Tobias Krell über Social Media für Jugendliche: „Wir brauchen Bildung statt Verbote“


Stand: 29.08.2026, 07:30 Uhr

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"Schule ohne Smartphone - Das Experiment mit Tobi Krell" - Für das TV-Experiment "Schule ohne Smartphone" sperrte Tobias Krell die Smartphones von rund 100 Kindern und Jugendlichen und auch sein eigenes für 22 Tage lang weg. Über die Erfahrung spricht der 40-Jährige im Interview.

"Schule ohne Smartphone - Das Experiment mit Tobi Krell" - Für das TV-Experiment "Schule ohne Smartphone" sperrte Tobias Krell die Smartphones von rund 100 Kindern und Jugendlichen und auch sein eigenes für 22 Tage lang weg. Über die Erfahrung spricht der 40-Jährige im Interview. © SWR/Thomas Spitschka

Für ein TV-Experiment des SWR gab „Checker Tobi“ Tobias Krell gemeinsam mit rund 100 Kindern und Jugendlichen für 22 Tage sein Smartphone ab. Welche Lehren er aus der handyfreien Zeit für sich gezogen hat, verrät der 40-Jährige im Interview.

Es ist ein durchaus beeindruckendes Experiment, auf das sich Tobias Krell für eine vom SWR produzierte TV-Dokumentation einlässt: Unter dem Motto „Schule ohne Smartphone“ gibt der als „Checker Tobi“ aus dem Kinderkanal KiKA bekannte Moderator für 22 Tage sein Smartphone ab - ebenso wie die rund 100 Kinder und Jugendlichen einer Schule in Rheinland-Pfalz. Wie werden die jungen Menschen ohne ihre selbstverständlichen technischen Begleiter im Alltag zurechtkommen? Und welchen Effekt hat der Handy-Entzug auf ihren Schlaf und ihre Konzentrationsfähigkeit? Die dreiteilige Doku „Schule ohne Smartphone - Das Experiment mit Tobi Krell“ von Antonia Simm ist ab Dienstag, 1. September, in der ARD Mediathek abrufbar. Den ersten Teil zeigt das Erste am Montag, 7. September, um 23.35 Uhr, linear. Im Interview spricht Krell über seine persönlichen Erfahrungen durch das Experiment: Was hat ihn während der drei Wochen ohne Handy am meisten genervt? Und was hat er weniger vermisst, als anfangs gedacht? Auch erklärt der Vater eines kleinen Kindes, warum er die Frage, ob ein Social-Media-Verbot eingeführt werden sollte, nicht so einfach beantworten kann, und was er sich stattdessen von der Politik für die Kinder und Jugendlichen wünscht.

"Schule ohne Smartphone - Das Experiment mit Tobi Krell" - Bereit für das Experiment: Tobi Krell (vordere Reihe, Mitte) zwischen den rund 100 teilnehmenden Kindern und Jugendlichen.

„Schule ohne Smartphone - Das Experiment mit Tobi Krell“ - Bereit für das Experiment: Tobi Krell (vordere Reihe, Mitte) zwischen den rund 100 teilnehmenden Kindern und Jugendlichen. © SWR/Thomas Spitschka

teleschau: Es ist gerade acht Uhr morgens. Wie oft haben Sie heute schon aufs Handy geschaut?

Tobias Krell: (lacht) Gute Frage. Wirklich in die Hand genommen und aktiviert sicherlich achtmal. Ich bin allerdings auch schon seit 5.30 Uhr wach. Ich bin aufgestanden, um zu arbeiten. Insofern ist das jetzt nicht die Regel. Normalerweise bekomme ich es ganz gut hin, auch mal nicht drauf zu schauen. Das Handy liegt bei mir auch nicht im Schlafzimmer, sondern auf dem Schreibtisch. Das ist eine meiner kleinen Taktiken, um es eben nicht als ersten Griff am Morgen in die Hand zu nehmen.

teleschau: Wie viele Stunden hängen Sie durchschnittlich pro Tag am Handy?

Krell: Lustigerweise habe ich das gestern Abend erst nachgeguckt: Ich bin im Moment bei einem, wie ich finde, guten Tagesdurchschnitt von zwei Stunden und neun Minuten.

teleschau: Das ist ja vergleichsweise moderat ...

