Tour de France live – mit «Gruppetto»


Tour de France live

Erster grösserer Crash des Tages

Die Tour de France läuft – und «Gruppetto», das Schweizer Radsportmagazin, übernimmt den Blick-Liveticker. Aus dem Zürcher Oder Wat Imbiss begleiten Corsin Zander, Laurent Aeberli, Andreas Züger und Guido Gümmeler die 10. Etappe mit Witz und viel Velo-Liebe.

Publiziert: 12:56 Uhr

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Aktualisiert: vor 4 Minuten

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Joël HahnRedaktor Sport

vor 8 Minuten

Sturz!

Andreas: Wer ist gestürzt?

Corsin (blickt zum TV):Keiner, der wichtig ist. 

Andreas: Was soll denn das heissen, keiner der wichtig ist?

Corsin: Niemand, der in der Gesamtwertung weit vorne ist. 

Andreas: Wow. In den Augen von Velojournalisten gibt es also eine klare Zweiklassengesellschaft. Wenn sich Helfer die Schulter auskugeln: egal. Wenn Podigar einen Krampf im Ohrläppchen erleidet, gibt es den grossen Aufschrei.

Corsin: Pogacar! Gopf! Aberso habe ich das nicht gemeint. Aber es hat sich ja auch niemand verletzt oder so. Alle sind noch dabei. Überhaupt hat es bei der diesjährigen Tour de France noch kaum Stürze.

vor 2 Minuten

Schweizer Fahrer kämpfen mit der Hitze

Es ist heiss heute. Am Startort kratzte die Temperatur gerade an der 30-Grad-Marke. (Im Oder Wat ists übrigens auch sauheiss, aber im lauschigen Garten, geht es ganz gut.) Im Laufe des Tages wird es noch deutlich heisser werden. Für die Fahrer ist das eine grosse Herausforderung. Tadej Pogacar hat vorgeschlagen, den Jahres-Rennkalender so anzupassen, dass in den Sommermonaten nirgendwo mehr gefahren wird, wo es so heiss ist. Am Sonntag wurde die Etappe verkürzt, um die Fahrer etwas zu entlasten. Besonders hart ist es für die Fahrer des Schweizer Teams Tudor, die in mehrheitlich schwarzen Trikots fahren müssen. Am Ruhetag gestern konnten wir mit Marc Hirschi noch darüber sprechen: «Wenn ich die Wahl hätte würde ich gerne ein helleres Trikot tragen, weil es weniger Wärme aufnimmt. Aber wenn des dann mal 35 Grad heiss ist, macht das auch keinen grossen Unterschied mehr», sagt Hirschi.

Er schickte uns dann auch noch ein Video mit seinem heutigen sportlichen Ziel: Er will in die Spitzengruppe.

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vor 11 Minuten

Die Fluchtgruppe des Tages hat sich gebildet

Ein paar Fahrer sind ausgerissen. 31 Fahrer stark ist die Gruppe. Das könnte die Fluchtgruppe des Tages sein.

Andreas: Bei einem Velorennen dienen die ersten 100 Kilometer ja traditionell dazu, dass niemand zuschaut. Wenn nun eine solche Fluchtgruppe zu Beginn alleine fährt und niemand sieht zu – sind sie dann wirklich geflüchtet?

Corsin: Auf jeden Fall. Sie sind dem Feld davongefahren!

Andreas: Aber wovon flüchten sie dann? Die anderen Männer im Feld in den engen Hosen und dünnen Armen sehen für mich nicht wirklich furchterregend aus. 

Corsin: Es ist quasi eine Flucht nach vorne. Aber du hast ja recht, meist wird die Fluchtgruppe wieder eingeholt. 

Andreas: Dann ändere ich meine Frage: Warum flüchten sie dann? Wenn sie ja eh eingeholt werden, dann können sie ja gleich gemütlich im Feld bleiben. Stell dir vor, im Fussball geht ein Team nach 20 Minuten mit 4:0 in Führung. Aber es interessiert niemanden, weil alle wissen, dass das andere Team ohnehin wieder zum 4:4 ausgleicht. Was wäre das für ein langweiliges Spiel!

Corsin: Ich habe auch einige Fragen. Aber vor allem frage mich, ob du wirklich die richtige Besetzung bist für diesen Liveticker. 

