Thorsten Frei: Spahns Nachfolger – bekommt er den Kanzler-Ärger der Union ab?


Wenn am Mittwoch aller Voraussicht nach Thorsten Frei zum Chef der Unionsfraktion gewählt wird, ist das erste Puzzleteil offiziell wieder eingesetzt. Nach der beispiellosen Kettenreaktion von Personalentscheidungen, die Jens Spahns Rücktritt vor eineinhalb Wochen ausgelöst hat, geht die Koalition damit wieder einen Schritt zurück in Richtung Normalbetrieb.  

Und für den Südbadener Frei dürfte damit auch ein Wunsch in Erfüllung gehen. Frei ist Herzblut-Parlamentarier, die Arbeit im Bundestag hat seine politische Vita geprägt. Unter den Abgeordneten ist der freundliche 52-Jährige beliebt, schon nach der Bundestagswahl 2025 erschien er vielen als der natürliche Favorit für den Fraktionsvorsitz.

Es könnte also alles gut sein. Doch was als Neustart geplant war, wird überschattet vom Ärger, der sich in der CDU in den vergangenen Tagen aufgebaut hat.  

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In der Partei ist die Wut über die Art, wie Bundeskanzler Friedrich Merz seine Mannschaft neu sortiert hat, groß. In Rheinland-Pfalz, dem Heimatverband des im Urlaub entlassenen Verkehrsministers Patrick Schnieder, ist man so verschnupft, dass die Mitglieder der Landtagsfraktion von sich aus einen geplanten Termin mit Merz im September absagten. In Ostdeutschland rätselt man, was den Kanzler bewogen haben könnte, mit Gesundheitsstaatssekretär Tino Sorge wenige Wochen vor der dortigen Landtagswahl ausgerechnet einen Gesundheitsfachmann aus Sachsen-Anhalt kaltzustellen.

Für Frei wäre es nicht das erste Mal, dass Ärger über Merz ihn trifft

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) schimpfte am Dienstag öffentlich über die Verschiebung der sächsischen CDU-Politikerin Christiane Schenderlein aus dem Kanzleramt ins Gesundheitsministerium, wo sie an Sorges Stelle treten soll. Und in den Landesverbänden, die nicht direkt durch die Brüskierung von eigenen Leuten betroffen sind, ist man genervt und besorgt, dass dem Parteichef und Kanzler eine Kabinettsumbildung so vollständig entglitten ist.

Die Stimmung in der Fraktion sei jedenfalls „gefährlich“, sagt ein Abgeordneter. Nicht auszuschließen, dass das das Wahlergebnis des neuen Fraktionschefs nach unten zieht. Wird Frei also zum Sündenbock, der abbüßen muss, was der Kanzler falsch gemacht hat?

Für ihn wäre es nicht das erste Mal, dass er Ärger aushalten muss, den er selbst nicht verursacht hat. Freis Amtsführung als Kanzleramtsminister war aus der eigenen Partei heraus immer wieder kritisiert worden. Doch nur ein Teil dieser Kritik, sagen Parteifreunde, hatte mit tatsächlichen Fehlern seinerseits zu tun. An anderen Stellen war das Schimpfen über den Kanzleramtschef vor allem ein umgeleitetes Schimpfen über den Kanzler.

Alexander Hoffmann, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag und seit Jens Spahns Rücktritt Interimsvorsitzender der Fraktion, gab sich am Dienstag optimistisch. Die Fraktion habe großes Vertrauen in Frei, sagte er, die CSU sei deshalb „sehr zuversichtlich“, dass es ein starkes Ergebnis für ihn geben werde. Er sagte aber auch: „Wir arbeiten daran, dass Thorsten Frei morgen ein gutes Ergebnis bekommt.“ Was so viel heißt wie: Sichergestellt ist das noch nicht.

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Was gegen eine Stellvertreter-Klatsche für Frei spricht: Die Abgeordneten wollen einen starken Fraktionschef, einen, der ihre Interessen auch gegenüber der Regierung vertreten kann. Das wird für Frei einfacher, je mehr sichtbaren Rückhalt er in der Fraktion hat.

Neben der Wahl zum Fraktionschef gibt es noch ein weiteres Ventil für die Wut

Unter Jens Spahn hatte sich die Fraktion zu einem selbstbewussten Machtzentrum innerhalb der Koalition aufgeschwungen, hatte wiederholt – gemeinsam mit den Parlamentariern der SPD – die Kohlen aus dem Feuer geholt, wenn es im Kabinett nicht gelungen war, grundlegende Konflikte beizulegen und Gesetzentwürfe mit offenen Fragen ins Parlament gereicht worden waren. Auch von Frei erwarten die Parlamentarier, dass er Kanzleramt und Regierung gegenüber selbstbewusst die Position der Fraktion vertritt.

Und noch etwas könnte dafür sorgen, dass der größte Unmut sich nicht an Frei entlädt: Nach der Wahl des neuen Fraktionschefs steht auf der Tagesordnung noch eine Aussprache. Auch die könnte zum Ventil werden für vieles, was sich in der Union in den vergangenen Tagen angestaut hat.

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Die Latte für einen erfolgreichen Einstand des neuen Fraktionsvorsitzenden liegt einigermaßen hoch. Jens Spahn hatte 2025 bei seiner ersten Wahl zum Fraktionschef 91,3 Prozent der Stimmen bekommen, wiedergewählt wurde er im Frühjahr dieses Jahres mit immerhin noch 86,5 Prozent. Sollte die Zustimmung zu Frei am Mittwoch deutlich unterhalb dieser Marke liegen, würde das seinen Start im neuen Amt erschweren.

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Keine neue Kritik – aber auch niemand, der Merz verteidigt

Dabei braucht die Koalition gerade jetzt einen Fraktionschef, der die Abgeordneten zuverlässig hinter sich versammeln kann. Die Umsetzung der Ergebnisse der Rentenkommission, die weiterhin anstehenden Reformen im Gesundheitssystem: Für Union und SPD stehen im Herbst große, komplexe Gesetzesvorhaben an. Bei gerade einmal zwölf Stimmen Mehrheit im Parlament kann jede Verletzung, die das Agieren des Kanzlers bei seinem Personalumbau verursacht hat, später zum echten Problem werden. Allein die Landesgruppe Rheinland-Pfalz der CDU etwa hat elf Abgeordnete.

Neue Kritik am Bundeskanzler blieb am Dienstag – jenseits der Wortmeldung von Sachsens Ministerpräsident Kretschmer – weitgehend aus. Nur: Parteifreunde, die Merz verteidigen würden, waren auch nicht zu hören.