Krell: Ja, das hat auch viel damit zu tun, dass ich nach dem Experiment eine Sperrzeit von 20 Minuten für Instagram eingesetzt habe. Das Handy erinnert mich dann daran und ich bin im Moment auch sehr gut darin, das dann auch zu akzeptieren und nicht die Option „Limit ignorieren“ zu wählen.

„Am nervigsten fand ich, dass der Kontakt mit meiner Familie gefehlt hat“

teleschau: Wie hat sich Ihr Handykonsum darüber hinaus seit dem Experiment verändert?

Krell: Was ich nicht ändern kann ist, dass ich, wenn ich unterwegs bin, regelmäßig meine Arbeitsmails checke. Aber was ich nicht mehr mache, ist, mich selbst in irgendwelchen Social-Media-Apps zu verlieren, bei mir ist das vor allem Instagram. Denn ich hab gemerkt, wie gut es mir getan hat, als ich das während des Experiments nicht hatte. Daraus habe ich meine Konsequenzen gezogen und bin ganz froh, dass das relativ gut klappt.

teleschau: Für das Experiment haben Sie Ihr Handy 22 Tage lang abgegeben. Was fiel Ihnen in dieser Zeit am schwersten?

Krell: Am nervigsten fand ich, dass der Kontakt mit meiner Familie gefehlt hat. Wir haben ein kleines Kind, normalerweise bekomme ich tagsüber oft ein Foto von ihm zugeschickt, wenn ich nicht zu Hause bin. Oder meine Freundin schickt mir eine schnelle Sprachnachricht, um unseren Alltag zu organisieren. Auch der Kontakt zu meinen Freunden war ohne WhatsApp und so weiter in den 22 Tagen natürlich sehr reduziert. Ich hatte zwar ein Tastenhandy als Ersatz zum Telefonieren, aber das ist natürlich ganz was anderes.

teleschau: Was haben Sie weniger vermisst, als Sie anfangs gedacht hätten?

Krell: Social Media. Wie oft ich das vor dem Experiment einfach genutzt habe, ohne drüber nachzudenken! Ich weiß nicht, ob Sie das auch kennen, aber manchmal nimmt man das Handy in die Hand und will eigentlich nur auf eine Nachricht antworten oder etwas nachgucken, und dann landet man doch auf Instagram. Obwohl ich die Instagram-App schon im hinterletzten Ordner auf der dritten Seite versteckt habe, erwische ich mich immer wieder beim Scrollen. Mich selbst bei diesem Automatismus zu beobachten, ist schon krass. Die Algorithmen machen das mit einem. Ich bin eine erwachsene Person, ich bin dafür selbst verantwortlich. Aber wenn wir von Kindern und Jugendlichen sprechen, ist das auf jeden Fall ein Riesenthema.

„In den ersten Tagen habe ich Phantom-Handyvibration in der Hosentasche gespürt“

teleschau: Was hat Sie im Zusammenhang mit dem Experiment am meisten überrascht - in Bezug auf sich oder in Bezug auf die Kinder und Jugendlichen?

Krell: Was mich selbst angeht würde ich sagen, dass ich eben gemerkt habe wie viel Automatismen da sind. Gerade in den ersten Tagen habe ich auch echt so Phantom-Handyvibration in der Hosentasche gespürt. Das ist schon krass, wie sehr dieses Gerät fast zu einer Art Körperteil geworden ist. Bei den Jugendlichen fand ich es wirklich erstaunlich, dass schon nach der ersten Nacht einfach alle gesagt haben, dass sie besser schlafen. Ich habe diese Jugendlichen, vor allem die zehn, die wir enger begleitet haben, ja erst während des Experiments getroffen. Ich habe sie als wahnsinnig tolle und offene Jugendliche kennengelernt. Vier Wochen nach dem Experiment kamen wir dann wieder an die Schule. Ich glaube, einige von ihnen hatten schon ihre Konsequenzen aus dem Experiment gezogen, trotzdem war es krass, zu sehen, wie viel müder sie an einem normalen Mittwochvormittag einfach waren. Weil sie dann eben doch bis ein Uhr nachts TikTok gucken und es auch gar nicht anders können - oder zumindest das Gefühl haben, dass sie nicht anders können. Sie haben auf jeden Fall keine richtige Kontrolle.

teleschau: Im Verlauf des Experiments feierte eine Teilnehmerin eine handyfreie Party „wie früher“. In welchen Situationen wünschen Sie sich manchmal in die vergleichsweise anaologe Zeit der 1990-er zurück?

