"Das ist eine große Bedrohung": Wie die Kriege in der Ukraine und im Iran Indien treffen


Kriege und Krisen treffen Indien

"Die Abkehr findet längst statt"


Aktualisiert am 21.08.2026 - 14:28 UhrLesedauer: 8 Min.

Die aktuellen Kriege bringen Indien zunehmend in Bedrängnis. Das bevölkerungsreichste Land der Erde muss seine Bündnisse neu bewerten. Für Europa liegt darin eine Chance, meint CDU-Politiker Jürgen Hardt bei einem Indien-Besuch.

Indien steht im Sturm der geopolitischen Entwicklungen. Durch Wladimir Putins Ukraine-Krieg bekommt es weniger Waffen. Durch Donald Trumps Eingreifen in Venezuela und den Iran-Krieg fürchtet es um seine Erdölversorgung. Und damit nicht genug: Bündnisse zwischen China und Russland oder zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan führen dazu, dass auch der indische Premierminister Narendra Modi unter Zugzwang geraten könnte.

Doch in welche Richtung steuert Neu-Delhi?

Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion Jürgen Hardt reiste in dieser Woche wiederholt nach Indien. Zu politischen Gesprächen, um wirtschaftliche und militärische Kooperationen zu vertiefen. Im Interview mit t-online spricht er über die indische Sicht auf die geopolitischen Verwerfungen. Er wirbt dafür, Indien dabei zu unterstützen, sich von traditionellen Partnern zu lösen.

t-online: Herr Hardt, der Krieg im Nahen Osten und die damit verbundene Ölkrise sind auch für Indien eine enorme Belastung. Wie nehmen Sie die Stimmung im Land wahr?

Jürgen Hardt: Kriege und Gewalt werden in Indien grundsätzlich als Belastung und Bedrohung wahrgenommen – gerade wenn sie die eigene Region unmittelbar betreffen. Der Terroranschlag in Jammu und Kaschmir im vergangenen Jahr hat beispielsweise den Tourismus dort massiv beschädigt, einen der zentralen Wirtschaftsfaktoren der Region. Jetzt kommt die faktische Sperrung der Straße von Hormus hinzu. Das wirkt sich in Indien unmittelbar aus.

Im Video | Straße von Hormus: Darum wird sie für Trump zur Sackgasse

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Warum trifft das Land die Ölkrise so empfindlich?

Indien hat selbst keine großen Energieressourcen, braucht für seine wirtschaftliche Entwicklung aber günstige Energie. Dabei gibt es durchaus Frust über die USA. Etwas holzschnittartig lässt sich die indische Sicht so beschreiben: Erst hieß es, sie sollen kein venezolanisches Öl kaufen, sondern welches von der arabischen Halbinsel. Dann wurde das arabische Öl anderswo gebraucht und Indien sollte russisches Öl kaufen. Später kam US-Präsident Trump und wollte Indien genau dafür sanktionieren. So wird die Entwicklung hier wahrgenommen.

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Berlin, Deutschland, 21.05.2026: Deutscher Bundestag: 80. Bundestagssitzung: Jürgen Hardt, CDU *** Berlin, Germany, 21 05 2026 German Bundestag 80 Bundestag session Jürgen Hardt, CDU Copyright: xdtsxNachrichtenagenturx dts_119787 (Quelle: IMAGO/dts Nachrichtenagentur/imago)

Zur Person

Jürgen Hardt (CDU) ist seit 2009 Mitglied des Bundestages, seit 2015 außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Zuvor war er Koordinator für die transatlantische Zusammenarbeit.

Modi inszeniert Indien gerne als Großmacht. In der aktuellen Krise wirkt das Land trotzdem relativ hilflos. Warum wird Indien diesem Anspruch nicht gerecht?

Weil Indien geostrategisch in einer ausgesprochen schwierigen Lage steckt. China ist militärisch überlegen, unterstützt Pakistan und hat mit Indien eine rund 3.500 Kilometer lange, nicht abschließend geklärte Grenze. Im jüngsten militärischen Konflikt mit Pakistan hat sich außerdem gezeigt, dass chinesische Waffensysteme auf pakistanischer Seite den indischen, teilweise französischen Systemen ernsthaft Paroli bieten können. Gleichzeitig baut China seine Präsenz im Indischen Ozean aus – und das ist eine große Bedrohung.

