UN-Generalsekretär Guterres: "El Niño gießt Öl ins Feuer eines Planeten, der bereits in Flammen steht"
Alarmsignale
UN-Generalsekretär Guterres: "El Niño gießt Öl ins Feuer eines Planeten, der bereits in Flammen steht"
Die Meerestemperaturen sind derzeit so hoch wie noch nie. Alles deutet auf eine Verstärkung von El Niño und global überhöhte Temperaturen hin. Auch Waldbrände fachen die Erderwärmung weiter an
Karin Krichmayr
Während Europa unter einer neuerlichen Hitzewelle und heftigen Waldbränden ächzt, braut sich im Pazifik der möglicherweise stärkste El Niño seit 150 Jahren zusammen. In Kombination mit der Erderwärmung könnten die Jahre 2026 und 2027 das bisherige wärmste Jahr der Messgeschichte, 2024, übertreffen.
Dabei ist das regelmäßig wiederkehrende Klimaphänomen El Niño erst im Anrollen, legt aber weiterhin stetig an Stärke zu. Die Weltwetterorganisation WMO rechnet daher in ihrer aktuellsten Saisonprognose für die Monate August bis Oktober damit, dass El Niño gemeinsam mit den außergewöhnlich warmen Ozeanen in den kommenden Monaten die globalen Klimamuster dominieren und die Wetterverhältnisse in vielen Regionen prägen wird.
Vor allem prognostizieren die Daten eine "überwältigende Wahrscheinlichkeit" für überdurchschnittlich hohe Temperaturen in fast sämtlichen Regionen der Welt. Besonders deutlich trifft das Südeuropa, Afrika, den Nahen Osten, Süd- und Ostasien sowie Mittel- und Südamerika. Dazu kommen erhebliche Verschiebungen in den Niederschlagsmustern: In einigen Regionen wie in Südeuropa und an der amerikanischen Westküste wird im Spätsommer und Herbst mit feuchteren Bedingungen als üblich gerechnet, während in anderen, etwa in Nordeuropa, Indien und Australien, das Dürrerisiko steigt.
Rekordheiße Meere
Die Prognosen der führenden globalen Organisationen deuten darauf hin, dass die saisonalen Durchschnittsabweichungen der Meeresoberflächentemperatur in den wichtigen Beobachtungsregionen bislang beispiellose 2,9 Grad Celsius noch überschreiten werden. Der Höhepunkt dürfte im Oktober mit einer Abweichung von üblichen Ozeantemperaturen von 3,4 Grad erreicht werden. Das entspräche einem El-Niño-Ereignis, das die bisher stärksten beobachteten El Niños in den Jahren 1997/98, 2015/16 und 2023/24 in den Schatten stellen würde. Einzelne Prognosen gehen von noch höheren Abweichungen aus.
"El Niño steht nicht nur vor unserer Haustür – er ist bereits im Haus und dreht die Heizung auf", sagte UN-Generalsekretär António Guterres in einem Statement am Freitag. "El Niño gewinnt an Stärke – und gießt Öl ins Feuer eines Planeten, der bereits in Flammen steht, mit sengenden Hitzewellen, apokalyptischen Waldbränden und rekordheißen Meeren." Mehr Kohle, Öl und Gas würden zu einer noch brisanteren Zukunft führen; die Verbrennung fossiler Brennstoffe müsse gestoppt werden.
"Wenn wir nicht handeln – um die Menschen zu schützen und die Ursachen der Krise zu bekämpfen –, werden die Gefahren noch tödlicher werden. Der Auftakt ist vorbei. Wir können es uns nicht leisten, auf den Höhepunkt zu warten", sagte Guterres.
Dürren und Überschwemmungen
Zusätzlich zu einem sich verstärkenden El Niño wird ein positiver Indischer-Ozean-Dipol prognostiziert. Das ist ein Klimamuster, bei dem der westliche Indische Ozean wärmer wird, während der östliche Indische Ozean abkühlt. Zusammen können diese ozeanischen Einflussfaktoren regionale Dürren, Überschwemmungen und das Risiko von Waldbränden verstärken, insbesondere im Bereich des Indischen Ozeans. Der tropische Atlantik wiederum wird voraussichtlich überdurchschnittlich warm bleiben.
