der Stadt.
1920 wurde die Anlage durch eine elektrische Pumpe ersetzt und dem Verfall überlassen. Bis Alexander Käppler 1998 in alten Unterlagen der "Ewag" eine Urkunde von 1979 entdeckte, die einen "hydraulischen Widder" als "technisches Denkmal" auszeichnete.
"Dann war das Interesse natürlich geweckt", erzählt Käppler, "denn natürlich wusste niemand von uns, was ein hydraulischer Widder ist!" Käppler und einige Kollegen, recherchierten ein wenig und waren von der technischen Raffinesse der historischen Pumpe fasziniert. Sie überzeugten die Geschäftsleitung der "Ewag", den Widder zu sanieren. 2005 wurde er zum 100. Jahrestag seiner Erbauung wiedereröffnet.
Die Entdeckung dieser Urkunde, schenkte dem "Hydraulischen Widder" ein neues Leben.
Weil die Anlage allerdings weit außerhalb der Stadt liegt, kam Käppler eine Idee: Warum nicht mehrere historische Orte der Kamenzer Wasserversorgung miteinander verbinden? So entstand der "Themenwanderweg Wasser".
Heute führt der rund acht Kilometer lange Rundweg vom Kamenzer Stadtzentrum über den Hutberg und durch das Wasserschutzgebiet zurück in die Stadt.
Liebesbrunnen und Leichenwasser
Eines der spannendsten Ziele liegt unter der Erde, an der Kamenzer Stadtgärtnerei: Der "Trippelsborn", ein historischer Wasserstollen. Wasser aus den Lückersdorfer Quellen versickerte hier im Boden und sammelte sich in einer unterirdischen Senke. Von dort wurde es als öffentliche Wasserstelle genutzt.
Um die Jahrhundertwende war der Trippelsborn eine der wichtigsten Wasserstellen im oberen Kamenz. Und offenbar auch ein beliebter Treffpunkt: Hier sollen sich sogar Liebespaare kennengelernt haben.
Der "Trippelsborn" unter der Stadtgärtnerei – auch diesen historischen Wasserspeicher, rückt der Themenwanderweg wieder ins Rampenlicht.
Später wurde der Stollen mit einem Brunnen in der Stadt verbunden. Das sorgte allerdings für Ärger. Denn die Wasserleitung verlief unter dem Friedhof. Zynische Bewohner sprachen von "Leichenwasser". Als in Kamenz eine Ruhr-Epidemie ausbrach, glaubte man sogar das Wasser aus dem Trippelsborn sei die Ursache gewesen. Doch eine Untersuchung durch Apotheker zeigte: Das vermeintliche "Leichenwasser" war unschuldig.
Mit solchen Erzählungen, bringt Käppler die Besucher zum Lachen und zum Staunen. Der "Geschichtslehrer", wie ihn die Kollegen bei der "Ewag" liebevoll nennen, will aber nicht nur unterhalten. Er möchte zeigen, wie aufwendig es früher war, an sauberes Wasser zu kommen und damit auch den Blick auf unseren heutigen Umgang mit der lebenswichtigen Ressource schärfen.
Wandern, staunen und Wasser verstehen
Wer den Wasserweg selbst erkunden möchte, kann einfach loslaufen. An den Stationen informieren QR-Codes über die Geschichte. Eine passende Broschüre gibt es im Fremdenverkehrsbüro der Stadt Kamenz.
25 Stationen gibt es entlang des Wasserwanderwegs.
Wer lieber mit Käppler unterwegs sein möchte, kann bei der "Ewag" oder über die Website des Kamenzer Geschichtsvereins, eine geführte Tour buchen. Für zehn Euro pro Person gibt es historische Anekdoten, technische Demonstrationen und jede Menge Geschichten rund ums Wasser. Für Schulklassen sind die Führungen kostenlos.
MDR (cko)
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