„Ich gehe davon aus, dass ghettoähnliche Zustände in Sachsen-Anhalt entstehen“
Ulrich Temps leitet den Malereibetrieb temps – am Standort in Magdeburg hat rund ein Drittel seiner Belegschaft einen Migrationshintergrund, unter den Auszubildenden sind es sogar mehr als 40 Prozent.
Im Interview spricht er angesichts des Wahlerfolgs der AfD über verängstigte Mitarbeiter, eine immer restriktivere Migrationspolitik und darüber, warum er den Kampf um Integration nicht der Politik überlassen will.
der Freitag: Herr Temps, die AfD machte mit einer „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“ Wahlkampf und gewann die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Wie gehen Sie als Arbeitgeber damit um?
Ulrich Temps: Ich war über das Wahlergebnis ziemlich schockiert. Trotzdem stehen wir weiterhin für Integration, Eingliederung, Einstellung und Förderung von Menschen mit Migrationshintergrund ein. Unseren Mitarbeitern mit entsprechendem Hintergrund sagen wir ganz klar, dass sie bei temps sicher sind. Wir kämpfen dafür, dass das in geordneten Bahnen weitergeht. Mit der anderen Seite, also Kolleginnen und Kollegen, die mutmaßlich AfD gewählt haben, bin ich noch nicht ins Gespräch gekommen. Wenn es zum Austausch käme, würde ich versuchen, sachlich zu diskutieren, und ganz klar fragen, wie wir den Fortbestand des Unternehmens ohne Migration sichern sollen. Wenn wir keine Menschen mehr mit Migrationshintergrund aufnehmen können, dann fehlt uns circa ein Drittel der Belegschaft, im Bereich der Auszubildenden sogar über 40 Prozent.
Stellen Sie in Sachsen-Anhalt überhaupt noch Menschen ein, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist?
Wenn sich Menschen bei uns vorstellen, bei denen wir sehen: Die sind engagiert und haben Bock auf unser Business, dann stellen wir sie ein, auch wenn ihr Aufenthaltsstatus nicht ganz klar ist. Das tun wir an all unseren Standorten und ganz explizit auch in Sachsen-Anhalt.
Darin liegt das Paradoxe: In den Bundesländern, in denen der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund relativ gering ist, ist die AfD besonders stark
Als Sie 2016 in Ihrem Betrieb ein eigenes Integrationsmodell entwickelten, mussten Sie erst einmal Ihre Belegschaft überzeugen. Sie erzählten auch von einem Beschäftigten, der fragte: „Warum holen wir uns den Bombenleger da in den Betrieb?“ Sie antworteten damals mit Diagrammen zum Altersaufbau im Betrieb und zur demografischen Notwendigkeit von Migration. Ziehen diese Argumente 2026 in Magdeburg noch?
Ich glaube, nur bedingt. In Sachsen-Anhalt hat sich irgendwie viel Frust aufgestaut. Das ist eigenartig, denn der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung ist in Sachsen-Anhalt ja mit am geringsten. Darin liegt das Paradoxe: In den Bundesländern, in denen der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund relativ gering ist, ist die AfD besonders stark.
Haben Sie gerade Leute im Betrieb, die mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus arbeiten?
Ja, haben wir. Die Leute sind natürlich sehr besorgt. Wir sprechen die Kollegen an und signalisieren ihnen ganz klar: Wenn sie sichtbar gewillt sind, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen, bescheinigen wir ihnen, dass wir sie nach bestandener Prüfung übernehmen. Diese Zusage geben wir ihnen schon vorab mit – in der Hoffnung, so ihren Aufenthaltsstatus auf dem Papier abzusichern und ihre Chancen zu verbessern.
Ich glaube, selbst ein deutscher Muttersprachler könnte das ohne rechtliche Begleitung kaum schaffen
In den vergangenen Jahren, vor allem seit 2024, ist die Migrationspolitik spürbar restriktiver geworden. Gab es Fälle, in denen Beschäftigte von Ihnen abgeschoben wurden?
Glücklicherweise nicht. Das hängt aber sicherlich auch damit zusammen, dass wir eine Volljuristin in Teilzeit beschäftigen, die all diese Verfahren begleitet und darauf achtet, dass alle Dokumente fristgerecht eingereicht werden. Ohne diese Begleitung wäre das bei dem einen oder anderen sicherlich schiefgegangen, weil es manchmal verdammt schwierig ist, zu verstehen, was man wann, wo und wie einreichen muss. Ich habe mir das mal zeigen lassen und nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ich glaube, selbst ein deutscher Muttersprachler könnte das ohne rechtliche Begleitung kaum schaffen.
Eine Juristin für die betriebsinterne Integration – das sind zusätzliche Kosten, die ein Unternehmen stemmen muss. Und das in einer Zeit, in der viele Betriebe über Personalabbau nachdenken. Wie lässt sich das, was Sie vormachen, auf andere mittelständische Unternehmen übertragen?
Man muss ganz klar sagen: Das alles bestreiten wir aus der eigenen Firmenkasse. Wir sehen das als Investition in die Zukunft. Wir haben das im Gesellschafterkreis immer wieder diskutiert und von dort das Go bekommen. Denn eines muss man sich klarmachen: Wer nicht in die Zukunft seines Unternehmens investiert, in die Aus- und Weiterbildung und in unserem Fall auch in die Integration, wird in einigen Jahren Probleme bekommen, genug Fachkräfte an Bord zu haben. Ich habe das schon mehrfach in politischen Kreisen angesprochen, aber für solche Themen gibt es aktuell keine Förderung.
