Putin setzt auf Terror, Patriot-Munition fehlt: Kiew fürchtet den härtesten Winter


Wadephul in der Ukraine

Dann schlagen die Raketen ein


Aktualisiert am 22.08.2026 - 17:16 UhrLesedauer: 6 Min.

Vor dem Winter spitzt sich die Lage für die Ukraine im Krieg gegen Russland zu. Außenminister Wadephul will zeigen, dass Berlin an der Seite Kiews steht. Doch Wladimir Putin setzt weiterhin auf Terror.

Patrick Diekmann berichtet aus Kiew, Ukraine.

Es ist finster und lediglich das laute Klackern von Stahlrädern auf Schienen stört eine fast schon gespenstige Ruhe. Auf dem Weg mit dem Zug von der polnischen Grenze nach Kiew lässt sich nur an bewaffneten Sicherheitskräften am Bahnhof in Lwiw ansehen, dass sich die Ukraine im Krieg gegen Russland befindet. Sonst führt die Fahrt vor allem durch große Wälder, am Himmel sind Sterne zu sehen, oft taucht nur in der Entfernung ein Licht auf.

Doch dann passiert etwas, was auf der neunstündigen Nachtfahrt regelmäßig passieren sollte: Es gibt Alarm. Die Delegation von Außenminister Johann Wadephul (CDU) sollte sich vor Beginn der Reise in die Ukraine eine App auf ihren Mobiltelefonen installieren, die vor russischen Luftangriffen warnt. Dreimal in dieser Nacht ertönen Sirenen, und eine Stimme sagt: Nicht leichtsinnig sein, bitte umgehend einen Bunker aufsuchen. Wenige Minuten später kommt die Entwarnung, die Gefahr sei vorbei. Eine Stimme sagt: "Möge die Macht mit euch sein."

Der Verweis auf den Weltraumepos "Star Wars" ist klar. Und er würde Fans an Bord des Zuges vielleicht zum Schmunzeln bringen, wäre die Lage für die Ukraine nicht so ernst. Denn auch die Realität im Land ist für das angegriffene Land finster: Die ukrainische Armee hat kaum noch Munition für Flugabwehrsysteme wie Patriot, fast jede aus Russland abgeschossene Rakete schlägt ein. Die Befürchtung vieler Experten: Die Ukraine steht womöglich vor ihrem schwersten Winter im mehr als vier Jahre andauernden Krieg.

Außenminister Wadephul bringt zu seinem Besuch in der Ukraine vor allem Geld, aber keine neuen Waffensysteme oder Munition für Kiew mit. Seine Reise soll ein Signal senden, der Ukraine wieder mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Denn die Welt schaut aktuell auf den Nahen Osten, auf den Iran, auf die Straße von Hormus – und eben nicht auf Kiew. Doch zur Wahrheit gehört auch: Deutschland ist zunehmend ratlos, weil sich Russland überhaupt nicht bewegt.

"Wirre Propaganda"

Bei seiner Ankunft in Kiew gibt sich Wadephul kämpferisch. "Wir stehen an der Seite der Ukraine. Wir unterstützen sie. Sie wird diese militärische Auseinandersetzung gewinnen", sagt der Außenminister. "Dass die Ukraine mit internationaler Unterstützung den längeren Atem hat und dass eine Fortführung des Krieges Russland nur weiter in den wirtschaftlichen Ruin führt, wird immer mehr Menschen in Russland klar." Er ergänzt: "Die immer wirrere Propaganda und immer totalitärere Unterdrückung im Inneren ist auch ein Zeichen der Schwäche des Regimes."

In der Tat ist die ukrainische Armee in diesem Sommer militärisch erfolgreich. Sie schafft es regelmäßig, Ziele in Russland anzugreifen. Ukrainische Drohnen und Marschflugkörper treffen russische Infrastruktur, riesige Logistiklager, militärische Ziele und Putins Energiewirtschaft empfindlich. Russlands Wirtschaft wankt, aber sie fällt nicht. Weiterhin gilt das, was Experten mit Blick auf den Krieg schon lange sagen: Keine Seite kann diesen Krieg kurzfristig militärisch gewinnen.

Wadephul in Kiew: "Wir sehen, wie dieses Land kämpft"

In Kiew mischen sich Trauer und Wut. Zunächst trifft Wadephul seinen ukrainischen Amtskollegen Andrij Sybiha. Beide besuchen sie den Maidan, zünden Kerzen an, nehmen an einer Schweigeminute für die gefallenen Soldaten teil.

Auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew sind die Bilder von Hunderten gestorbenen Soldaten aufgestellt, überall weht die ukrainische Flagge. "Wir sehen das Leiden, wir sehen, wie dieses Land kämpft und wir werden dieses Land weiter unterstützen", sagte Wadephul zuvor bei seiner Ankunft. Der Maidan ist mittlerweile nicht mehr nur ein Symbol der pro-europäischen Proteste, sondern auch eine Gedenkstätte für die Kriegsopfer.

Doch wie geht es nun weiter? Der Drohnenkrieg führt dazu, dass auch immer mehr Zivilisten sterben – auf beiden Seiten, aber besonders in der Ukraine. Allein im Juli starben mehr als 400 ukrainische Zivilisten bei russischen Angriffen. Kiew und seine europäischen Verbündeten möchten mit militärischer Stärke Putin an den Verhandlungstisch zwingen. Doch der Plan geht bislang nicht auf, im Gegenteil. Putin schießt um sich, und immer mehr Menschen kommen dabei zu Schaden.