Der Iran steht eng an der Seite Russlands und Chinas. Gleichzeitig haben die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan den sogenannten Mekka-Pakt geschlossen. Wird Indiens traditionelle Neutralität langsam zur Gefahr?

Die indische Regierung beobachtet den Mekka-Pakt sehr aufmerksam, aber sie hat noch kein abschließendes Urteil gefällt. Man sieht mögliche positive Effekte, aber natürlich auch Risiken – insbesondere dann, wenn Pakistan dadurch militärisch gestärkt und stärker in internationale Strukturen eingebunden wird. Indien hätte Pakistan lieber stärker isoliert.

Wenn ein zentraler Feind wie Pakistan plötzlich Teil eines neuen Verteidigungsbündnisses ist, müsste Delhi doch alarmiert sein.

Alarmiert wäre mir zu stark. Natürlich weiß Indien, dass hier möglicherweise Handlungsbedarf besteht. Ob der Mekka-Pakt tatsächlich einmal so wie die Nato funktioniert, ist eine ganz andere Frage. Sie können viel aufschreiben. Ob ein Mitglied im Ernstfall wirklich für ein anderes eintritt, muss sich erst zeigen.

Wie groß ist die Sorge vor einem China, das immer mehr aufrüstet?

Das löst natürlich Sorgen aus. China ist offensichtlich militärisch überlegen. Indien hat lange darauf gesetzt, dass Russland im Zweifel ein Gegengewicht sein könnte. Aber diese Rechnung mit Putin geht heute für Delhi nicht mehr so einfach auf. Russland ist inzwischen selbst stark von China abhängig. Es gibt seriöse Analysen, die sagen: Ohne China könnte Russland seinen Krieg gegen die Ukraine so nicht weiterführen. Außerdem sorgten Putin und Xi Jinping spätestens für einen Schock, als sie 2022 ihre "grenzenlose" Freundschaftserklärung verabschiedeten. Das hat für Indien alles verändert. Nach außen wird Delhi darauf nicht panisch reagieren. Aber innerhalb der Streitkräfte ist längst angekommen, dass man bei der Ausrüstung andere Optionen braucht.

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Wie abhängig ist Indien militärisch noch von Russland?

Noch immer erheblich. Ich habe 2023 die indische Westflotte in Mumbai besucht. Dort liegen unter anderem moderne Fregatten russischer Bauart. Das sind durchaus gute Schiffe. Aber die Waffensysteme sind russisch und können nur entsprechende Raketen verschießen. Davon bekommt Indien offenbar nicht mehr genügend Nachschub, weil Russland selbst enorme Mengen im Krieg gegen die Ukraine einsetzt.

Welche Folgen hat das?

Innerhalb der indischen Marine gibt es Überlegungen, solche Schiffe so umzurüsten, dass sie mit westlichen Waffensystemen kompatibel werden. Den indischen Streitkräften ist völlig bewusst, dass sie bei ihrer Rüstung ein Stück weit in einer russischen Abhängigkeit feststecken.

Lässt sich die indisch-russische Verbindung einfach kappen?

Nein. Russland genießt in Indien historisch noch immer großes Vertrauen. Gerade nach dem Krieg zwischen China und Indien 1962 galt Moskau als verlässlicher Partner. Deshalb wird sich Delhi nur sehr vorsichtig lösen. Man möchte Putin nicht unnötig verärgern und gleichzeitig mit Russland eine weitere Option behalten. Trotzdem findet die Abkehr längst statt. Ehemalige indische Generäle haben mir gesagt, dass inzwischen noch ungefähr ein Drittel der indischen Rüstungsbeschaffung auf Russland entfällt. Das ist immer noch viel, aber deutlich weniger als früher.

Gleichzeitig hat Indien mit Putins Krieg in der Ukraine Geschäfte gemacht. Indische Raffinerien kauften russisches Öl, verarbeiteten es und verkauften Produkte teilweise weiter. Untergräbt Indien damit nicht auch deutsche Sicherheitsinteressen?