Ich gehe davon aus, dass in Wohnheimen für Ausländer ghettoähnliche Zustände entstehen. Aber wir werden uns das nicht kommentarlos angucken
Was würde eine AfD-geführte Landesregierung für Ihre Personalplanung bedeuten?
Es gibt ja begleitende Maßnahmen an den Berufsschulen und Integrationskurse, die schon jetzt mächtig zusammengestrichen wurden. Man kann davon ausgehen, dass all diese Integrationsmaßnahmen gerade in Sachsen-Anhalt in kürzester Zeit kassiert werden, sobald eine von der AfD geprägte Regierung am Start ist. Und ich gehe mal davon aus, dass in Wohnheimen für Asylanten und Ausländer ghettoähnliche Zustände entstehen. Aber wir werden uns das nicht kommentarlos angucken. Wir werden zu sehen und zu hören sein. Weggucken ist keine Option!
Wie könnten Sie auf ein konstruktives Integrationsmodell aufmerksam machen?
Indem wir ganz offen zu Veranstaltungen einladen, Anzeigen schalten oder auch Leserbriefe schreiben. Wir müssen in der Öffentlichkeit sichtbar und präsent sein und deutlich machen: So wie die AfD das macht und umsetzt, geht es nicht.
Weil die AfD für Steuersenkungen wirbt, wird sie häufig als unternehmensfreundlich wahrgenommen. Könnte die AfD, rein wirtschaftlich gedacht, also auch einen positiven Effekt zeitigen?
Nein, eindeutig nein. So was habe ich auf diversen Veranstaltungen auch schon mitbekommen, aber das stimmt nicht. In Sachsen-Anhalt oder auch in Thüringen ziehen die Leute weg, weil sie gesellschaftlich gemobbt und ausgegrenzt werden. Die Betriebe haben massive Probleme, offene Stellen zu besetzen. Seit dem Jahr 2000 hat Sachsen-Anhalt fast eine halbe Million Einwohner verloren, bis 2040 wird ein weiterer deutlicher Rückgang prognostiziert. Gleichzeitig wird Zuwanderung erschwert. Diese Lage wird sich sicherlich noch unheimlich zuspitzen. Das kann auch die Entwicklung unseres Unternehmens maßgeblich negativ beeinflussen.
Je stärker die AfD und die rechten Flügel in den anderen Parteien werden, umso mehr müssen wir strampeln
Sie haben einmal gesagt, dass Sie keinen Zentimeter weitergekommen wären, wenn Sie auf den Staat gewartet hätten. Brauchen Sie den Staat inzwischen nicht dringender denn je?
Der Staat hat sich nach der letzten Bundestagswahl noch weiter zurückgezogen. Was aus Berlin kommt, wirkt sich negativ auf die Integration aus, und alles wird viel restriktiver gehandhabt. Je stärker die AfD und die rechten Flügel in den anderen Parteien werden, umso mehr müssen wir strampeln.
Dem „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ (NUiF) sollen im nächsten Bundeshaushalt die Mittel gestrichen werden. Was würde ein Wegfall des NUiF bedeuten?
Das NUiF organisiert viele Aktionen und Veranstaltungen, bei denen sich Unternehmer, die auf Migration setzen, vernetzen können. Die Mitarbeiter des Netzwerks bringen die Leute zusammen und werben für das Thema Integration. Wenn das alles wegfällt, fehlen uns wichtige Instrumente, um unsere Arbeit nach außen hin sichtbar zu machen und Wissen zwischen Unternehmen auszutauschen. Unsere Bundeswirtschaftsministerin, Frau Reiche, will im nächsten Haushalt keine Gelder mehr für das Netzwerk bereitstellen und es damit wirtschaftlich plattmachen.
Die Vernünftigen, die nach vorne schauen und weiterdenken, diese Menschen werden nicht aussterben
Sollte Wirtschaftsministerin Reiche ihren Plan umsetzen, könnte das Netzwerk ab 2027 nicht mehr weiterarbeiten. Was will das Netzwerk dagegen tun?
Ich habe gerade erst mit den Mitarbeitern des NUiF in Berlin gesprochen. Sie sortieren sich jetzt und versuchen, Kampagnen anzuschieben. Dabei sind alle Mitgliedsunternehmen gefragt, sich zu positionieren. Wenn die Politik solche sehr guten Aktivitäten wirtschaftlich plattmacht, spielt das den politischen Kräften in die Karten, die Integration ohnehin bekämpfen. Positive Beispiele werden weniger, und letztlich macht Frau Reiche damit den Blauen die Betten. Das ist so was von kurzsichtig!
Wird Integration als politisches Modell überleben?
Ja, auf jeden Fall. Die Dummen werden leider mehr werden. Und es sind ja nicht nur die Dummen, sondern auch die Bornierten, die Kurzsichtigen, von denen es immer mehr gibt. Aber die Vernünftigen, die nach vorne schauen und weiterdenken, diese Menschen werden nicht aussterben.
Ulrich Temps leitet seit 1993 das von seinem Vater Fritz Temps gegründete Malerunternehmen temps. Mit Standorten in Magdeburg, Hamburg und Hannover zählt es zu den größten Malerunternehmen Deutschlands. Temps engagiert sich im „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ der DIHK und ist durch seinen Einsatz für die Arbeitsmarktintegration Geflüchteter auch über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden. Seit Juli 2026 teilt er sich die Geschäftsführung mit zwei Nachfolgern.