Stadt in Hessen vergisst, historische Statue 23 Jahre lang abzuholen


Stand: 22.08.2026, 12:00 Uhr

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Darmstadt. 18.08.2026. „Germania-Figur“,  die  historische Plastik lagerte „vergessen“ imSteinmetzunternehmen Ruth Andres in Arheilgen nachdem, im Auftrag der Stadt, eine Replik angefertigt worden war.TAGESHONORAREinwilligung (nach DS-GVO) liegt nur muendlich vor.Veroeffentlichung nur zur aktuellen Berichterstattung, unter Beachtung des Medienprivilegs.Vereinbarung ueber Abtretung von Persoenlichkeitsrechten der abgebildeten Person(en), Model / Product Release liegt nicht vor. Foto: Renate Hoyer,  60316 Frankfurt.

Das Original der „Germania“ steht seit 23 Jahren in einer Steinmetzwerkstatt in Darmstadt. © Renate Hoyer

Eine Steinmetzwerkstatt in Darmstadt-Arheilgen hat 2003 die historische Germania-Skulptur restauriert und seitdem auf Abholung gewartet. Statt Dankbarkeit zu zeigen, droht die Stadt jetzt mit gerichtlichen Schritten.

Darmstadt – Ruth Andres und ihr Kollege Andreas Heimbrock sind sauer: Seit 23 Jahren steht die historische Germania-Figur in ihrer Steinmetz-, Bildhauer- und Restaurierungswerkstatt in Darmstadt-Arheilgen und wartet auf die Abholung durch die Stadt. Doch nun will man dort nichts von Kosten für die Einlagerung wissen und droht dem Unternehmen im Gegenzug mit rechtlichen Schritten.

Wie konnte es dazu kommen?

Die 1,62 Meter hohe Skulptur der „Germania“ wurde 1899 in Eberstadt zum Gedenken an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 aufgestellt. Die Frauenfigur mit Harnisch und Lorbeerkranz trägt ein Schwert, das nicht gezogen ist. Hergestellt wurde sie von der Kunstanstalt Geislingen als Galvano-Plastik. Das heißt, sie besteht aus einem Gipskern, der hauchdünn mit einem kupferähnlichen Metall überzogen ist. „Bei kleinsten Rissen dringt Feuchtigkeit ein und der Gips quillt auf“, erklärt Heimbrock bei einem Besuch der Frankfurter Rundschau in der Werkstatt.

Darmstadt wollte historische Germania-Skulptur im Jahr 2003 ausbessern lassen

Die Stadt hatte deshalb 2003 den Steinmetzbetrieb beauftragt, die Figur auszubessern, damit dann eine andere Firma einen Bronzeabguss anfertigen kann.

Die Vorarbeiten am Original leisteten Andres und Heimbrock. „Zum Beispiel war das Schwert nicht mehr in Gänze vorhanden, und wir mussten es nachbilden“, erklärt Steinmetzmeisterin Andres. Außerdem habe man einen neuen Sockel angefertigt, denn die Stadt habe die Idee gehabt, die Original–Germania im Rathaus Eberstadt – im Trockenen – aufzustellen, während die Kopie an den ursprünglichen Standort, Seeheimer Straße/Ecke Heidelberger Landstraße, ging. Die Rechnung für die Restaurierung sei noch beglichen worden. Doch dann habe man nichts mehr gehört, sagt Andres. Weder wurde der Sockel noch die Originalfigur abgeholt. „Wir haben die Skulptur mit einem Tuch abgedeckt und in unserer Werkstatt stehen lassen.“ Erst im Juli 2025 habe sie einen Anruf vom Denkmalamt bekommen, da im Rahmen der Überarbeitung der Homepage der Verbleib des Originals recherchiert werden sollte. „Wir haben uns sehr gefreut, dass die Figur nun endlich nicht mehr den Platz in der Werkstatt wegnehmen wird – und um baldige Abholung, sowie Begleichung der Rechnung für die 23-jährige Einlagerung, gebeten“, berichtet Andres.

Erst 2025 erinnert man sich an die echte Germania

Tatsächlich war 2025 ein besonderes Jahr. Bei Restaurierungsarbeiten am Sockel der kopierten Germania, die auf dem historischen Sockel stand, wurde eine Zeitkapsel in Form einer Blechkassette gefunden. „Diese enthielt die Urkunde von der Grundsteinlegung des Kriegerdenkmals und eine Seite des Eberstädter Anzeigers vom 18. Juni 1899“, ist auf der städtischen Webseite nachzulesen. Die Originaldokumente kamen ins Stadtarchiv, die Zeitkapsel wurde mit Kopien der Originale und ergänzt um zeitgenössische Informationen, am 20. Juni 2025 wieder in den restaurierten Sockel eingemauert.

Die echte Germania blieb indes weiterhin in der Steinmetzwerkstatt. „Seit einem Jahr versuche ich nun, zu erreichen, dass die Figur abgeholt und die Rechnung bezahlt wird“, sagt Andres. Sie verlange 2.200 Euro für 23 Jahre Einlagerung. Das liege weit unter den üblichen Preisen für die Aufbewahrung solch empfindlicher Gegenstände. Bei der Stadt zeigte man sich inzwischen zwar bemüht, die Figur abzuholen, doch von einer Übernahme der Kosten will man nichts wissen. In dem sich entsponnenen Mail-Verkehr zwischen Andres und dem Kulturamt, der der FR vorliegt, schreibt eine Verwaltungsmitarbeiterin: „Zum Thema Rechnung kann ich Ihnen nichts sagen, hier liegen mir keine Informationen vor.“

Die Krönung ist jedoch: Nach wochenlangem Hin und Her meldete sich an einem Mittwochabend vor zwei Wochen das städtische Kulturamt per Mail und kündigte an, man werde die Figur am folgenden Freitag um 8 Uhr abholen.

Stadt droht mit juristischen Schritten

„Der Termin wurde festgesetzt, ohne ein Wort über unsere Rechnung, oder den Sockel, den wir gemacht haben, ohne Abstimmung darüber, wie man die 600 Kilogramm schwere Figur transportieren will“, ärgert sich Andres. Die Werkstatt befindet sich an einem engen, zugewachsenen Schotterweg. Der Transport werde nicht einfach, sagt Heimbrock. Aus diesen Gründen lehnten die beiden die Ad-hoc-Abholung ab.

Nun fordert die Stadt, dass Andres innerhalb der nächsten zwei Wochen zwei Termine zur Abholung anbietet. Sollte sie „die Herausgabe der Figur weiterhin verweigern“, schreibt die Stadt, sehe man sich gezwungen, die Herausgabe gerichtlich durchzusetzen.

In ihrer Verzweiflung hat sich Andres an die Presse gewandt. „So“, sagt sie, „geht man nicht mit Menschen um.“ Sie erwarte nicht nur, dass die offene Rechnung beglichen werde, sondern auch ein bisschen Dankbarkeit. „Wir hätten die Figur auch im Freien stehen lassen können, dann wäre sie jetzt komplett zerfallen.“

Auf Anfrage der FR hieß es von der städtischen Pressestelle, man erbitte sich noch etwas Zeit und melde sich in der kommenden Woche zu dem Sachverhalt.

Entworfen wurde „Germania“ 1888 vom Bildhauer Adolf Jahn für einen Wettbewerb. Die Firma WMF (Württembergische Metallwarenfabrik Geislingen/Steige) übernahm sie in ihren Angebotskatalog. Heute steht sie noch in mehreren deutschen Städten in verschiedenen Größen.