Wenn dadurch Embargos umgangen werden, ist das natürlich nicht in Ordnung. Aber zu einem solchen Geschäft gehören immer zwei: einer, der verkauft, und einer, der kauft. Wenn das Öl am Ende in Europa landet, muss man deshalb auch auf die Käufer schauen. Ich kann nicht beurteilen, in welcher Größenordnung das aktuell noch geschieht und ob dahinter eine systematische Strategie steht. Grundsätzlich wäre es gut, solche Geschäfte abzustellen.

Aber wie glaubwürdig ist dann Indiens Bekenntnis zum internationalen Recht?

Ich würde sagen: grundsätzlich glaubwürdig. Aber Indien betreibt eben auch eine interessengeleitete Außen- und Sicherheitspolitik.

Das klingt nach einer ziemlich bequemen Erklärung.

Indien befindet sich in einer deutlich unkomfortableren Lage als Deutschland. Wir haben die Nato und die Europäische Union und können deshalb sehr viel klarer auftreten. Indien muss gleichzeitig mit China, Pakistan und Russland umgehen. Das heißt nicht, dass ich alles gut finde. Ich würde mir beispielsweise wünschen, dass Modi gegenüber Putin klarer auftritt.

Stattdessen umarmt er ihn öffentlich.

Ja. Das finde ich nicht gut. Man muss allerdings auch sehen, dass Modi Putin auch schon öffentlich darauf hingewiesen hat, dass Konflikte friedlich und nicht durch Kriege gelöst werden sollten. Das würde ich diesen Bildern zumindest entgegensetzen.

Trotzdem hält Indien an Russland und China fest – auch im Brics-Verbund. Warum sollte Deutschland das akzeptieren?

Weil wir selbst ein gewisses Interesse daran haben, dass Indien innerhalb von Brics eine starke Rolle spielt. Ich halte Brics am Ende des Tages für eine überflüssige Veranstaltung. Aber wenn es dieses Format nun einmal gibt, ist es besser, wenn ein Land wie Indien dort mehr zu sagen hat als andere.

Wenn Russland für Indien als Sicherheitspartner an Wert verliert, könnte Europa die Lücke füllen. Wie wichtig ist Deutschland dabei?

Sehr wichtig. Militärische Zusammenarbeit ist für Indien auch ein Vertrauensbeweis und ein Beleg dafür, wie ernst sie die Partnerschaft mit Deutschland nehmen. Die Bundesregierung hat bereits 2023 ihre Rüstungsexportpolitik gegenüber Indien verändert. Das war richtig. Ein besonders wichtiges Projekt sind deutsche U-Boote für die indische Marine. Ich rechne damit, dass wir dabei in den nächsten Wochen mehr Klarheit bekommen.

Indien will aber nicht einfach deutsche U-Boote kaufen.

Nein. Indien legt großen Wert darauf, selbst an der Produktion beteiligt zu sein und Technologie sowie Wissen ins Land zu holen. Das gilt auch für andere Rüstungsprojekte. Und diese Zusammenarbeit könnte in beide Richtungen funktionieren. Indien sieht sich auch als mögliche Werkbank für Europa, beispielsweise bei Munition. Die europäischen Hersteller haben volle Auftragsbücher und die Preise steigen. Indische Lieferketten könnten uns dementsprechend helfen, schneller und kostengünstiger zusätzliche Kapazitäten aufzubauen.

Die Bundesregierung und deutsche Politiker bemühen sich derzeit vielleicht auch deshalb auffällig stark um Indien. Warum ist das Land darüber hinaus wichtig?

Allein aufgrund seiner Größe und wirtschaftlichen Stärke. Indien gehört zu den größten Volkswirtschaften der Welt und besitzt einen riesigen Absatzmarkt. Gleichzeitig ist die demografische Entwicklung deutlich günstiger als in China. Viele europäische Unternehmen suchen außerdem nach Alternativen für ihre bisherigen Lieferketten. Indien hat dabei einen besonderen Vorteil: Man kann dort nicht nur produzieren, sondern trifft gleichzeitig auf einen gewaltigen eigenen Markt.

Das klingt ziemlich genau nach dem Versprechen, das China deutschen Unternehmen einmal gemacht hat.