Krell: Ich sehne mich gar nicht mal so sehr zurück. Dafür bin ich dann doch zu sehr ein medienschaffender und medienaffiner Mensch. Ich bin kein Kulturpessimist, der sagt: „Dieses Gerät soll einfach wieder verschwinden.“ Ich würde die damalige Zeit im Nachhinein niemals idealisieren. Aber umgekehrt muss ich schon sagen, dass ich froh bin, dass ich Teenager war in der Zeit vor Social Media. Diese Zeit der Unsicherheit, die die Pubertät ohnehin schon ist, ist für junge Menschen heute, glaub ich, einfach noch sehr viel komplexer und komplizierter als sie ohnehin schon immer war. Umso wichtiger finde ich, dass wir Jugendliche heutzutage noch viel besser in Medienkompetenz schulen, Lehrkräfte dafür ausbilden, Eltern für die Vorbildfunktion sensibilisieren. Das ist eine politische Steuerungsfrage, die bisher komplett verpasst wurde. Ich meine, wann hat Angela Merkel gesagt, Internet sei für uns alle Neuland?

„Ob ein Verbot am Ende die Lösung ist, daran zweifle ich“

teleschau: Das war 2013. Was halten Sie von dem Social-Media-Verbot, das gerade diskutiert wird?

Krell: Bei den Social-Media-Verboten tue ich mich ganz schwer, selbst eine klare Meinung dazu zu haben. Mehr als bei anderen politischen Themen fühle ich mich da ein bisschen wie ein Fähnchen im Wind, weil mich beide Argumentationsseiten immer wieder neu überzeugen. Ich finde, es braucht unbedingt eine Steuerung, so wie es auch Regeln für den Konsum von Alkohol oder anderen Themen gibt. Auf der anderen Seite habe ich jetzt mit den Jugendlichen viel darüber gesprochen. Sie halten Verbote für total falsch. Es gebe sowieso tausend Wege drumherum. Das leuchtet mir auch total ein. Vor allem bin ich der Meinung, dass es gar keinen Sinn ergibt, sich irgendwelche Gesetze für Jugendliche auszudenken, ohne mit ihnen darüber zu sprechen. Ich glaube, wir brauchen Steuerungsmechanismen. Wir brauchen Bildung statt Verbote. Und ich glaube, dass die EU eine richtig wichtige Rolle spielt. Sie geht ja bereits mit den Datenschutzverordnungen und den Regularien für die großen Konzerne, die fast alle in den USA sitzen, vorweg. Ich glaube, das darf noch viel stärker passieren. Aber ob ein Verbot am Ende die Lösung ist, daran zweifle ich.

teleschau: Wofür plädieren Sie stattdessen?

Krell: Ich glaube, dass wir mit einer Mischung aus einem Regelwerk für Schulen in Deutschland und mehr Medienbildung viel mehr gewinnen. Das haben wir auch während der Dreharbeiten gemerkt: Die Jugendlichen nahmen an einem Workshop teil und bekamen von einem Medienpädagogen genau erklärt, wie diese ganzen Mechanismen von Social Media und die Algorithmen funktionieren. Da fiel mir auf, dass viele von ihnen auf diesem Gebiet schon super fit sind. Ohne diesen Film hätte es aber auch diesen Workshop nicht gegeben. Dabei wäre gerade das total wichtig, dass man sich bildungspolitisch noch viel mehr dafür einsetzt. Wir haben zu allen möglichen Themen Expertengremien. Warum haben wir eigentlich keins zum Thema Digitalisierung und Jugend? Wahrscheinlich, weil auf die Themen Kindheit und Jugend in der Politik ohnehin nicht allzu viel Wert gelegt wird.

„Es ist wichtig, KI in den Schulen zu thematisieren und zu nutzen“

teleschau: Manche argumentieren, dass Medienbildung auch Aufgabe des Elternhauses sei ...

Krell: Total! Man kann an den Schulen noch so viel unternehmen, um die Kinder und Jugendlichen zu erreichen und zu bilden. Aber aufs Elternhaus können wir natürlich keinen Einfluss nehmen. Dabei ist das der allergrößte und allerwichtigste soziale Raum für junge Menschen. Deshalb ist es auch so wichtig, welche Vorbildfunktion die Eltern haben: Es gibt ja fast kein Gespräch mehr, während dem nicht irgendwer plötzlich sein Handy zückt, um irgendetwas nachzuschauen. Das ist natürlich legitim. Dafür sind die Geräte auch toll. Aber ein Maß zu finden und dieses auch vorzuleben, ist auch sehr wichtig.

teleschau: Ein großes Thema im Zusammenhang mit dem Umgang mit Social Media ist der Ausbau von KI. Was ist Ihre Haltung dazu? Machen Sie sich große Sorgen?

