Ungarnkrise 1956: Die Tellen aus dem Osten
Die Schweiz zeigt sich im Herbst 1956 beispiellos solidarisch mit den Aufständischen in Ungarn. Doch das Engagement dient auch der Selbstvergewisserung – und reaktiviert die geistige Landesverteidigung.
Marc Tribelhorn23.10.2026, 14.09 Uhr
4 Leseminuten
Aktualisiert
Fröhliche Gesichter: Unter den ersten Ungarnflüchtlingen, die im November 1956 die Schweiz erreichen, befinden sich auch viele Kinder. (Bild: Photopress-Archiv / Keystone)
Als sowjetische Panzer in Budapest die zarten Freiheitsträume niederwalzen, erhebt sich in der Schweiz der Volkszorn. Wie hat man doch in den Tagen zuvor mit den tapferen Aufständischen fraternisiert! Mit jenen jungen Menschen, die das Joch Moskaus abstreifen wollen. «Winkelried Ungarn» titelte gar eine Zeitung – Magyaren und Schweizer, vereint in einer imaginierten Befreiungsgeschichte. Am 5. November 1956, dem Tag nach dem brutalen Einmarsch von Chruschtschows Truppen, bilanziert die NZZ: «Der Kommunismus hat seine lächelnde Maske fallengelassen und zeigt der Welt die Fratze der nackten Gewalt. (. . .) Die Kreise, die sich in der Schwächung oder lässigen Behandlung unserer Landesverteidigung gefielen, sind verstummt.» Der Fall ist klar: Das kurze Tauwetter nach Stalins Tod 1953 ist bereits wieder Geschichte.
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In der ganzen Schweiz kommt es zu beispiellosen Solidaritätsbekundungen für die unterdrückten ungarischen «Helden». Auf dem Lindenhof in Zürich versammeln sich trotz regnerischem Wetter 10 000 Bürgerinnen und Bürger. «Kommunismus mordet Kinder» oder «Nieder mit den Sowjets» steht auf ihren Plakaten geschrieben. Karl Schmid, der feinsinnige Germanist und Rektor der ETH, spricht den Bewegten aus dem Herzen: «Solange wir leben, wollen wir nie vergessen, was in Ungarn geschehen ist.» Und mit Rückgriff auf Wilhelm Tell fährt er fort: «Die Magyaren haben uns gelehrt: eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.» Eine zeitgleich in Bern stattfindende Grosskundgebung endet in Krawallen mit der Polizei, als die aufgebrachte Masse versucht, die sowjetische Botschaft zu stürmen. In Zürich, Bern und anderswo sind die Forderungen identisch: Hilfe für die ungarischen Kämpfer und Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion.
Spenden, Symbolik und Asyl
Während der Bundesrat die Entwicklungen in Ungarn «mit Bestürzung» zur Kenntnis nimmt, aus Neutralitätsgründen aber vor einer Demarche zurückschreckt, bilden sich in der Bevölkerung unzählige Unterstützungskomitees. Die Studentische Direkthilfe Schweiz-Ungarn, bei der sich etwa die spätere Bundesrätin Elisabeth Kopp sowie der nachmalige SP-Nationalrat Werner Renschler engagieren, organisiert Lastwagentransporte mit Hilfsgütern nach Budapest. Bauern füllen ganze Güterwagen mit Äpfeln und Kartoffeln, Frauenvereine tragen tonnenweise Kleider zusammen, und Schulkinder sammeln fast 500 000 Tafeln Schokolade. Wer kann, der hilft. Auf das Konto des Roten Kreuzes fliessen über 17 Millionen Franken – mehr als in jedem anderen Land. Tausende von Menschen spenden zudem ihr Blut für die Tellen im Osten. In den Städten finden Fackelzüge und Schweigemärsche statt; in den Gotteshäusern wird für die Freiheit Ungarns gesungen und gebetet. Und die Schweizer Sportverbände boykottieren die Olympischen Spiele in Melbourne – aus Protest gegen die sowjetische Delegation, die dort antritt. Kulminationspunkt der schweizerischen Solidarität wird schliesslich der 20. November. Um 11 Uhr 30 gedenkt das ganze Land für drei Minuten der geknechteten Ungarn: Kein Tram oder Zug fährt, in Fabriken wie Banken ruht die Arbeit, selbst der Bundesrat unterbricht seine Sitzung. «Noch nie gab es eine Feier von grösserer Würde», liest man anschliessend in der Zeitung.
