Ungarnaufstand 1956: Wie die Stasi die Rebellion in Berlin niederschlug


Grau und abweisend erhebt sich die alte Villa an der Puschkinallee 49 in Berlin-Treptow. Nichts lässt erahnen, dass sich hinter ihren dicken Mauern einst ein kleines Stück Weltgeschichte abspielte. In den frühen Jahren der DDR residierte hier die Gesandtschaft der Volksrepublik Ungarn. Als das Land im Herbst 1956 von einem bewaffneten Volksaufstand erschüttert wurde, kam es auch hier zur offenen Rebellion – ein Ereignis, das selbst ungarischen Diplomaten heute völlig unbekannt ist.

Licht in das Geschehen bringen einst streng geheime Akten der ungarischen Staatssicherheitsbehörde ÁVH. Die ungarische Stasi unterhielt nämlich an der Gesandtschaft eine geheime Residentur, die die Ereignisse akribisch festhielt. Da das Archiv der kommunistischen Geheimpolizei inzwischen zugänglich ist, kann man dort nachlesen, was sich in der Villa zugetragen hat.

Berlin war damals ein Eldorado der Spionage. Nur wenige Kilometer voneinander entfernt standen sich östliche und westliche Geheimdienste gegenüber. Die Agenten mussten nur in die U-Bahn steigen, um in den jeweils anderen Machtbereich zu gelangen, denn die Mauer existierte noch nicht.

100.000 Demonstranten auf den Straßen

Die ungarische Residentur arbeitete eng mit der Stasi zusammen. Ihr Leiter Sándor Lakatos traf sich dazu alle zehn bis zwölf Tage mit dem deutschen Verbindungsoffizier, bei wichtigen Angelegenheiten auch direkt mit Erich Mielke, damals noch Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit. Insgesamt vier Offiziere infiltrierten mit ihren Agenten vor allem ungarische Emigrantenorganisationen und den US-Sender Radio Freies Europa.

Von den Ereignissen in Budapest erfuhr die Botschaft – die damals noch den Status einer Gesandtschaft hatte – nur mit Verspätung. Am 23. Oktober 1956 hatten Studenten in Ungarns Hauptstadt zu einer Kundgebung für Polen aufgerufen, der sich im Laufe des Nachmittags immer mehr Menschen anschlossen. Am Abend strömten rund 100.000 Demonstranten zum Stadtwäldchen, wo sie die gigantische Stalin-Statue zu Fall brachten.

Als die ersten Schüsse fallen

Die Diplomaten in Berlin reagierten überraschend positiv. „Die Empörung der Arbeiter und des gesamten Volkes wurde als gerechtfertigt angesehen“, berichtete Lakatos später. „Selbst als die ersten Schüsse fielen, war man noch der Ansicht, dass dies nicht gefährlich sei und keine ernsthaften Probleme verursachen würde.“

Doch zwei Tage später eskalierte die Lage in Budapest. Als sich Zehntausende vor dem ungarischen Parlament versammelten, eröffneten Scharfschützen der ÁVH von den umliegenden Dächern das Feuer. Mindestens hundert Menschen starben bei dem Massaker. Siegesgewiss telegraphierte die Geheimdienstzentrale an die Berliner Residentur: „Wir kämpfen seit drei Tagen gegen diese konterrevolutionären Gruppen und werden sie in Kürze liquidieren.“

Ehemalige ungarische Botschaft in der Puschkin-Allee in Berlin-Treptow
Ehemalige ungarische Botschaft in der Puschkin-Allee in Berlin-TreptowF.A.Z.

Wenig später wendete sich das Blatt. Auf sowjetischen Druck wurde der unbeliebte Parteichef Ernő Gerő durch János Kádár ersetzt. Imre Nagy, der schon am Vortag neuer Ministerpräsident geworden war, kündigte zudem im Radio umfassende Reformen an. Mit der Sowjetunion werde man auch über einen Abzug der auf den Straßen der Hauptstadt patrouillierenden Truppen verhandeln.

Um den Reformprozess voranzutreiben, wurde im ungarischen Außenministerium nun ein „Revolutionskomitee“ gegründet. Als Botschaftsrat János Beck, der den erkrankten Gesandten vertrat, davon erfuhr, berief er unverzüglich eine Versammlung ein, um in Berlin dasselbe zu tun. Wie Kádár war er ein Opfer der stalinistischen Säuberungen gewesen, aber seit zwei Jahren rehabilitiert.

Am 26. Oktober wählten die Botschaftsmitarbeiter einen dreiköpfigen Revolutionsausschuss. Er verlangte, dass sich die an der Gesandtschaft tätigen ÁVH-Offiziere offenbaren sollten. Zudem forderte er, dass der stalinistische Botschafter Emánuel Safrankó abgelöst werde – was das Außenministerium telefonisch auch genehmigte. An der ungarischen Handelsvertretung bildete sich ebenfalls ein Komitee.

Die Freude über den Sieg währte nur kurz

In Budapest schien die Revolution inzwischen endgültig gewonnen zu haben. Nachdem Polizisten und Soldaten massenhaft übergelaufen waren, stellte sich Nagy am 28. Oktober auf die Seite der Aufständischen. Er kündigte die Auflösung der Geheimpolizei und den Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest an.