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"Das scheitert derzeit an Moskau"

Der Kremlchef gibt sich weiter kompromisslos, und das führt zunehmend zu Ratlosigkeit in Berlin. Das zeigt sich bei der anschließenden Pressekonferenz mit Wadephul und seinem ukrainischen Amtskollegen Sybiha. Bei dieser macht Selenskyjs Außenminister noch einmal deutlich: Es gebe kein Anzeichen dafür, dass Moskau Frieden wolle. Im Gegenteil: Russland würde eskalieren.

Wadephul kann ohne Bereitschaft vom Kreml keinen Plan skizzieren, wie es zu Gesprächen kommen könnte. "Ich glaube, wir brauchen die Bereitschaft dazu, auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Wir müssen auf allen Wegen versuchen, Gespräche zu initiieren. Das scheitert derzeit an Moskau", bleibt der deutsche Außenminister vage. Er ergänzt: "Ich setze darauf, dass die USA weiter bereit sind, eine aktive Rolle hier auch zu spielen in den Verhandlungen mit der Ukraine, aber ich glaube auch, dass es richtig war, dass wir Europäer im ersten Halbjahr dieses Jahres uns zusammengefunden haben im E3-Rahmen." Mit den E3-Staaten sind Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich gemeint.

USA ziehen sich zurück

Wadephul hat sich seit seinem Amtsantritt große Mühe gegeben, eine gute Beziehung zu seinem US-Amtskollegen Marco Rubio aufzubauen. Nun ist die Enttäuschung groß. Rubio blickt eher auf die amerikanischen Kontinente, während die Amerikaner im Krieg gegen den Iran in eine politische Sackgasse gerannt sind. Die Folgen wiegen schwer: Denn die USA ziehen sich immer mehr aus dem Ukraine-Konflikt heraus. Für Donald Trump ist es vor den US-Zwischenwahlen kein Gewinnerthema. Er sieht den Krieg ohnehin als europäisches Problem.

Dementsprechend groß sind die Probleme der Europäer. Denn Länder wie Deutschland stehen auf der Seite der Ukraine, weil Russland die gesamte europäische Sicherheitsordnung bedroht. Als Brückenbauer bräuchte es Länder wie die Türkei, Indien oder Ägypten, doch Vermittlungsprozesse laufen, wenn überhaupt, schleppend.

Die Folge: Es gibt mehr Krieg, keine Verhandlungen. Auch deshalb richtet Wadephul in Kiew eine Ansage in Richtung des russischen Präsidenten. "Putin muss wissen, gemeinsam mit ihren Unterstützern hat die Ukraine den längeren Atem auf dem Weg zum eigentlichen Ziel: endlich Frieden", erklärt er. Wie der Krieg ende, sei eine entscheidende Frage für die Zukunft Europas. "Und er muss so enden, dass nicht das Recht des Stärkeren sich durchsetzt, sondern dass die Stärke des Rechts sich durchsetzt."

Der nächste Kriegswinter naht

Fraglos sehen Deutschland und der Rest der Europäer aktuell ein gutes Momentum für Verhandlungen mit Moskau. Im ukrainischen Außenministerium bekommt Wadephul Drohnen präsentiert, die die Ukraine in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Mit diesen Innovationen gleichen sie aus, dass Moskau über mehr Soldaten als Kiew verfügt. Solange es Kiew jedoch gelingt, relevante Ziele in Russland zu treffen, gibt das dem angegriffenen Land eine gute Verhandlungsposition.

Aber das könnte sich schon bald ändern. Denn der Winter naht und der enorme Mangel an Luftverteidigung könnte dazu führen, dass die kalte Jahreszeit wieder enorm leidvoll für die ukrainische Zivilbevölkerung wird. Erneut könnten durch russischen Terror viele Bewohner ukrainischer Städte ohne Strom, Heizung und Wasser in ihren Wohnungen sitzen.

Wieder Sirenen

Das ist sicherlich aktuell die größte Bedohung für das angegriffene Land. Wadephul bemüht sich um Vermittlung, aber schon seit Jahren läuft die Versorgung der Ukraine mit Munition für die Patriot-Systeme schwer. Dass die Amerikaner ihre Bestände durch den Iran-Krieg dezimiert haben, macht die Lage noch deutlich komplizierter. Deutschland hat seit Beginn der russischen Vollinvasion bereits fünf Patriot-Systeme abgegeben. Jetzt versucht die Bundesregierung die Länder zu überzeugen, die noch Reserven in dem Bereich haben. Das sind etwa Griechenland, Südkorea oder Japan.

Doch diese Verhandlungen sind nicht leicht. Die aktuellen Krisen zeigen, dass nur wenige Waffensysteme so wichtig sind wie eine funktionierende Fliegerabwehr. Das bekommt Wadephul auch am Nachmittag zu spüren.

Der CDU-Politiker besucht eine Veranstaltung für Veteranen in Kiew. Erst spricht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, danach richtet Wadephul ein Grußwort an die Festveranstaltung. Zum Ende der Rede des ukrainischen Präsidenten ertönen erneut Handysirenen: Luftalarm. Man solle sich umgehend Schutz suchen, heißt es in einer Nachricht. Während viele Ukrainer regungslos die Reden weiterverfolgen, schauen Mitglieder der deutschen Delegation besorgt auf ihre Telefone. Viele Ukrainer haben mit dem Terror und der ständigen Gefahr leben gelernt.

Wenig später wird klar: Die Raketen waren eingeschlagen, Russland hatte den Vorort Boryspil beschossen. Und wieder starben mindestens zwei Menschen.