Als im Laufe des Novembers immer mehr Ungarn vor den sowjetischen Häschern nach Österreich fliehen, öffnet auch die Schweiz ihre Grenzen. Der Bundesrat willigt ein, in mehreren Schritten knapp 13 000 ungarische Flüchtlinge vom Nachbarland zu übernehmen, und zwar ungewohnt unbürokratisch: «Die Schweiz nimmt alle auf, die kommen wollen, und hat keine Auslesekriterien aufgestellt», lautet die Botschaft aus Bern. Die Grosszügigkeit der Behörden ist ehrenwert und ganz im Sinne der Bevölkerung, hat aber neben humanitären auch handfeste politische Gründe: Zum einen befürchtet der Bundesrat, die Sowjets könnten angesichts der Flüchtlingswelle in den militärisch schwachen Nachbarstaat Österreich einmarschieren. Zum anderen bietet sich mit den Ungarn die Gelegenheit, es besser zu machen als im Zweiten Weltkrieg, als die eigene Flüchtlingspolitik allzu hartherzig ausgelegt wurde – und noch immer für Empörung im In- und Ausland sorgt. Carl Ludwigs ungeschminkter Bericht über die Asylpraxis jener dunklen Kriegsjahre liegt bereits 1955 vor, der Bundesrat veröffentlicht ihn aber erst 1957 – angereichert mit einem Anhang über die Willkommenskultur gegenüber den neuen Flüchtlingen.
Tatsächlich werden die ungarischen Männer, Frauen und Kinder im Gegensatz zu den von den Nazis verfolgten Juden mit offenen Armen empfangen. Für Flüchtlinge, die vor dem Kommunismus fliehen, ist das Boot nicht so schnell voll. Dank dem grossartigen Engagement der Behörden, Hilfsorganisationen und Freiwilligen integrieren sich die meisten Flüchtlinge rasch in die Gesellschaft, nicht zuletzt weil sie für die brummende Wirtschaft willkommene Fachkräfte sind. Rund 7000 von ihnen bleiben dauerhaft im Land. Die Euphorie der Schweizer Bevölkerung für die «Freiheitskämpfer» kühlt indes bereits nach einigen Monaten ab: Der einkehrende Alltag ist weniger heldenhaft.
Video: Wie die Schweizer Ungarnflüchtlinge aufnahmen:
Antikommunistischer Furor
Nachhaltig ist die innenpolitische Wirkung des Ungarnaufstandes. Berechtigte Kriegsangst kommt auf und mit ihr die Forderung nach militärischer Aufrüstung. Verteidigungsminister Chaudet denkt über eine Verminung der Ostgrenze nach, und das Parlament bewilligt flugs die Aufwertung der Panzerabwehr. Freiwillige werden im Umgang mit Molotowcocktails geschult, und Hans von Dach veröffentlicht sein Guerilla-Handbuch «Der totale Widerstand». Die geistige Landesverteidigung wird unter neuen Vorzeichen reaktiviert.
Im antikommunistischen Furor entwickelt sich ein überreiztes Klima der Feindseligkeit und der Verdächtigung gegenüber Andersdenkenden, das dem liberalen Selbstverständnis des Landes wenig entspricht. Besonders die Mitglieder der Partei der Arbeit, die sich nicht klar vom sowjetischen Terror in Ungarn distanzieren, werden angeprangert und drangsaliert, zum Teil über Jahre. Angesichts der Hetzjagden kommt selbst ein bürgerlicher Historiker wie Jean Rudolf von Salis bald zum Schluss: «Es gibt eine antikommunistische Angstpsychose.»
Dieser Artikel wurde erstmals am 21.10.2016 publiziert und am 23.10.2026 aktualisiert.
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