Wie Polit-Rebell Claudio Zali das Tessin aufmischt
Unbequemer Tessiner
Dieser Rebell-Regierungsrat legt sich mit allen an – und riskiert seine Karriere
Er provoziert die SVP, stellt sich gegen Bern und Rom und urteilt, als wäre er in einem Gerichtssaal. Der Tessiner Regierungspräsident Claudio Zali politisiert kompromisslos. Damit ärgert er nicht nur seine Gegner, sondern riskiert auch seine politische Zukunft.
Publiziert: 11:45 Uhr
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Aktualisiert: vor 56 Minuten
Darum gehts
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- Claudio Zali sorgt im Tessin und national für politische Spannungen
- Er provoziert mit Entscheidungen wie zurückbehaltene Zahlungen an Italien
- SVP kündigt gemeinsame Wahllisten, Zalis Wiederwahl ist gefährdet
Céline ZahnoRedaktorin Politik
«Siete Nulli» – «ihr seid Nullen». Selten spricht ein Tessiner Staatsrat so deutlich. Doch Claudio Zali (64) hat genug. Genug von der SVP, die er im vergangenen Dezember im Parlament derart beschimpft. Brisant: Ausgerechnet die SVP verhalf dem Lega-Mann zu seinem Amt.
Die Lega ist eine Tessiner Eigenheit, eine eigene Partei, die eng mit der SVP verbunden ist. Oder war. Denn es blieb nicht bei der Aussage: In einer «Teleticino»-Sendung mit Zali tauchten T-Shirts mit dem Spruch auf. Das ohnehin zerrüttete Verhältnis der Schwesterparteien erreichte einen Tiefpunkt.
Jahrelang profitierten beide Rechtsparteien von gemeinsamen Wahllisten. Nun zieht die SVP die Reissleine und will bei den nächsten Wahlen 2027 mit einer eigenen Liste kandidieren. Wobei: Es ist vor allem Zali, mit dem die SVP nicht mehr zusammenarbeiten will.
Regierungspräsident im Kreuzfeuer
Seit Zali im April Regierungspräsident wurde, steht er wegen seiner eigenwilligen Aktionen unter Dauerbeschuss.
Zuletzt sorgte sein Konfrontationskurs mit Rom und Bern für Schlagzeilen. Italien will mit einem Aufschlag für Grenzgänger höhere Löhne für Ärzte und Pfleger finanzieren und so die Abwanderung in die Schweiz bremsen. Das Tessin fürchtet, dass sinkende Nettolöhne den Kanton als Wirtschaftsstandort schwächen. Just am Tag, als Finanzministerin Karin Keller-Sutter (62) Gespräche in Rom führte, verkündete Zali, einen Teil der Gelder für Italien künftig zurückzuhalten. In einem Gastbeitrag zog er zudem scharf über Italien und dessen Botschafter in der Schweiz her.
Auch im eigenen Kanton sorgt er für Wirbel. Er organisierte ein Treffen mit Beamten, um über einen 14-Jährigen zu sprechen, der in einem Gefängnis für Erwachsene sitzt. Das Problem: Zali soll die Mutter des Minderjährigen persönlich kennen.
Lega-Mann mit grünem Anstrich
Der Legist eckt überall an. Wer mit Kennern der Tessiner Politik spricht, merkt schnell: Zali passt in keine Schublade.
Obwohl er Lega-Mitglied der ersten Stunde ist, bricht er regelmässig mit der Parteilinie. In einem Interview bezeichnete er sich einmal als den «Umweltbeauftragten» der Bewegung – das, obwohl er eine Schwäche für Sportwagen und Autorennen hat.
Er wollte eine Parkplatzsteuer einführen und machte er sich für die kantonale Abfallsackgebühr stark, obwohl sie ausgerechnet von der Lega bekämpft wurde. Auch wegen seines Umgangs mit dem Wolf geriet er bei den Bürgerlichen in die Kritik. Kürzlich erklärte Zali sogar, er fühle sich den Grünen näher als der SVP.
Die Tessiner Grünen-Nationalrätin Greta Gysin (42) will das nicht ganz so stehenlassen, meint aber: «Für einen Lega-Politiker hat er ein bemerkenswertes Verständnis für grüne Anliegen.»
«Was er für richtig hält, zieht er durch»
«Zali ist kein wirklicher Lega-Mann», sagt auch sein langjähriger Weggefährte Paolo Beltraminelli (64). «Er und die Partei haben lediglich voneinander profitiert.» Der ehemalige CVP-Staatsrat Beltraminelli sass bis 2019 zusammen mit Zali in der Kantonsregierung, sie kennen sich seit dem Studium.
Tatsächlich musste Zali, als er Regierungsrat wurde, keinen Wahlkampf führen: 2013 rückte er als Polit-Neuling kampflos für einen verstorbenen Staatsrat nach. Das Tessiner Proporzsystem machte es möglich.
Seine Vergangenheit präge ihn bis heute: Viele Jahre lang war Zali Strafrichter – ein Amt, das er verinnerlicht habe. «Zali ist kein klassischer Politiker und war es auch noch nie», sagt Beltraminelli. «Als Richter entschied er praktisch allein. Das macht er heute noch so. Was er für richtig hält, zieht er durch. Kompromissbereit ist er kaum.»
Zali gilt als distanzierter Einzelgänger, der Sitzungszimmer oft betritt und verlässt, ohne zu grüssen. Manche nennen ihn sogar scheu. Trotz dieser Eigenschaften wundern Beltraminelli die kürzlichen Provokationen Zalis nicht – das sei eben der Richter in ihm. «Als Richter entscheidest du und verkündest danach lautstark dein Urteil. Genau so politisiert Zali.»
Blick hätte auch gerne mit Zali selbst gesprochen. Sein Sprecher liess allerdings ausrichten, dass er derzeit in der Sommerpause sei.
Bruch mit der SVP gefährdet Zalis Wiederwahl
Mit seinem Stil hält Zali inzwischen nicht nur das Tessin, sondern auch die Bundespolitik auf Trab. Der Bundesrat um Finanzministerin Keller-Sutter «bedauerte» den Entscheid der Tessiner Kantonsregierung, die Zahlungen nach Italien auszusetzen.
Doch wie lange kann Zali noch regieren? Die SVP hat an Wähleranteil zugelegt, bei den letzten Wahlen hat er stark von der gemeinsamen Liste profitiert. «Wir wollen den Wählern wieder eine eigene Lösung bieten», sagt Piero Marchesi (44), der SVP-Kandidat für die kommenden Wahlen.
Mit seinen Sticheleien gegen die Schwesterpartei riskiert Zali auch seine eigene Wiederwahl. Das scheint ihn wenig zu kümmern – er fährt seine Linie und macht, was er für richtig hält. Der Richter bleibt kompromisslos.