Krell: Auch da bin ich sehr unentschlossen. Ich mache mir weniger Sorgen, weil ich auch großes Potenzial sehe. Aber natürlich beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema: Erst kürzlich haben wir die Sendung „Checker Extra: Warum KI unser Leben verändert“ gedreht, die am Dienstag, 15. September, um 20 Uhr, im KiKA läuft. Ich habe das Gefühl, wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs. Und es ist total irre, dass ich das zwar weiß, aber das Ausmaß noch nicht verstanden habe, was das letztlich wirklich für die verschiedenen Lebensbereiche bedeutet. Auch da würde ich mir wünschen, dass unsere Politik vorweggeht, und zwar nicht immer mit Blick darauf, was wir selbst entwickeln, damit wir wirtschaftlich nicht abgehängt werden. Viel wichtiger ist es, dass wir uns rechtzeitig eine Steuerungsfunktion überlegen, wie man das reguliert.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Krell: Als ich vorhin ins Auto gestiegen bin, habe ich in den Nachrichten gehört, dass ChatGPT zeitnah Werbung schalten wird. Wenn uns ein Chatbot, von dem wir sowieso schon das Gefühl haben, dass er menschliche Züge hat, künftig auch noch Werbung präsentiert, dann verschwimmt unsere Wahrnehmung immer mehr. Die Auseinandersetzung mit diesem Problem sehe ich in der Politik noch nicht wirklich. Aber auch beim Thema KI ist das wichtigste: Bildung, Bildung, Bildung! Es ist wichtig, KI in den Schulen zu thematisieren und zu nutzen, die Lehrkräfte zu schulen. Denn man kann den Schülern nicht die KI überlassen, ohne selbst zu wissen, wie sie funktioniert.

„Älter werden hat mir immer Spaß gemacht“

teleschau: Vergangenes Jahr wurden Sie selbst Vater. Haben Sie sich schon überlegt, wie Sie Ihr Kind an die Medien heranführen wollen?

Krell: Nee, nicht so richtig. Ich versuche natürlich auch jetzt schon, obwohl das Kind noch sehr klein ist, ein Vorbild zu sein und das Handy selten in der Hand zu haben. Also wirklich wegzulegen und nicht nur in die Hosentasche zu stecken. Ich glaube, ich werde versuchen, mein Kind vorsichtig, aber trotzdem offen für alle Neugierde an das Thema heranzuführen. Aber dafür haben wir auch noch ein bisschen Zeit. Abschreckend finde ich zum Beispiel auch, wenn ich im Restaurant sitze und ein Kind sehe, das nur auf das Handy guckt. Sowas werde ich versuchen zu vermeiden.

teleschau: Dieses Jahr wurden Sie 40. Was bedeutet diese Zahl für Sie?

Krell: Nicht viel. Älter werden hat mir immer Spaß gemacht. Bevor ich 40 wurde, habe ich allerdings gemerkt, dass ich anders über meine letzten zehn Jahre nachgedacht habe, als ich das vor meinem 39. Geburtstag gemacht habe. Aber das war auch schön. Ich hatte schöne 30-er und freue mich nun auf die 40-er. (lacht)

teleschau: Fühlt man sich irgendwann mal zu alt für Kinderfernsehen?

Krell: Interessanterweise wird mir diese Frage schon seit zehn Jahren gestellt. Der Checker Tobi, der ich mit 26 war, bin ich jetzt sicher nicht mehr, weil ich in der Checkerbude nicht mehr übers Sofa hüpfe und allgemein nicht mehr wie ein Flummi bin. Damals war ich das, jetzt bin ich es nicht mehr. Solange ich nicht anfange, mich zu verstellen, und solange meine Neugier nicht gespielt ist, kann ich weiterhin Kinderfernsehen machen. Menschen wie Armin Maiwald oder Christoph Biemann von der „Sendung mit der Maus“ beweisen ja, dass man 20, 30, 40 Jahre lang Kinderfernsehen machen kann. Wenn man authentisch bleibt, dann funktioniert das auch. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)