Laurent: (beschwichtigend)Beruhigt euch. Es ist so: Die Fluchtgruppe hat tatsächlich in der Regel keine Chance, nur etwa jedes zehnte Mal kommt sie bis ins Ziel. Für viele Fahrer ist es aber die einzige Möglichkeit, überhaupt je eine Etappe zu gewinnen. Der Schweizer Johan Jacobs, den du vorher am Telefon hattest, ist ein wahrer Fluchtspezialist. Wir haben einmal einen Artikel über das Flüchten geschrieben. Einer seiner Feinde ist ebenfalls ein Schweizer. Nämlich Silvan Dillier. Seine Aufgabe ist es in der Regel, die Fluchtgruppen nicht zu weit kommen zu lassen und das Feld in einem ordentlichen Tempo anzuführen. Auch über ihn haben wir natürlich geschrieben

Abseits der Kamera ereignet sich ein erster kleiner Unfall. Stewart, Van Eetvelt und Gradek liegen nach einem Crash auf dem Asphalt. Zum Glück scheint keiner schwer verletzt zu sein.

vor 21 Minuten

Johan Jacobs am Telefon

Es kommt noch niemand so richtig weg. Wir wollen wissen, was daran so schwierig ist und rufen Johan Jacobs an. Der Schweizer Profi, der für Groupama-FDJ fährt, ist Spezialist darin, in Fluchtgruppen zu kommen. Er fuhr am Giro mit und war dort immer wieder einmal in einer Fluchtgruppe. Wir rufen ihn an.

Corsin: Ciao Johan, wo erreiche ich dich gerade?

Johan Jacobs: Ich bin zuhause in Belgien. Gerade vom Training nachhause gekommen. Ich war drei Stunden unterwegs.

Corsin: Ich habe eine Frage, schaust du die Etappe gerade?

Johan Jacobs: Noch nicht. Ich schalte aber soeben den TV ein. So viel kann ich dir aber sagen: Bei einer Etappe wie dieser versuchen viele in die Fluchtgruppe zu kommen. Und je mehr es versuchen, desto schwieriger wird es. Es gilt den richtigen Moment zu erwischen.

Corsin: Auf diesen Moment warten wir gerade noch. Wie gehts dir?

Johan Jacobs: Nach der Schweizer Meisterschaft habe ich eine kleine Pause gemacht, nun trainiere ich wieder. Es geht mir bestens. Vorgestern war ich übrigens beim belgischen Fernsehen zu Gast an der Etappe. Das ist auch mal ein spezielles Erlebnis.

vor 32 Minuten

Die Sache mit den Wertungstrikots

Die heutigen Träger der Sondertrikots sind Tadej Pogacar im gelben Trikot des Gesamtführenden. Sein Teamkollege Isaac Del Toro in Weiss für den Leader in der Nachwuchswertung. Mads Pedersen trägt das grüne Punktetrikot und Jonas Vingegaard das gepunktete Bergtrikot in Stellvertretung für Tadej Pogacar.

Heute kann man 45 Sprint- und 33 Bergpunkte gewinnen. Es ist darum gut möglich, dass es nach der heutigen Etappe einen neuen Leader in der Bergwertung gibt.

Andreas: Padocar besitzt also derzeit das gelbe Trikot, das Bergpreistrikot und das Trikot des Weltmeisters… Warum muss er dann nicht alle drei tragen? Oder darf er selber entscheiden, welches er trägt?

Corsin: Der heisst Pogacar. Und zu den Trikots: Das gelbe Trikot hat Vorrang. 

Andreas: Und das Bergpreistrikot trägt heute dieser Jonas Vinnegreen der Zweite dieser Wertung (und allgemein ewige Zweite). Warum trägt dieser Remo Evenpul nicht das Regenbogentrikot? Der war an der WM Zweiter. 

Corsin: Vingegaard, Evenepoel… ich gebs auf! Aber so viel solltest du verstehen: Der Zweite der Fussball-WM ist ja nicht Weltmeister. 

Andreas: Der Zweite der Bergwertung ist ja auch nicht Bergpreisleader… 

Corsin: Er ist aber der Zweite der Bergwertung an DIESER Tour. Deshalb.

Andreas: Ok… Damit kann ich leben. Aber die Punktewertung. Geht jetzt das Team Aldi nur an den Start, um mit Pedersen das grüne Trikot zu gewinnen?

Corsin: Ja, mehr oder weniger. Aber das Team heisst Lidl-Trek. 

