„Trumps Arroganz hat alles kaputtgeschlagen“: EU könnte „Riesengeschäft der USA“ übernehmen
Stand: 01.10.2026, 04:46 Uhr
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Kanada soll das erste nicht-europäische EU-Assoziierungsmitglied werden. Laut Experte Keupp könnte das ein Zukunftsmodell werden.
Brüssel/Ottawa – Kanada und die EU nehmen die USA unter Präsident Donald Trump als unzuverlässigen Partner wahr. Deshalb soll und möchte Kanada das erste Assoziierungsmitglied der Europäischen Union außerhalb Europas werden. Der bekannte Militärökonom Marcus Keupp sieht darin ein mögliches Modell der Zukunft werden. Anders als bestehende Assoziierungsabkommen habe die ausgebaute Zusammenarbeit mit Kanada eine wesentliche neue Komponente, meint der Experte im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Halten Sie es aus wirtschaftlicher Perspektive für sinnvoll, dass Kanada ein assoziiertes EU-Mitglied werden soll?
Auf jeden Fall. Einerseits, weil die EU und Kanada schon einen bedeutenden Außenhandel miteinander haben. Und andererseits: Je unfreundlicher US-Präsident Donald Trump mit Kanada und der EU umgeht, desto größer ist der Anreiz für beide, die Partnerschaft weiter auszubauen. Zumindest für Kanada sind die USA tatsächlich eine Art „Gegner“. Immerhin hat Trump dem Land bereits mit der Annexion gedroht, was laut der UN-Charta explizit verboten ist. Dementsprechend ist es verständlich, dass Kanada seine bisherige, auf die USA zentrierte Orientierung diversifizieren, will. Auch mit Blick auf Grönland, denn Grönland liegt viel näher an Kanada als an den USA. Und die kanadische Arktis ist deutlich größer, als der Anteil der USA am Nordpolargebiet, der nur über Alaska besteht. Es macht viel Sinn, dass Kanada die Nähe zur EU sucht.
Experte Keupp: Trumps Drohungen nutzen sich ab
Sie haben Trump angesprochen. Was würde eine engere Kooperation zwischen der EU und Kanada für die USA – insbesondere für die US-amerikanische Rüstungsindustrie – bedeuten?
Jetzt zeigt sich, was Trump mit seiner Arroganz alles kaputtgeschlagen hat. Trump hat ja – wie gegenüber der EU und vielen weiteren Staaten – auch gegen Kanada einen Zollstreit losgebrochen. Und kürzlich hat er wieder gedroht – nach dem Motto: Wenn Kanada und die EU sich weiter annähern sollten, dann würde er sofort wieder Strafzölle erlassen. Aber Sie merken: Trumps Drohungen nutzen sich weiter ab. Wer nimmt Trump denn noch ernst, wenn er wieder mal mit willkürlichen Strafzöllen droht? Trump erzeugt mit seinen Drohungen bei ehemaligen engen Verbündeten letztlich nur Abwehrimpulse. Die Länder rücken von ihm ab und verbünden sich stattdessen untereinander. Die USA könnten viel besser dastehen, aber stattdessen verscherzen sie es sich mit der ganzen Welt.
Wie könnte sich eine noch engere Partnerschaft auf die europäischen und kanadischen Verteidigungsindustrien auswirken?
Zunächst ist die Frage: Wie würde so eine Assoziierung überhaupt rechtlich funktionieren? Denn im EU-Vertrag selbst steht dazu eigentlich nichts. Der Artikel 49 EUV beschreibt nur, dass jeder europäische Staat im Prinzip EU-Mitglied werden kann. Dafür steht in Artikel 217 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU (AEUV), dass die Europäische Union völkerrechtliche Verträge mit Drittstaaten schließen kann, um eine stärkere Bindung einzugehen – ohne, dass diese Drittstaaten EU-Mitglieder sein müssen. Das ist kein neuer Mechanismus, den hat die EU beispielsweise bereits 1963 angewandt, als das Assoziierungsabkommen mit der Türkei geschlossen wurde. Auch mit der Ukraine wurde 2014 ein Assoziierungsvertrag geschlossen. In der Vergangenheit wollte die EU hiermit den Außenhandel fördern und den Staaten wirtschaftlich auf die Beine helfen. Aber das Abkommen mit Kanada wird eine ganz neue Komponente besitzen.
In Bezug auf die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich?
Genau, jetzt gibt es erstmals eine deutlich stärkere Sicherheitskomponente. Das ist das eigentlich Neue. Und ich vermute, dass genau das Trump so ärgert. Nehmen wir an, Kanada müsste wegen des Klimawandels die Arktis militarisieren, weil der Nordpol im Sommer eisfrei wird. Dann bräuchte Kanada sehr viel mehr Rüstungsgüter. Und an wen würde sich Kanada dann wohl wenden? Richtig: nicht an die USA, sondern an die EU. Und das ist natürlich absolut im europäischen Interesse. Auch die Ukraine spielt hier eine wichtige Rolle.
EU könnte USA ein Riesengeschäft abnehmen
Inwiefern?
An der russisch-ukrainischen Front entsteht zurzeit die Rüstungstechnologie von morgen. Diese wird in Europa skaliert und kommerzialisiert und über den Teich nach Kanada verkauft. Für die EU ist das ein Riesengeschäft, das sie den USA abnehmen könnte.
Kanada hat bereits verkündet, beim deutschen Marineschiffbauer TKMS bis zu 20 moderne U-Boote zu kaufen. Das reine Bauvolumen soll 20 Milliarden Euro betragen, das Gesamtpaket schätzungsweise rund 60 Milliarden Euro. Kann Kanada insbesondere für deutsche Rüstungsunternehmen ein zunehmend wichtiger Absatzmarkt werden?
Im Prinzip schon. Denn: Bei diesem U-Boot-Deal hatte sich Kanada zwischen zwei Angeboten zu entscheiden: eines kam aus Deutschland, eines aus Südkorea. Es könnte eine entscheidende Rolle gespielt haben, dass Südkorea einer der Hauptverbündeten der USA ist. So besteht natürlich immer die Gefahr, dass die USA Druck auf Südkorea ausüben, um indirekt einen größeren Einfluss auf Kanada zu haben. Das kann für deutsche Unternehmen eine große Chance sein – gerade für die in der Krise steckende Automobilindustrie, die ihre frei werdenden Kapazitäten nun verstärkt der Produktion von Rüstungsgütern widmen könnte.
Glauben Sie, dass EU-Assoziierungsabkommen mit nicht-europäischen Ländern ein Zukunftsmodell werden können?
Absolut. Australien zeigt ja bereits Interesse an einer Assoziierung. Nun wurde auch verkündet, dass sich Australien am EU-Forschungsprogramm Horizon beteiligen wird, das unter anderem den Klimawandel bekämpft. Diese Beteiligung ist sehr ungewöhnlich, kann aber eine bedeutsame Zukunft haben. Nämlich über den Gedanken: Europa ist nicht nur geografisch definiert, sondern es steht für eine bestimmte Weltanschauung, einen way of life: Er basiert auf Werten wie Liberalität, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten – und eben nicht auf autokratischer Willkürherrschaft. Und jeder, der diese Werte teilt, kann mitmachen. Das wäre ein sehr interessanter Pfad. (Interview: Jan-Frederik Wendt)