Eine Haus als Ausstellung: Toni Wombacher gestaltet die Evangelische Akadmie Frankfurt


White Cube ist anders. Immerhin ist die Evangelische Akademie keine Kunsthalle und kein Museum. Also machen dort Tische, Stühle, Lesepulte, Screens und Whiteboards, Garderoben und Markierungen der Kunst den ihr gebührenden Rang schon einmal streitig. Und dann ist das zwischen Römer und Eisernem Steg gelegene Akademiegebäude auch noch vollständig verglast. Was zwar den Seminarteilnehmern in Augenblicken allzu großer Müdigkeit und Langeweile atemberaubende Ausblicke auf die Alte Nicolaikirche, auf den Dom und auf die Altstadt oder, Richtung Westen, auf die frisch renovierte Kirche Sankt Leonhard beschert, die sich ganz klein macht vor den Hochhäusern der Banken und Versicherungen.

Für die Kunst aber sind derlei Bedingungen im Allgemeinen wenig förderlich. Eine Herausforderung also, hier Kunst zu zeigen. Das kommt Toni Wombacher, die nun als zweite in Kooperation mit der Heussenstamm Stiftung berufene Jahreskünstlerin in der Akademie zu Gast ist, gerade recht. Dabei hat ihr die Entwicklung des Konzepts, vor allem die zahlreichen für den Betrieb des Tagungshauses notwendigen Auflagen, im vergangenen Jahr durchaus „zahlreiche schlaflose Nächte, Tage, Wochen“ bereitet. Arbeitet die Frankfurter Künstlerin doch stets raum- und kontextbezogen, reflektiert also architektonische Gegebenheiten ebenso wie die Erwartungen von Gästen und Besuchern oder, wie in diesem Fall, die Erfordernisse des Betriebs.

Das galt schon für Installationen wie „breeze“ im Kunstverein Familie Montez oder für „another kind of light“. Jene dezidiert malerische Arbeit, die sie vor drei Jahren für die Ausstellungshalle 1A entwickelt hat. Werke mithin, mit denen die vor zehn Jahren noch weitgehend unbekannte Wombacher vergleichsweise spät, aber nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht hat. Als Autodidaktin ist sie zur Kunst gelangt, erste Ausstellungen hat sie im mainfränkischen Raum gezeigt. Jetzt, in einem funktionalen Gebäude wie dem Glashaus der Akademie, sind die Herausforderungen aber völlig andere: Hier darf an einer Wand nichts hängen, dort muss der Zugang zur Technik und zum Aufzug frei oder müssen ganze Räume weitgehend leer bleiben, weil die Kunst sonst die Betriebsabläufe stört.

„Ich mag Restriktionen“

Doch andererseits: „Ich mag Restriktionen“, überrascht Wombacher den Besucher gleich zu Beginn des Rundgangs durch die von ihr gestalteten Räume. „Ich habe eher Probleme, wenn es ganz weit wird. Wenn ich zu viel Freiheit habe, wird es schon mal schwierig.“ Und überhaupt, wo, so die Mutter zweier Töchter, „bekommt man als Künstlerin schon einmal eine solche Chance“? Dass man ein ganzes Haus vom Empfang bis unters steil aufragende Dach bespielen darf. Und also „die Räume für zwei Jahre in einer Form verändern, dass es die Menschen stutzig macht und irritiert“. Oder womöglich die Besucher auch einfach erfreut. Weil sie in aller Regel nicht wegen der Kunst gekommen sind und derlei an einem solchen Ort auch nicht erwarten.

Intervention mit Volants:  Die Installation „Room with a View“ in der Lounge der Evangelischen Akademie.
Intervention mit Volants:  Die Installation „Room with a View“ in der Lounge der Evangelischen Akademie.Frank Röth

Schließlich, so Wombacher, gehe es „in der Kunst doch immer auch um Schönheit“. Mag sein, das gilt als Kriterium in der diskursaffinen Kunst der Gegenwart nicht eben viel. Doch angesichts von einem „Licht, das die Seele erfreut“, in das die 1968 in Aschaffenburg geborene Künstlerin den Panoramasaal der Akademie mit einer im Grunde schlichten Folienarbeit taucht; in Anbetracht der fünf textilen, vom Luftzug sanft bewegten „Pinselstriche“ (Wombacher) von „with Queens“ in Apricot und Violett und Himmelblau im zweiten Stock, angesichts all der im Kern malerischen, gleichermaßen zart wie markant gesetzten Akzente kann man ihr nicht ernsthaft widersprechen. Eher wünschte man sich mehr davon.

Hindernisse, wie die funktionale Möblierung, mag Toni Wombacher und geht mit ihnen um, wie hier im Seminarraum 2 der Evangelischen Akademie.
Hindernisse, wie die funktionale Möblierung, mag Toni Wombacher und geht mit ihnen um, wie hier im Seminarraum 2 der Evangelischen Akademie.Frank Röth

Dabei erschöpft sich Wombachers Kunst, so zeigen Arbeiten wie „no title yet“ oder auch „Tender Touch or Please don’t Go“, ohnehin keineswegs in ihren ästhetischen Qualitäten. Zwar liegt es durchaus nahe, eine wandfüllende Arbeit wie „Foyer (after ‚Saal‘ from Thomas Demand, Metzler-Saal, Städelmuseum, 2011)“ zunächst als ein hübsches, ein sanftes Lächeln provozierendes Trompe-l’Œil zu lesen. Als eine gelungene Hommage vor allem auch an Demands „Saal“, der Fotoinstallation aus wandfüllenden Faltenwürfen, die der Fotokünstler 2011 eigens für das Städelmuseum entwickelt hat. Doch „Foyer“ legt darüber hinaus auch eine erste von zahlreichen Spuren zu Wombachers äußert reflektierter Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte. Mit dem Minimalismus etwa, wie es ihre „all seasons“-Folge in Gelb und Rot, Blau und Grün dokumentiert.

Mit der Monochromie indessen auch und nicht zuletzt den Alten Meistern, wie sie Wombachers Werk auch und gerade in ihren raumfüllenden Arbeiten begleitet. So beiläufig, dass man sich dessen, sagen wir als Seminarteilnehmer, mitunter kaum gewahr wird. Nicht als Kunstwerk jedenfalls, das, wie es die federleichten „Pinselstriche“ nahelegen, nicht allein von Schönheit spricht. Sondern stets auch von der Kunst und insbesondere der Malerei selbst dort, wo die Künstlerin mit Samt, Seide und Polyester arbeitet statt mit Pinsel, Farbe, Leinwand. Eine Herausforderung also, keine Frage. Eine Chance aber auch und eine Arbeit voller Tücken. Und doch, so Wombacher, „war es mir eine Freude, das Haus zu bespielen“. Dabei ist am Ende das Vergnügen ganz aufseiten des Betrachters.