Andreas: Aha. Ich bin für Girmay. Den hast du mal interviewt. Einige der wenigen Texte, die ich im «Gruppetto» je gelesen habe. Sonst schaue ich mir mehr die Bilder an.

Corsin: Ja, ich wollte mit dem über Eritrea und Politik sprechen. Die Pressesprecherin fand das weniger gut und hat dann interveniert.

vor 43 Minuten

Es gibt etwas zu essen

Die Etappe dümpelt vor sich hin. Wir zählen inzwischen sechs Fans der Tour de France, die zum Public Viewing im Oder Wat erschienen sind. Einer behauptet, er würde arbeiten wenn die Werbung läuft. Eine zweite sagt, sie habe frei. Und nebenan in der Langstrasse wird gerde jemand von der Polizei abgeführt. Wir sind hier eben mitten im Leben.

Im Rennen kommt noch niemand so richtig weg, Corsin schenkt sich ein weiteres Glas Wein ein.

Corsin: Vielleicht sollte ich mal etwas essen…

Laurent: Das trifft sich gut. Ich hab uns etwas gekocht.

Andreas: Gekocht!?

Corsin: Das hat Laurent schon die vergangenen beiden Jahre gemacht. Er serviert uns Köstlichkeiten aus der Region, durch die die Fahrer durchfahren.

Laurent: Genau. Für heute habe ich eine Truffade gekocht. Ein klassisches Arme-Leute-Essen aus Cantal im Massif Central, da wo sie heute durchfahren. Im Original werden die Kartoffeln mit Schinken und Cantal-Käse gekocht. Wir haben heute die eingeschweizerte Variante mit Vacherin aus Fribourg. En Guete!

vor 55 Minuten

Merlier bereits abgehängt

Der belgische Sprinter Tim Merlier, der bereits zwei Etappen gewonnen hat, ist vom Feld abgehängt. Alarmstufe Rot für sein Team. Durch das hügelige Zentralmassiv ist es unwahrscheinlich, dass sich ein schönes Gruppetto bilden kann. Es winkt ein Kampf gegen das Zeitlimit.

Andreas: Ein Sprinter, der nicht mal in die erste Sprintwertung eingreifen kann? Der soll Strassenrennen bleiben lassen und auf die Bahn wechseln. Mein Vorschlag. 

Die erste Sprintwertung ist durch. Es gewinnt Mads Pedersen (Lidl-Trek) knapp vor Max Kanter (XDS-Astana). Dritter wurde Biniam Girmay (NSN).

13:39 Uhr

Verschlafener Gruss aus dem Fahrerfeld

Silvan Dillier hat uns gestern auch noch ein Video geschickt für unseren Ticker. Und er gibt uns Einblicke in die Taktik seines Teams Alpecin-Premier Tech.

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Dillier sieht etwas verschlafen aus, dabei sollten die Fahrer erholt sein nach dem gestrigen Ruhetag. Aber viele von ihnen waren in schlechten Hotels untergebracht. Der Schweizer Silvan Dillier schimpfte bei den Kollegen des deutschen Podcasts Besenwagen in Worten über sein Teamhotel, die wir hier nicht wiedergeben möchten. Im Hotel des Leaders Tadej Pogacar konnten die Fahrer offenbar die Klimaanlage nicht nutzen, weil der Strom sonst ausfiel. Noch schlimmer traf es das Team Uno-X. Da postete Anders Johannessen ein ekliges Video aus dem Hotel: 

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Heiss wars wohl auch, denn er und sein Zwillingsbruder Tobias, die im gleichen Team fahren und sich ein Zimmer teilen, stellten ihre Betten in der Nacht auf den Balkon: 

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13:34 Uhr

Erste Versuche einer Fluchtgruppe

Andreas: Jetzt fährt dieser Brian O’Connor kurz nach dem Start ganz alleine vorne weg. Kann mir das jemand erklären?

Corsin: Ja, die probieren halt schon früh eine Fluchtgruppe zu bilden. Aber alleine wirds hart für den.

Andreas: Aber Laurent hat mir soeben erklärt, dass es bis zum Sprint keine Chance auf eine Fluchtgruppe gibt. Wer liegt nun richtig? Laurent oder Brian? 

Corsin: Die erste Sprintwertung meinst du? Ja, da werden all jene, die um das grüne Trikot kämpfen versuchen, Punkte zu sammeln. Wenn da eine Fluchtgruppe zuerst durchfährt, dann sind die Punkte weg.