Aber war es damals einfacher, in China Geschäfte aufzubauen, als es heute in Indien ist? Ich stelle diese Frage Unternehmen immer wieder. Die klare Antwort lautet: nein.

Warum zögern die Unternehmen dann?

Das frage ich sie auch: Warum macht ihr es dann nicht? Natürlich gibt es in Indien viel Bürokratie und infrastrukturelle Probleme. Aber es gibt auch erfolgversprechende Bemühungen, die Bürokratie durch Digitalisierung besser beherrschbar zu machen. Das Handelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Union, zu dem die Verhandlungen im Januar dieses Jahres erfolgreich abgeschlossen wurden, wird den Beziehungen zusätzlich einen erheblichen Schub geben.

Deutschland braucht nicht nur neue Märkte, sondern auch Arbeitskräfte. Indien hat viele junge, gut ausgebildete Menschen, für die es im eigenen Land nicht genügend Jobs gibt. Eigentlich ein perfektes Match.

In einigen Branchen auf jeden Fall. Besonders im Transportwesen sowie in Gesundheits- und Pflegeberufen in Deutschland gibt es große Hoffnungen. Und die indische Regierung hat kein grundsätzliches Problem damit, wenn junge Inder zur Ausbildung oder zur Arbeit ins Ausland gehen.

Warum nicht?

Weil am Ende häufig etwas zurückkommt. Das können Überweisungen an die Familien sein, Menschen können später nach Indien zurückkehren oder langfristig Brücken zwischen deutschen und indischen Unternehmen bauen. Gleichzeitig hat Indien selbst viele gut ausgebildete Menschen, die es im eigenen Land nicht alle unterbringen kann.

Gleichzeitig erstarkt in Deutschland die AfD. Der Bundeskanzler spricht über Probleme im "Stadtbild". Sorgen sich indische Politiker, ob ihre Landsleute in Deutschland überhaupt noch willkommen sind?

Nein, diese Sorge ist mir gegenüber überhaupt nicht geäußert worden. Ich glaube, dass Inder eine hohe Integrations- und Arbeitsbereitschaft an den Tag legen. Viele kommen nicht als Flüchtlinge, sondern weil sie Bildung oder wirtschaftlichen Erfolg suchen. Deutschland hat zudem schon lange Erfahrungen mit indischen Arbeitskräften, beispielsweise mit Pflegepersonal aus Kerala. Ich glaube, dass die deutsche Politik der eigenen Bevölkerung gut vermitteln kann, warum diese Zuwanderung funktioniert und für unser Land sinnvoll ist.

Zum Abschluss: Deutsche Unternehmen drängen nach Indien, Deutschland sucht dort Fachkräfte und neue Lieferketten. Laufen wir sehenden Auges in die nächste Abhängigkeit – diesmal nicht von China, sondern von Indien?

Ich sehe einen entscheidenden Unterschied: In Indien kann man angesichts der Staatsstruktur, der Verfassung und der Rechtsordnung darauf vertrauen, dass wirtschaftliche Entscheidungen auf Grundlage von Businessplänen getroffen werden und nicht aufgrund von Entscheidungen von Parteifunktionären in einer Parteizentrale. Natürlich entstehen bei intensiven Wirtschaftsbeziehungen zumindest zeitweise und in bestimmten Bereichen Abhängigkeiten. Aber die entscheidende Frage ist, ob ein Staat diese Abhängigkeiten politisch instrumentalisiert. Bei China besteht diese Gefahr konkret. Bei Indien sehe ich sie in dieser Form nicht.

Genau das glaubten viele deutsche Unternehmen lange auch über China. Warum sollte es diesmal anders laufen?

Das Handelsabkommen zwischen der EU und Indien schafft dafür einen verlässlichen Rahmen. Die Bedingungen wären ziemlich fest vereinbart und könnten nicht einfach von einer Seite ausgehöhlt oder infrage gestellt werden. Zudem verhandeln die EU und Indien auch über ein Investitionsschutzabkommen. Der Rahmen der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Indien wäre damit deutlich unabhängiger von staatlichen Interventionen, als wir das etwa aus China oder Russland kennen. Darin liegt für mich ein entscheidender Unterschied.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hardt.