"Dieses El-Niño-Phänomen, das sich vor dem Hintergrund beispielloser Meereswärme und steigender Temperaturen entwickelt, bietet Regierungen und Gemeinden eine Chance, Risiken zu antizipieren und zu handeln, bevor sich die Auswirkungen entfalten", sagte WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo. "Die Entscheidungen, die wir heute treffen, werden die Auswirkungen prägen, die wir morgen erleben werden."
Die WMO betont im Übrigen, dass der häufig verwendete Begriff "Super-El-Niño" nicht Teil der wissenschaftlichen Klassifikationssysteme ist.
Steigende Bedrohung durch Waldbrände
Angesichts der Rekord-Hitzewellen und der verheerenden Waldbrände haben kürzlich auch die Außenminister Großbritanniens und Spaniens, Ed Miliband und José Manuel Albares, in einem Statement mitgeteilt: Die Waldbrände hätten demonstriert, "dass der Klimawandel mittlerweile einen nationalen Sicherheitsnotstand für Europa darstellt und unsere Lebensweise bedroht."
Einer aktuellen Schnellanalyse der Organisation World Weather Attribution (WWA) zufolge sind die Waldbrände in Spanien und Frankreich durch den Klimawandel deutlich wahrscheinlicher geworden. Die Wetterbedingungen, die die enorme Ausbreitung der Feuer ermöglichen, seien in Frankreich durch den menschengemachten Klimawandel mindestens doppelt so wahrscheinlich geworden, in Spanien sogar mindestens 20-mal so wahrscheinlich.
Die Waldbrände stellen nicht nur eine Gefahr für Leben und Gesundheit dar, sie heizen auch den Klimawandel an. Im Zeitraum März 2024 bis Februar 2025 wurden die CO₂-Emissionen aus Wald- und Buschbränden in einer Überblicksstudie auf acht Gigatonnen (Milliarden Tonnen) weltweit geschätzt. Das ist etwa so viel wie 20 Prozent der menschengemachten CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen im Jahr 2024. Auch wenn Europa global gesehen eine kleine Rolle spielt, wurden laut dem EU-Klimawandeldienst Copernicus im Jahr 2025 die höchsten Emissionen durch Waldbrände in Europa seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen.
Die heurige Waldbrandsaison könnte das toppen: Allein die diesjährigen Waldbrände in Frankreich haben bisher knapp 100.000 Hektar Fläche erfasst und damit deutlich mehr als jemals zuvor seit Aufzeichnungsbeginn. Laut ersten Abschätzungen aus Satellitendaten wurden dabei ungefähr vier Millionen Tonnen CO₂ freigesetzt, so viel wie Frankreich ungefähr pro Woche emittiert, sagte Robert Wagner vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung dem Wissenschaftskommunikationsportal Science Media Center.
Ruß erwärmt die Atmosphäre
Auf die Luftqualität in unseren Breiten haben die Waldbrände derzeit "keine nennenswerten Auswirkungen", sagt Wagner. Die Rauchschwaden kommen hierzulande nur stark verdünnt in großen Höhen an, das zeigt auch die neue Fire Emissions Watch des Copernicus-Atmosphärendiensts CAMS.
Der Einfluss von Waldbrandaerosolen auf die Atmosphäre – wie die Wechselwirkung von Rauchpartikeln mit Wolken oder der Ozonschicht – ist noch nicht vollständig erforscht, räumt Wagner ein. Sie können jedoch vielfältige Auswirkungen auf Wetter und Klima haben: Zum einen streuen und absorbieren Rauchpartikel die Sonnenstrahlung, was je nach Dicke der Rauchschicht die bodennahe Temperatur um einige Grad verringern kann. Zum anderen dienen Rußpartikel als Wolkenkeime und können die Bildung von hohen, dünnen Eiswolken fördern. Diese mindern die Sonneneinstrahlung am Boden, allerdings halten sie auch die langwellige Abstrahlung von der Erde zurück und wirken mutmaßlich weiter erwärmend, erklärt der Experte.
"Gleichzeitig erwärmt der Ruß durch Absorption der Sonnenstrahlung die Atmosphäre. Diese Erwärmung kommt zur erwärmenden Wirkung der Treibhausgasemissionen der Feuer noch zusätzlich hinzu", sagt Wagner. "Somit sind Waldbrände langfristig mit einer weiteren Zunahme der Erderwärmung verbunden." (Karin Krichmayr, 31.7.2026)
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