In seiner Radioansprache verkündete Nagy zudem, dass das sogenannte Kossuth-Wappen an die Stelle des kommunistischen Staatswappens treten solle. Demonstranten hatten es zuvor aus zahllosen Flaggen herausgeschnitten. In Berlin ordnete das Revolutionskomitee deshalb an, das ungeliebte Emblem auch am Eingangstor zu entfernen; auf Dokumenten sollte es im Stempel durchgestrichen werden.

Die Freude über den Sieg währte allerdings nur kurz. Die sowjetische Führung entsandte neue Truppen, die damit begannen, Budapest einzukesseln. Am 1. November verkündete Nagy deshalb den Austritt aus dem Warschauer Pakt. So wie Österreich, das die Sowjets im Vorjahr geräumt hatten, erklärte er auch Ungarn für neutral.

Denkmal des Volksaufstands 1956 in Budapest
Denkmal des Volksaufstands 1956 in BudapestPicture Alliance

Am selben Tag kam es in der Gesandtschaft zum offenen Konflikt: Auf einer Versammlung forderte das Revolutionskomitee mit Nachdruck, dass sich die als Diplomaten getarnten Geheimdienstler zu erkennen gäben. Die ÁVH-Offiziere kamen dadurch in eine „extrem unangenehme“ Lage, wie der Residenturchef berichtete. „Da eine vollständige Dekonspirierung drohte, gab ich mich selbst als die einzige derartige Person zu erkennen.“

Auskünfte über seine Arbeit verweigerte Lakatos jedoch. Da die Diplomaten vermuteten, dass er auch sie überwachte, kündigte Botschaftsrat Beck an, sich direkt beim Außenministerium zu erkundigen. Der Resident erklärte daraufhin, einem Rückruf werde er zwar Folge leisten. Doch sollte ihm etwas zustoßen oder er getötet werden, trügen die Komiteemitglieder dafür die Verantwortung

Falls unsere Position in der Botschaft unhaltbar wird

In Wirklichkeit verfolgten die ÁVH-Offiziere allerdings ganz andere Pläne. Über den Chiffreur kontrollierten sie heimlich den Telegrammverkehr der Gesandtschaft und als am 2. November ihre Rückberufung eintraf, vernichteten sie diese kurzerhand. Mit Mielke und dem tschechoslowakischen Residenten in der DDR hatten sie zudem vereinbart, dass sie in einem der beiden Länder Asyl erhielten, „falls unsere Position in der Botschaft unhaltbar wird“.

Am 4. November nahm der ungarische Volksaufstand eine dramatische Wendung: Um 5:20 Uhr teilte Nagy im Radio mit, sowjetische Truppen hätten einen Angriff auf Budapest gestartet – „mit der offensichtlichen Absicht, die rechtmäßige, demokratische ungarische Regierung zu stürzen“. Kurz darauf flüchteten er und weitere Regierungsmitglieder in die jugoslawische Botschaft.

Nur wenig später standen zwei hohe Stasi-Offiziere vor Lakatos’ Wohnungstür und erklärten, dass Mielke ihn sofort sprechen wolle. Beim anschließenden Treffen informierte er den Residenturchef über die neuesten Entwicklungen und gratulierte ihm. Die SED, so Mielke, habe bereits Kontakt zum erkrankten Botschafter aufgenommen, der sein Amt wieder übernehmen und sofort Maßnahmen ergreifen werde.

Was dann folgte, beendete den Freiheitskampf auch in Berlin. Obwohl es ein Sonntag war, hatte sich ein Großteil der Mitarbeiter in der Puschkinallee eingefunden; fast einhellig verurteilten sie die sowjetische Intervention. Um 10 Uhr zogen jedoch plötzlich DDR-Polizisten auf und blockierten den Eingang. Eine Stunde später erschien Botschafter Safrankó in Begleitung von Stasi-Offizieren und ließ Beck sowie die Mitglieder des Revolutionskomitees festsetzen.

Selbst in den Augen des Residenturchefs war dieses Vorgehen „ein schwerer politischer Fehler“. Denn die Nachricht von der völkerrechtswidrigen Verhaftung wurde sofort von westlichen Medien aufgegriffen. Nur nach langem Zureden konnte Lakatos den Botschafter davon überzeugen, den Arrest am Nachmittag wieder aufzuheben.

Immerhin blieb den Berliner Rebellen das tragische Schicksal von Nagy und seiner Regierung erspart. Denn diejenigen, die nicht ins Ausland geflüchtet waren, wurden in Ungarn später zum Tode oder zu langjähriger Haft verurteilt. Beck und das Komiteemitglied Sándor Kurtán wechselten dagegen die Seiten und wurden später sogar Botschafter. Nur Béla Kárász, der den Vorsitz des Revolutionskomitees in der Handelsvertretung führte, blieb sich treu und floh in den Westen. Doch schon bald geriet der kleine Ungarn-Aufstand in Berlin in Vergessenheit.