Andreas: Voilà, O’Connor ist eingeholt. Ein paar Körner verbraten für nichts und wieder nichts. 

13:29 Uhr

Die Ticker-Crew nimmt Fahrt auf

So langsam läuft sich die Ticker-Crew warm, Laurent hat einen Gyros-Salat gegessen («er war topp! Aber nachher gibts noch ein Mett-Baguette»), Andres hat sich einen «leckeren Fleischkässemmel» reingedrückt und Corsin öffnet sich zusätzlich zum Wein noch ein Bier der Brauerei Oerlikon. Das gibts normalerweise nicht im Oder Wat, aber heute machen wir eben, was wir wollen. Mathias, der sympathische Velokurier der Zürcher Brauerei hat ein paar kühle Flaschen Bier vorbeigebracht. Mathias spielte früher einmal Eishockey beim lokalen Eishockeyverein. Heute ist der hauptsächlich Velokurier. Vielleicht kommt er nochmals vorbei.
Draussen sind einige der Tische besetzt, es ist Mittagszeit.

Andreas:Da schaut ja niemand zu. Warum auch? Die ersten 100 Kilometer sind komplett irrelevant.

Corsin: Das Rennen hat noch gar nicht begonnen. Und ja, wenn man eine ganze Etappe live mitverfolgt, geht es nicht immer nur um das sportliche Geschehen. Das wirst du heute noch erfahren.

Andreas: Ach, ich mach mir auch noch ein Bier auf. (nimmt eines aus der Kühlbox) Was ist denn das? Alkoholfrei?

Corsin: Nein, nein. Das hat immerhin zwei Prozent. Es sollte eigentlich alkoholfrei sein, beim Brauen sei aber ein Fehler passiert, hat Mathias erzählt. Eine sympathische Brauerei eben.

13:19 Uhr

Los gehts!

Corsin: Das Peloton rollt. Heute führt die 10. Etappe der Tour de France von Aurillac nach Le Lioran. Das Skigebiet auf 1238 Metern über Meer war erst dreimal Zielort bei der Tour de France. 1975 gewann der Belgier Michel Pollentier, 2016 sein Landsmann Greg Van Avermaet und vor zwei Jahren der Däne Jonas Vingegaard. Wer heute wohl gewinnt?

Laurent: Gutes Stichwort. Hier im Oder Wat gibt es ein Tippspiel. Der Schweizer Veloprofi Fabian Lienhard hat für uns die Etappe analysiert und tippt auf: Sein ehemaliger Teamkollege bei Groupama-FDJ, Romain Gregoire.

Andreas: Es gewinnt der Pocagar…

Corsin: …der heisst Pogacar!

Andreas: Mir egal. Ich hab mich wenigstens informiert, wer der Favorit ist. Und offenbar gibt es im Radsport ja nur einen Favoriten, wenn der Podacar mitfährt.

Corsin: Toll gemacht. Wer noch nicht erfahren hat, wer der aktuell beste Veloprofi der Welt ist, hat die vergangenen Jahre unter einem Stein gelebt.

Andreas: Viel langweiliger als das hier kann es nicht sein, unter einem Stein zu leben. Ich interessiere mich ohnehin mehr für Fussball.

Corsin: Das kannst du heute Abend wieder schauen. Frankreich spielt um 21 Uhr gegen Spanien. Aber jetzt schaust du erst einmal vier Stunden Velo.

Andreas: Wie lange? Vier Stunden!? Gibt es ausser uns eigentlich weitere Menschen, die vier Stunden lang in einen Bildschirm glotzen und verfolgen, wie 200 Männer in engen Hosen durch Frankreich radeln?

Laurent: Es geht bei einem solchen Velorennen um mehr als nur um den Sport. Schöne Landschaftsbilder zum Beispiel. Oder einfach das Drumherum. Gemütliches Beisammensein zum Beispiel. Deshalb habe ich heute einen französischen Wein mitgebracht. Gewachsen sind die Trauben ein bisschen nördlich des Etappenverlaufs in der Loire. Die Weinberge erstrecken sich über die für die Appellation typischen Terroirs: sandige Terrassen, Feuersteinlehm und harter Kalkstein. Diese bringen einen Pouilly Fumé, «Le Coteau», mit einer intensiven Nase mit Noten von Zitrusfrüchten hervor. Die Winzerin Pauline Pabiot repräsentiert die fünfte Generation auf diesem Weingut, das in der Appellation Pouilly-Fumé liegt.

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